Ausdruck der Wut: "Ich will nicht mehr alles schlucken"

"Wut und vor allem weibliche Wut wird sehr oft in die Ecke von ‚zu emotional‘, ‚zu hysterisch‘, ‚zu labil‘ gestellt, während männliche Wut als Zeichen von Kraft gilt, vor dem man auch wahnsinnigen Respekt hat. Allein dieser Unterschied macht mich so wütend!", sagt Stefanie Reinsperger im WIENERIN-Interview.

Stefanie Reinsperger

Die Theater- und Filmschauspielerin Stefanie Reinsperger – bekannt als Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen, als Rosa Herzog im Tatort und als Mitglied im Berliner Ensemble – hat dem Thema gleich ein ganzes Buch gewidmet: In Ganz schön wütend (Molden Verlag, € 25,–) erzählt sie offen von ihren privaten und beruflichen Erfahrungen mit Stereotypen und Vorurteilen, von verbalen Übergriffen und Bodyshaming. Reinsperger zeigt, wie sie einen selbstbewussten Umgang damit gefunden hat, und ermutigt vor allem junge Frauen, sich gängigen Klischees zu widersetzen.

WIENERIN: Stefanie, hierzulande kennt man dich vor allem als Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen und als Tatort-Kommissarin. Nun hast du dein erstes Buch herausgebracht. Wolltest du schon immer ein Buch schreiben und unter die Autor*innen gehen?

Stefanie Reinsperger: Das war wirklich gar nicht auf meiner Agenda, also Schreiben und dann noch ein Buch schreiben. Aber während der Corona-Pandemie habe ich angefangen, ein Corona Tagebuch zu schreiben und da ist das so ein bisschen entfacht. Als Jugendliche habe ich sehr viel Tagebuch geschrieben, aber nein – das war absolut nicht zu erwarten und abzusehen (lacht).

Dein Buch ist eine Hommage an die Wut– warum gerade dieses Gefühl? Und was ist der Unterschied zu der von dir beschriebenen "weiblichen Wut"?

Es war ehrlich gesagt ein Vorschlag von meinem Verlag, aber mir hat es sofort zugesagt – einerseits kenne ich Wut als Spielwut beim Schauspielern und andererseits war Wut für mich auch im privaten Kontext sehr stark spürbar.

Wut und vor allem weibliche Wut wird sehr oft in die Ecke von "zu emotional", "zu hysterisch", "zu labil" gestellt, während männliche Wut als Zeichen von Kraft gilt, vor dem man auch wahnsinnigen Respekt hat. Allein dieser Unterschied macht mich so wütend!

Sollten wir alle öfters richtig wütend sein? Wie schafft man es, gleichzeitig wütend zu sein, die eigenen Gefühle rauszulassen, damit aber niemanden vor den Kopf zu stoßen?

Ich bin auch jemand, ich bin sehr harmoniesüchtig, aber ich habe gemerkt, dass ich so damit oft mein Befinden hintenanstelle, damit ich ja niemanden vor den Kopf stoße und mir Gedanken mache, was könnte dann passieren. Ich finde, solange du das respektvoll machst, geht das, dann muss das Gegenüber auch damit umgehen können. Ich bin an dem Punkt angekommen: Ich will nicht mehr alles schlucken.

Du berichtest in deinem Buch sehr persönlich von deinen privaten und beruflichen Erfahrungen mit Stereotypen und Vorurteilen, von verbalen Übergriffen und Bodyshaming. Viele Frauen werden sich in deinen Erzählungen wiederfinden – wie hast du es geschafft, damit umzugehen und dich nie entmutigen zu lassen?

Es gab Phasen, wo man sehr entmutigt war. Und ich bin in diesem Fall so dankbar für meine Familie, dass ich so einen Freundeskreis habe, die immer hinter mir stehen und die mich da auffangen. Ich glaube, dass es Menschen, die einsamer da sind, schwerer fällt. Mein Vorteil ist auch, dass ich immer eine Arbeit hatte, die auch dafür ein tolles Ventil war. Und: Ich liebe meinen Beruf viel zu sehr, als dass ich mir da was wegnehmen würde wollen.

Was braucht es deiner Meinung nach, dass Themen wie Bodyshaming endlich der Vergangenheit angehören?

Es braucht mehr Sichtbarkeit überall – in Film und Fernsehen, Nachrichten, Werbungen, Magazine. Und ich finde, es ist bereits jetzt schon viel alltäglicher geworden, verschiedene Typen zu sehen. Auch in meinem Umfeld habe ich bemerkt, dass sich da wirklich was verändert. Und dass gewisse Dinge nicht mehr als ein Makel gesehen werden, weil wer hat bitte mal definiert, was schön ist?

Dein Buch ist ein Plädoyer für mehr Body Positivity und Diversity. Denkst du, wir als Gesellschaft sind da schon auf einem guten Weg? Was bräuchte es hier noch?

Wir haben drei Zehen schon im Wasser, aber da geht noch was, dass da drüber gesprochen wird. Wie bei jedem Movement ist es so, es muss erst mal losrollen. Wichtig ist, dass darüber gesprochen wird, dass Dialog da ist, neue Werbungen, aber der Mensch ist so ein Gewohnheitstier. An allen Ecken und Enden sehen wir nach wie vor Diskriminierung. Die Veränderung ist dahingehend noch viel zu langsam, aber es tut sich was. Ich glaube auch, weil wir in den vergangenen Jahren der Pandemie auch Zeit hatten, uns mit gewissen Dingen auseinanderzusetzen. Ich würde einfach sagen, weiter pushen, weiter rollen.

Welchen Ratschlag möchtest du jungen Menschen hier mitgeben?

Viele junge Menschen sind eh schon so viel weiter als unsere Generation. Ich glaube, in aller erster Linie, will ich denen die Angst nehmen, offen darüber sprechen. Ansonsten: Feiert euch bitte, was ihr seid!

Berlin zum Beispiel ist schon viel geschlechterfluider, da geht es darum, wer bin ich und wie lebe ich das aus. Ich hoffe übrigens auch, dass mein Buch viele Mütter lesen – denn es ist essentiell, was ich meinen Kindern vorlebe und ihnen mitgebe.

Der Prozess des Zu-sich-selbst-Stehens ist wohl ein lebenslanger. Welche Tools helfen dir heute, stets bei dir zu bleiben und deinen Weg zu gehen?

Ab und zu ein bisschen mehr chillen, manchmal kurz innehalten und darüber nachzudenken, worüber es sich lohnt, sich wirklich aufzuregen. Und gute Freunde regelmäßig zu sehen, das bringt mich runter. Oder ein Mandala zu malen (lacht).

 

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