Autorin Seyran Ateş über den IS-Terror

Die deutsche Muslimin Seyran Ateş übt scharfe Kritik an den westlichen Regierungen und deren Anteil am IS-Terror. Sie fordert Europa auf, endlich für seine Werte einzustehen. Und für Champagner-Karikaturen.

WIENERIN: Charlie Hebdo hat auf die Anschläge mit einem Cover reagiert, auf dem man einen durchsiebten Mann sieht, der aber Champagner trinkt. Die Zeile dazu ist sinngemäß: Ihr habt Waffen, wir Champagner – ihr könnt uns mal. Finden Sie das gut?

Seyran Ateş: Das ist eine super Reaktion. Ich trinke keinen Alkohol und finde das trotzdem toll. Das ist eine geniale Karikatur. Genau so habe auch ich innerlich reagiert. Ihr könnt machen was ihr wollt, ich könnt mein Freiheitsbestreben nicht stoppen. Ihr könnt mich töten, ok. Aber meine innere Haltung wird bleiben und ich werde nicht sagen: 2 und 2 ist 5. Und deshalb finde ich diese Karikatur fantastisch. Wir haben schon andere Diktaturen überlebt und wir müssen jetzt mit diesen Leuten kämpfen. Es ist ein Krieg und es ist vollkommen richtig, dass man es Krieg nennt. Gotteskrieger haben dem Westen den Krieg erklärt, da brauche ich dann kein Sprachspiel bei uns draus machen, ob man den Begriff krieg verwenden darf. Es ist Krieg, aber wir haben schon anderes überstanden, wie haben Hitler überstanden, wir werden den IS überstehen.

Champagner-Karikaturen Charlie Hebdo
"Wir haben Champagner": Charlie-Hebdo-Cover nach den Anschlägen von Paris

Frau Ateş, Sie wurden Opfer eines islamistischen Attentats, das Sie nur durch Glück überlebt haben. Sie leben seit dem ein von der Polizei permanent geschütztes Leben – wie nah ging Ihnen Paris - im Wissen, dass Sie selbst für Islamisten ein permanentes Ziel sind?

SEYRAN ATES: Es ging mit sehr nahe und geht mir bis jetzt sehr nahe, denn es brechen Erinnerungen auf. Doch das, was in den 80er Jahren passiert ist, kann man mit 2015 und Paris nicht vergleichen. Die Situation ist sehr viel bedrohlicher geworden. Es gibt heute einen IS, der sich aus Erdölfirmen finanziert. Das ist eine Tatsache. Dieser IS hat sehr viel mehr Personal, Geld und Entschlossenheit als die Attentäter von damals. Diese Leute haben ja Unmengen an Waffen – und die haben sie mehrheitlich vom Westen gekauft. Es gibt hier also auch eine Verantwortung im Westen. Ich habe das Gefühl, dass der Westen zwar betroffen, aber machtlos ist. Und natürlich ist es ein Angriff auf die Werte der französischen Revolution, auf unser selbstbestimmtes Leben. Aber wo ist denn die Verantwortung des Westens? Der Westen kann doch nicht die ganze Zeit die Hand in den Schoß legen und sagen, wir verurteilen das, aber wenn es darum geht, selbstkritisch zu schauen: womit habe ich selbst dazu beigetragen? schaut man weg…

Meinen Sie Waffenexporte?

Ja auch - oder sich nicht energisch genug gegen die Waffenindustrie gestellt zu haben. Wir liefern die Waffen, mit denen sie uns umbringen. Das ist doch absurd. (Anm. Deutschland und Frankreich sind am Platz 4 und 5 der Waffenexporteuer der Welt, Nr. 1 ist mit weitem Abstand die USA)

In unserem letzten WIENERIN-Interview, kurz nach dem Attentat auf Charlie Hebdo, sagten Sie, es würden sicher weitere Angriffe geben. Waren Sie von diesem Terrorangriff jetzt folglich nicht überrascht?

Nein, null. Absolut nicht. Ich hab mich gewundert, dass es nicht schon früher passiert ist. Und an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit ein Attentat zu verüben, das ist ihre Strategie. Wenn du dich rechts wegduckst, kriegst du links das nächste. Die hatten jetzt lange genug Zeit, sich vorzubereiten und auch Waffen zu kaufen. Und was passiert hier? Ich meine, es gibt einen Verfassungsschutz, aber wo ist der und was macht der? Wir hören, dass der Verfassungsschutz einen immensen Mangel an Personal hat. Ist das nicht geradezu selbstmörderisch? Seit Jahren, in Wahrheit seit dem 11. September weiß man, was hier los ist und trotzdem wird der Verfassungsschutz nicht personell aufgestockt? Oder gibt es andere Gründe, warum der Verfassungsschutz offensichtlich nicht alles mitbekommt. Bzw. kann es natürlich auch sein, dass wir Bürger nicht wirklich gut informiert werden, unter anderem damit wir nicht in Panik geraten.

In einer südöstlichen türkischen Stadt haben Menschen diesen IS-Anschlag gefeiert. So etwas sollte der türkischen Regierung vorgehalten werden. Da fuhren Leute im Auto-Konvoi und hupten und jubelten über die Anschläge in Paris. Und niemand hat sie gestoppt und inhaftiert - es wurde lediglich in den Nachrichten gezeigt.

Auch in Österreich fragt man sich, warum man über die Attentäter nichts wusste. Schließlich war einer von ihnen in Österreich, wurde sogar von der Polizei angehalten – und über ihn gab es offenbar keine Information….

Ja, das fragt man sich auch zu recht. Wir haben seit vielen Jahren eine erhöhte Gefährdung, in Paris seit Charlie Hebdo, in New York seit dem 11. September, wir haben den Anschlag auf die U-Bahn in Großbritannien gehabt, in Mali und und und. Dennoch fragt man sich: Wo ist der Verfassungsschutz?

Die Flüchtlingsbewegung nach Europa macht manchen Angst, auch Angst vor muslimischen Männern, die mit einem patriachalen Wertesystem zu uns kommen. Und andererseits gibt es natürliche eine sehr starke Solidarität mit Flüchtlingen. Wie beurteilen Sie diese Ambivalenz?

Wir müssen Flüchtlingen aufnehmen, das ist überhaupt keine Frage. Das ist Nächstenliebe, Menschlichkeit und gesetzlich auch so vorgesehen, denn Menschen, die vor Krieg flüchten gehört geholfen. Aber: Wir müssen ihnen auch sagen - Ihr seid hierhergekommen aus Furcht und Flucht vor dem Krieg. Ihr müsste aber wissen, in welches Land ihr gekommen seid. Das ist kein islamisches Land, sondern ein christliches. Unsere Werte sind anders, - wenn sie sich in den Grundideen eigentlich auch sehr ähnlich sind- und wir werden jetzt nicht – nur weil ihr hierherkommt – unser Wertesystem ändern. Und wenn ihr das wisst, seid ihr herzlich willkommen. Wir haben durch die Aufklärung und französische Revolution, durch Freiheitskämpfe, die sexuelle Revolution, und die Frauenbewegung viel erreicht. Wir haben eine Haltung zu Religion und Politik – ihr befindet euch jetzt in einem säkularen System, wo wir kein Problem mit Atheisten und gleichgeschlechtlichen Paaren haben. Im Gegenteil. All das müssen wir mitteilen, weil Schlepper und andere Leute derzeit zu diesen Menschen andere Dinge sagen, wie z.B.: Es geht dir schlecht? Dann geh nach Österreich oder Deutschland - dort fließt Milch und Honig.

Sie selbst haben ein Buch geschrieben in dem Sie eine sexuelle Revolution für den Islam gefordert haben. Diese Revolution gibt es nicht, aber der Islam wird in Europa eine größere Rolle spielen – ob wir das jetzt kommuniziert oder nicht. Müssen wir uns in Europa auf einen emanzipatorischen Rückschritt einstellen?

Wenn wir weiterhin nur zuschauen, dann müssen wir uns darauf einstellen, dass es europäische Frauen geben wird, die sich – wenn auch nur partiell - beginnen zu verhüllen, damit sie den Blicken muslimischer Männer nicht mehr ausgesetzt sind. Es geht also darum, unsere Werte, für die wir so lange gekämpft haben trotz steigender Migration - oder vielleicht sogar mit ihr - aufrecht zu erhalten. Es muss genauer hingeschaut werden, wer sind denn die Muslime, die mit Säkularität kein Problem haben. Die mitgestalten wollen. Diese Muslime können die Brückenbauer für die Flüchtlinge sein, damit es mit der sogenannten Integration gut funktioniert.

Es gibt die Internetbewegung #notinmyname, wo sich Muslime, auch viele Frauen, deklarieren und für einen liberalen Islam eintreten. Was halten Sie davon?

Die allermeisten Muslime und muslimischen Verbände haben in den letzten Jahren mantramäßig nach solchen Anschlägen gesagt: Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Ich finde es also gut, dass jetzt mehr aufstehen und finden, dass man innerhalb der muslimischen Gemeinschaft sich damit auseinandersetzen muss. Deshalb erheben jetzt viele ihre Stimme.

Weil die Anschläge mit dem Islam zu tun haben…

Es hat mit dem Islam zu tun. Du meine Güte, diese Leute rufen „Allahu Akbar“. Das sind Muslime, das ist deren Verständnis vom Islam.

Jetzt werden viele Maßnahmen überlegt, um Radikalisierte besser überprüfen zu können. elektronische Fußfessel für rückgekehrte Syrien Kämpfer oder die Aberkennung einer Doppelstaatsbürgerschaft . Aber: Warum sollen Syrien-Kämpfer überhaupt wieder nach Europa gelassen werden?

Ja, warum lässt man sie rein? Ich verstehe das auch nicht. Warum sollen sie ein Recht darauf haben? Selbst wenn sie die österreichische Staatsbürgerschaft haben. Wenn wir doch wissen, was dort passiert, finde auch ich: Jeder, der dort hingegangen ist, soll doch verdammt noch mal dort bleiben. Aber wir sagen derzeit: Aha, du hast dich also dort ausbilden lassen, tja dann komm doch wieder rein und mach deine Anschläge hier oder überzeuge ein paar Jugendlich von deinen Ideen. Das ist doch absurd!

Kommentatoren sagen: Es war ein Angriff auf die Art wie wir in Europa leben – kann man diesen Werte-Krieg denn überhaupt gewinnen?

Dazu muss ich kurz ausholen: Wenn in Österreich und Deutschland Ehrenmorde passiert sind, bei denen Frauen von ihren Männern und noch öfter von ihren Brüder getötet wurden, hieß es immer: Sie hat gelebt wie eine Österreicherin, wie eine Deutsche. Und das alles jetzt ist ein Angriff auf das selbstbestimmte Leben, eben wie wir leben: Und wenn wir „wie wir leben“ einschränken und uns vielleicht verhüllen, weil wir niemanden verletzten wollen oder machen keine Ausstellungen mehr mit Aktgemälden oder feiern nicht mehr Weihnachten oder nennen es anders, machen aus Weihnachts- Wintermärkte, wenn wir also den Ausverkauf der Werte so hinnimmt, dann gewinnt man nichts.

Also wie kann man diesen Werte-Krieg dann gewinnen?

Indem wir weiterhin leben. Indem wir unser Leben verteidigen und keinen Schritt zurückweichen. Indem man Integrationskurse macht und verlangt, dass Männer mit Frauen in einem Raum sind, wo sie unterrichtet werden. Man muss aufhören mit diesem Nachgeben. Und eben keinen muslimischen Frauenschwimmkurs anbietet oder ein eigenes muslimisches Schwimmbad errichtet. Eben nicht.

Aktuell