Autokindersitze im Test

Der ÖAMTC rät zu Vorsicht beim Kauf von Autokindersitzen, denn teuer ist nicht gleich gut. Rückwärtsgerichtete Sitze für Kleinkinder weisen zum Teil große Mängel auf und manche Sitze strotzen nur so vor Schadstoffen. Der Leiter der Testabteilung, Stefan Kerbl, verrät, auf was Eltern achten sollten.

Jedes Jahr checkt der Automobilclub ÖAMTC mit seinen Partnern, dem Deutschen und dem Schweizer Automobilclub und der Stiftung Warentest, die Qualität von neuen Autositzen. Getestet werden Schadstoffgehalt jener Teile, mit denen die Kinder in Kontakt kommen, Bedienungsfreundlichkeit, Sicherheit und die Verarbeitung.

Die Ergebnisse sind oft eine kleine Überraschung. Zum Teil steigen die Sitze von renommierten Firmen schlecht aus, während jene vom Diskonter ganz gut abschneiden.
Typischich.at hat Stefan Kerbl, den Leiter der Testabteilung befragt, woran das liegt und auf was Eltern beim Kauf und der Handhabung achten müssen.

Schadstoffgehalt

Die Stiftung Warentest lässt jene Teile in Labors untersuchen mit denen die Kinder in direkten Kontakt kommen, also den Bezug und die Gurtpads. Das Ergebnis ist manchmal fatal, erklärt Stefan Kerbl: „Die Kunststoffteile sind sauber, aber in den Farben und Flammschutz (Brandhemmern) der Bezüge sind teilweise Substanzen drinnen, die krebserregend wirken, Hormonen ähneln oder Einfluss auf die Zellstruktur haben. Das kann für ein Kind schlimme Folgen haben. Und wenn es mit 25 Jahren draufkommt, dass es zeugungsunfähig ist, weiß keiner mehr, woran das liegt.

Deswegen testen wir auf mehr als 100 Substanzen und fahren auch eine harte Linie, wenn giftige Stoffe enthalten sind." Dann lautet das Urteil: Nicht genügend. Und das ist auch gut so, denn für den Konsumenten ist eine derartige Kontrolle selbst unmöglich. Er ist auf die Ergebnisse solcher Tests angewiesen. Zudem die Checks die Firmen zu Änderungen zwingen. Die Firma Römer zum Beispiel bietet zum Beispiel bei einem Sitz, der wegen Giftstoffen in den Gurtpads mangelhaft abgeschnitten hat, den Kunden kostenlose Ersatzprodukte an.

Rückwärtsgerichtete Sitze/ Rebounder

„Die Diskussion um rückwärtsgerichtete Sitze ab einem Jahr ist sehr interessant. Grundsätzlich stimmt es schon, dass der Kopf von Kleinkindern sehr schwer ist und die Halswirbelsäule bei einem Aufprall mehr belastet wird", erklärt der Experte. „Die Theorie ist somit richtig, nur leider schaut es in der Praxis so aus, dass diese Sitze schwer einzubauen sind und bei einem Seitenaufprall, der öfter vorkommt als ein Frontaufprall, schlechter in punkto Sicherheit abschneiden. Sie sind einfach nicht so gut mit dem Auto verankert. Noch vorne gerichtete Sitze liegen hingegen fest an der Rückbank auf. Wir hatten sogar einen Sitz bei dem die Isofix-Verankerung bei einem simulierten Crash gebrochen ist und der Sitz ist dann durch die Luft geflogen."


Er rät dazu, die ohnehin nach hinten gerichtete Babyschale so lange wie möglich zu verwenden: „Das ist der sicherste Kindersitz überhaupt und der geht bis zu einem Gewicht von 13 Kilo. Wichtig ist, dass die Gurte passen und beim Schlüsselbein des Kindes herauskommen und dass der Kopf nicht über den Sitz schaut. Ob die Beine angewinkelt sind, ist egal. Das wird auch beim rückwärtsgerichteten Sitz nicht besser. Somit kann er meist locker bis zum 15. - wenn nicht sogar bis zum 18. Lebensmonat verwendet werden. Die meisten Eltern steigen zu früh um, weil sie die Anleitung nicht lesen und nicht wissen, wie man die Gurte verlängert oder oft sind auch noch Sitzverkleinerer beim Kopf und unter dem Bezug auszubauen."

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Die optimale Sicherheit

Den besten Schutz bekommen Kinder, wenn sie so lange wie möglich in den kleineren Sitzen bleiben. Das gilt sowohl beim Umstieg von der Babyschale auf Sitze der Gruppe 1 (9 bis 18 Kilo), sowie beim Umstieg von Sitzen der Gruppe 1 auf die Gruppe 2 oder 3 (15 bis 36 Kilo). „Da ist jeder Monat kostbar. Bei Sitzen gibt es eindeutig ein Sicherheitsgefälle. Gewechselt wird dann, wenn die Gurte nicht mehr passen, weil sie nicht mehr auf Schlüsselbeinhöhe aus dem Sitz kommen und wenn das Kind für den Sitz zu schwer wird." Während Stefan Kerbl davon abrät Babyschalen und Sitze der Gruppe 1 wegen dem Airbag auf den Beifahrersitz zu stellen und es auch nicht für gut befindet den Airbag ausschalten zu lassen, rät er genau das bei Sitzen den Gruppe 2: „Sind die Kinder schon mit dem Autositzgut gesichert, gehören sie nach vorne. Der Beifahrersitz ist der sicherste Platz im Auto. Nur bei den kleinen Sitzen geht das aus Sicherheitsgründen nicht. Wenn möglich sollte auch immer Isofix verwendet werden." Erst ab einer Körpergröße von einem Meter 50 können Kinder ganz ohne Sitz mitfahren und das dann am besten auch vorne am Beifahrersitz.

Der Preis kann täuschen

Hohe Preise sind nicht unbedingt ein Garant für ein gutes Produkt. „Glücklicherweise ist das so, weil es kann sich nicht jeder einen Sitz um € 400,- leisten. Wenn jemand Zwillinge hat, würden da ganz schön hohe Kosten zusammen kommen. Sitze vom Diskounter können bei Tests in Punkto Sicherheit ganz gut abschneiden und haben vielleicht auch ein „Befriedigend". Diese sind von der Bedienerfreundlichkeit manchmal nicht ganz so ausgeklügelt wie die teuren Markenprodukte und haben auch weniger Extras. Und es werden nicht jährlich neue Modell entworfen."

Bedienerfreundlichkeit zählt

Die Bedienerfreundlichkeit ist bei den Tests auch ein ganz großes Thema. „Es hilft der beste Sitz nichts, wenn die Gurte nicht straff gezogen sind. Wir haben zu den rückwärtsgerichteten Sitzen auch eine Studie in Schweden gemacht, da diese dort häufiger verwendet werden als bei uns. Das Ergebnis: Der Sitz war oft locker oder die Gurte waren nicht fest angezogen. In dem Fall würden die Kinder bei Unfällen schwerer verletzt werden, als wenn sie in einem nach vorne gerichteten Sitz gesessen hätten. Wobei das straff Ziehen der Gurte bei jeden Sitz ein Thema ist. Am besten lockert man jedes Mal die Gurte beim Aussteigen und zieht sie bei Einsteigen wieder fest zu", erklärt Stefan Kerbl.

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Sitze neu kaufen oder gebraucht?

Der Experte hat nichts gegen gebrauchte Sitze einzuwenden: „Die Gurte dürfen nicht eingerissen sein, das Styropor muss noch intakt sein und der Bezug sollte aus Bequemlichkeitsgründen nicht kaputt sein, denn sonst würde er reiben. Der Kunststoff selbst wird nicht spröde." Wer Zweifel hat, kann mit dem Sitz einen größeren ÖAMTC-Stützpunkt aufsuchen und ihn von Experten kontrollieren lassen. „Bei Dauereinsatz hält eine Babyschale zwei bis drei Kinder aus, ein Sitz der Gruppe 1 ebenfalls und ein Sitz der Gruppe 2 oder 3 ein Kind. Werden diese seltener verwendet, halten diese natürlich auch entsprechend länger", so Kerbl. Babyschalen können sich ÖAMTC-Mitglieder und Nicht-Mitglieder um € 39,- pro Jahr bei einem ÖAMTC-Stützpunkt ausborgen.


Der Testsieger

Beim Test im Herbst gibt es nur ein Produkt mit dem Urteil „Sehr gut". Dabei handelt es sich um einen nach vorne gerichteten Sitz der Gruppe 1, also von 9 bis 18 Kilo. „Dieser Sitz hat einen Fangkörper. Diesen klappt man so wie ein Tischerl vor das Kind und bei einem Aufprall rollt sich der Körper mit dem Kopf darüber. Da gibt es nichts zu spannen und der Sitz ist einfach zu bedienen. Das ist die optimale Lösung. Das System gibt es schon sehr lange, nur viele Eltern wollen das nicht."


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