Ausgesetzt in der Wildnis

"Eine Nacht im Zelt? Machst du nie?" Für Kolumnistin Olivia Peter heißt das: Herausforderung angenommen. Ihre Nacht in der Großstadtwildnis war trotzdem kürzer als erwartet ...

Wenn jemand zu mir sagt „Machst du nie!“, ist klar, was passiert, oder? Ich muss es unbedingt machen! Wenn also der Mann zu mir sagt „Im Kleingarten übernachten? Machst du nie!“, dann packe ich einen Pyjama. Eine Decke. Ein Zelt. Und übernachte im Kleingarten. So zumindest der Plan.

Zelten. Habe ich zuletzt als Kind gemacht. Mit zwei Freundinnen. Im Garten ­meiner Eltern. Also total freaky. Gegen Mitternacht kam meine große Schwester. Sie hat sich ans Zelt rangeschlichen und laut „Buh“ gemacht. Ich bin zu Tode erschrocken. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Aber einsehen will ich das nicht. Also packe ich fröhlich meinen Rucksack und sage zum ungläubig dreinschauenden Mann: „Ich fahr jetzt in den Garten und schlaf dann dort!“ „Ab zehn fängst du an, dich zu fürchten. Um Mitternacht bist du daheim!“ Pfff. Bin ja kein Weichei. Den ganzen Sommer über war es in unserer Wohnung kochend heiß. Die einzige Möglichkeit: Outdoor-Sleeping. Auf der Terrasse. Gefürchtet habe ich mich dort kein einziges Mal. Mitten in der Stadt. Unter Millionen von Menschen. Zwei Minuten von der nächsten Polizeistation entfernt.

Das Naturkind in mir

Jetzt liegen die Dinge anders. Denn im Kleingartenverein ist es stockfinster. Keine Straßenbeleuchtung. Nur ziemlich viel Wald nebenan. Polizei­station? Weit weg. Dafür höre ich komische Geräusche. Schrecke alle drei Sekunden hoch. War das gerade ein Hund? Oder gibt’s hier vielleicht doch Wölfe? Und was ist das für ein Heulen? Der Wind? Oder schleicht da wer durch den Garten? Ich fürchte mich schon, bevor der Zeiger auf neun steht. Bis zehn durchzuhalten scheint die Challenge meines Lebens. Mitternacht ­würde ­Rekorde brechen. „Einfach schlafen, einfach schlafen“, flüstere ich vor mich hin. Dann streift mich irgendwas am Bein. Ich schreie. Ziemlich laut. Strample. Stürme aus dem Zelt. Die Taschenlampe liegt natürlich im Zelt. Da trau ich mich jetzt aber nicht mehr rein. War das eine Schlange? Ist die giftig? Gibt’s in Österreich überhaupt ­giftige Schlangen? Wurscht. Ich will weder von giftigen noch ungiftigen Schlangen ­gebissen ­werden. Jetzt stehe ich unschlüssig vorm Zelt. Fröstelnd. Mit dem permanenten Gefühl, dass etwas auf mir herumkrabbelt, um mich herumschleicht, hinter mir steht oder mich auf sonst irgendeine hinterhältige ­Weise attackieren will. Ich bin ein Naturkind. Aber ich ­fühle mich betrogen. Im Gartenmagazin schaut die Natur ­immer so lieblich aus. Aber das hier? Das hier ist mir eindeutig zu viel Natur.

Aufgeben ist trotzdem nicht

Ich leuchte mit dem Handy ins Zelt hinein. Sehe nichts, was einer Schlange ähnelt. Hebe die Decke hoch. Das kostet mich unglaublich viel Mut. Auch da alles safe. Aber das Zelt weiß es, ich weiß es, und die Schlange, die nie da war, weiß es auch: Nichts und niemand bringt mich wieder in dieses Zelt. Da leuchtet mein Handydisplay: „Hey, Superwoman. Kommst doch heim?“ Komme ich. Aber nicht, weil ich mich fürchte, sondern weil es im Garten leider voll kalt ist. Aber sonst totaaal schön. Mach ich bestimmt bald wieder. Das mit dem Übernachten. So die offizielle Version.

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