Ausgebrannt

Schluss, aus, fertig. Körper und Geist machen die Luken dicht, übrig bleibt ein Häuflein Mensch, das nichts mehr kann und will. So sieht das Endstadium eines Burn-out-Syndroms aus. Einer Krankheit, die in erschreckendem Maße zunimmt und vor niemandem haltzumachen scheint.

Eigentlich beginnt die Woche Anfang September genau wie üblich: Um 6 Uhr läutet der Wecker, schnell ins Bad gehuscht und dann in die Küche, das Geschirr von gestern wegräumen und anschließend die Wäsche sortieren. Um 7 werden Max (8) und Mia (10) aufgeweckt. Beide müde und grantig wie immer. Frühstück für die Kinder und schnell noch dem Göttergatten sein Lieblingsmüsli frisch zubereitet. Dann ab mit der ganzen Bande ins Auto Richtung Schule. Um 8 Uhr sitzt Daniela, 45, dann im Büro einer Bank, in der sie einen Teilzeitjob hat. Nur bis Mittag, denn dann ist ja wieder Kinder-programm angesagt. Und einkaufen und kochen und, und, und. Ganz nebenbei kümmert sich die Niederösterreicherin auch noch um ihren Vater, der mit seinen 81 Jahren zwar noch allein leben kann, aber jemanden braucht, der für ihn einkauft und überwacht, dass er seine Medikamente schluckt. Am frühen Abend, als Daniela dann Mia für die Englisch-Schularbeit Vokabeln abfragt, spürt sie plötzlich einen schneidendem Schmerz im linken Arm und ihr wird schwarz vor Augen. „Das war's", denkt sie. „Ein Herzinfarkt."
Im Krankenhaus wird aber eineganz andere Diagnose gestellt: Burn-out. „Ich konnte es nicht glauben", erinnert sich die zweifache Mutter. „Ich dachte immer, das können nur Manager bekommen."


Neue Volkskrankheit. Als Managerkrankheit ist das sogenannte Burn-out auch bekannt geworden. Doch der totale Erschöpfungszustand, der Körper, Seele und Geist umfasst, ist längst zur Volkskrankheit geworden. Egal, ob jung oder alt, Frau oder Mann, Teilzeitsekretärin oder Profisportler, jeder kann „ausbrennen".
Akut betroffen sind 500.000 Österreicher, eine weitere Million ist Burn-out-gefährdet.
„Das Tückische ist, dass die Krankheit ganz harmlos, ja fast positiv beginnt", weiß Brigitte Bösenkopf, Geschäftsführerin des Instituts für Präventivpsychologie und Mitgründerin des Stress-Centers Wien im Gesundheitszentrum Döbling. Denn am Anfang steht der Arbeitseifer. Auf den folgen aber bald übertriebener Ehrgeiz, hohe Erwartungen an sich selbst, arbeitsame Nächte und viel Stress. „Und Warnsignale werden ignoriert, Grenzen weiter überschritten - egal, ob Manager oder Hausfrau", so Bösenkopf. Experten teilen die Erkrankung in zwölf Stadien. Was nahezu harmlos mit Erschöpfung und gesteigertem Kaffeekonsum beginnt, mündet - wenn die Krankheit schon weiter fortgeschritten ist - in sozialen Rückzug, innere Leere, Depression und Selbstmordgefahr. Dazu kommen körperliche Beschwerden wie Herzrasen, Herzrhythmusstörungen und Atemnot, Angstzustände oder massive Magen-Darm-Beschwerden.


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Mut zur Lebensfreude
von Brigitte Bösenkopf
GoldeggVerlag, € 19,80
In ihrem Buch beschreibt die Psychologin, wie man Stress verhindert.

Die Konsequenz ist, dass Burn-out nicht nur für den jeweils Betroffenen eine echte Gefahr darstellt, sondern auch für die Gesellschaft und vor allem das Gesundheitssystem. Zwanzig Prozent der Erwerbstätigen erleben Burn-out-ähnliche Phasen, 27 Prozent der Arbeitnehmer stehen unter ungesundem Stress. Laut dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger sind im Vorjahr fast zweieinhalb Millionen Fehltage durch psychische Probleme verursacht worden, das sind fast dreimal so viele wie noch vor zwanzig Jahren. Experten schätzen, dass Burn-out-bedingte Krankenstände die Krankenkassen mit 2,4 Milliarden Euro belasten.

Problem Arbeitswelt. Als wesentliche Ursachen für die Erschöpfungskrankheit gilt der Wandel der Arbeitswelt. Faktoren wie hoher Arbeits- und Zeitdruck, schlechtes Arbeitsklima, ständige Frustration und immer mehr Verantwortungsdruck, vor allem inden mittleren Führungsebenen, belasten extrem. Dazu kommt die zusätzliche psychische Belastung durch die immer wieder zitierte Wirtschaftskrise, Einsparungen im Betrieb, gekürzte Gehälter und die Angst, die Arbeit zu verlieren. Bei Frauen wirkt sich auch noch die Doppelbelastung durch Beruf und Familie negativ auf ihre Stressfähigkeit aus. Und so sind auch weibliche Arbeitnehmer eindeutig öfter von Burn-out betroffen als männliche. Von den mehr als 65.000 Arbeitnehmern, die im Vorjahr wegen psychischer Probleme krankgeschrieben wurden, waren ganze zwei Drittel weiblich.

Die Hauptschuld daran trägt eben die Kind-Karriere-Belastung, denn Mütter haben nicht nur einen 8-Stunden-Job zu erledigen, sondern auch einen, der 24 Stunden dauert - und das sieben Tage die Woche. Dazu kommen seltene oder gar keine Erholungsphasen, sprich, die betroffenen Frauen haben kaum Spielraum, um sich eigene Bedürfnisse zu erfüllen. Verstärkt gilt das für Mütter mit Teilzeitjob, weiß Bösenkopf. Denn während sich „Vollbeschäftigte Unterstützung suchen müssen und Selbstbewusstsein in ihrer Arbeit tanken können, neigen Erstere dazu, alles allein schaffen zuwollen, und fühlen sich noch ungenügend an allen Fronten".

Gefährdete Typen. Dennoch sind es nicht nur äußere Faktoren, die das Krankheitsbild begünstigen. Tatsächlich gibt es Menschen, die mit solch belastenden Situationen besser zurechtkommen und andere wesentlich schlechter.

Laut Stress-Expertin Bösenkopf ist die jeweilige Charakterstruktur sogar zu 70 Prozent dafür verantwortlich, ob jemand an einem Burn-out erkrankt oder nicht.
Die Gefährdeten kann man in drei verschiedene Persönlichkeitstypen einteilen:
Die Arbeitsbiene. „Die Betroffenen sind sehr leistungsorientiert und gewinnen ihre Lebensfreude hauptsächlich aus den beruflichen Erfolgen", so die Psychologin. Sie spüren keine Grenzen, ihre soziale Kompetenz ist verkümmert. „Sie sind meist erst durch eine schwierige Krankheit zu stoppen."

- Die Harmoniesüchtige. „Dieser Typ ist immer für andere da und extrem hilfsbereit", weiß Bösenkopf. „Diese Persönlichkeit ist sehr lobabhängig und läuft deshalb ständig Gefahr, ausgenützt zu werden." Sie empfindet Lebensfreude, wenn sie anderen mehr Lebensqualität schenken kann als sich selbst.

- Die Perfektionistin. Findet sich häufig in Führungspositionen. „Sie hat einen sehr hohen Erwartungsdruck an sich selbst, ist ungeheuer pflichtbewusst und will die perfekte Hausfrau, Mutter und Kollegin sein", erklärt die Burn-out-Spezialistin. Sie empfindet vor allem Freude, wenn sie und ihr Umfeld perfekt funktionieren.

Behandlung. Auf die einzelnen Typen und ihre individuellen Probleme wird bei der Behandlung etwa im Stress-Center Wien des Gesundheitszentrums Döbling (www.stresscenter.at) eingegangen. „Nach der Analyse des Lebensstils und einer Stressmessung beginnt ein ganzes Therapiepaket", so Psychologin Bösenkopf. Einer der wichtigsten Ansätze ist eine Verhaltensänderung, die „im Kopf beginnen muss". Dann werden Techniken zur Stressbewältigung vermittelt und die Betroffenen gecoacht. „Gemeinsam schaut man sich an, welche äußeren Rahmenbedingungen man ändern kann und muss", erklärt die Stress-Spezialistin. Also etwa Arbeitszeiten, das Delegieren von Aufgaben oder im extremen Fall sogar den Job wechseln.

Ein Ziel der Burn-out-Expertin ist es aber, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, und berät zu diesem Thema auch Privatpersonen und Firmen. Ihr wichtigster Ratschlag: „Das Zauberwort heißt: die richtige Work-Life-Balance oder Energie-Management." Also das richtige Verhältnis von Anspannung und Entspannung. Sprich, ein harter Arbeitstag sollte durch mehrere Pausen entstresst werden, eine harte Woche durch ein freies Wochenende. Klingt ja eigentlich ganz einfach ...

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