Aus für Paspertin

Für die Paspertin-Tropfen ist die Entscheidung der EU-Kommission, diese vom Markt zu nehmen, ein vorübergehendes Aus. In den Apotheken darf das Produkt ab sofort nicht mehr verkauft werden

Das Medikament soll nämlich vor allem bei jungen Patienten oder bei Überdosierung Nebenwirkungen wie Muskelkrämpfe oder Zuckungen verursachen. Schuld daran soll eine zu hohe Dosierung des Wirkstoffs Metoclopramid sein. Daher hat die Kommission alle Medikamente mit mehr als einem Milligramm des Wirkstoffs verboten. Darunter auch Metogastron und Metoceolat, welche ebenfalls bei Übelkeit, Erbrechen und Sodbrennen eingesetzt wurden.

Alle drei Medikamente sind in Tropfenform und somit ist das Risiko einer Überdosierung höher. Jene Medikamente mit Metoclopramid, die als Infusionen oder als Tabletten erhältlich sind, bleiben weiterhin im Verkauf. Die Einsatzgebiete wurden jedoch stark eingeschränkt. Die Herstellerfirmen arbeiten bereits daran Produkte in Tropfenform mit einer niedrigeren Dosis von 1mg/ml an Metoclopramid zu produzieren. Vor Ende 2015 sind diese nicht zu erwarten.

Was tun bei Reisekrankheiten?

Dr. Christoph Baumgärtel


Muss man, sofern man noch Vorräte von Paspertin und Co zuhause hat, diese jetzt entsorgen?

Dr. Baumgärtel: Nein, muss man nicht, es ist hier zu beachten, dass auch nur die hochkonzentrierten Tropfen wegen der Gefahr von möglichen Überdosierungen bei einer Anwendung bei Kindern in der EU vom Markt genommen wurden. Da in Österreich die Behandlung von Kindern jedoch nie vorgesehen war, betrifft diese Entscheidung die Anwendung von Erwachsenen nur indirekt. Das bedeutet, die Flaschen müssen vom Patienten nicht entsorgt werden. Allerdings sollte ab sofort eine Langzeitanwendung, also über mehrere Wochen oder gar Monate, ab sofort unterlassen werden, denn alle metoclopramidhaltigen Arzneimittel inklusive der Tropfen sollten für maximal fünf Tage angewendet werden.

Wie entsorgt man diese?
Wenn man diese Präparate dennoch entsorgen will, bitte die Fläschchen einfach in die Apotheke zurückbringen.

Muss man jetzt im Nachhinein Schäden befürchten, wenn direkt nach der Einnahme keine Beschwerden aufgetaucht sind?
Üblicherweise nicht, denn das ist sehr unwahrscheinlich. Allerdings wurden in sehr seltenen Fällen, und auch da nur nach wirklich langer Einnahme (also mehrere Monate bis Jahre), sogenannte Spätdyskinesien oder parkinsonähnliche Beschwerden beobachtet, also ein Auftreten von Bewegungsstörungen mit Bewegungsarmut und Muskelzuckungen.

Manche Ärzte haben das Mittel gegen Schwangerschaftsübelkeit verabreicht - müssen betroffene Mütter Schädigungen beim Neugeborenen befürchten?
Grundsätzlich kann das Mittel, unter entsprechender Vorsicht, auch während der Schwangerschaft angewendet werden. Lediglich gegen Ende der Schwangerschaft sollte Metoclopramid jedoch nicht mehr angewendet werden, da beim vollständig ausgereiften Fötus ebenfalls leichte Bewegungsstörungen nicht ganz ausgeschlossen werden können. Da Schwangerschaftsübelkeit überwiegend gegen Anfang der Schwangerschaft auftritt, war diese Anwendung möglich. Allerdings muss hier klar gesagt werden, dass Schwangerschaftsübelkeit in Zukunft keine zugelassene Indikation von Metoclopramid mehr sein wird und daher der verschreibende Arzt eine solche Anwendung ausschließlich im Rahmen eines sogenannten "Off-label"-Use verordnen wird können. Das bedeutet die Anwendung kann somit nur auf ausdrückliche Anordnung des Arztes erfolgen.

Medikamente mit dem Wirkstoff Metoclopramid, denen die Zulassung nicht entzogen wurden, werden jetzt nur noch nach Chemotherapien, Strahlenbehandlungen, gegen Übelkeit und Erbrechen nach Operationen, bzw. symptomatischer Behandlung von Übelkeit und Erbrechen verwendet werden. Bei Kindern überhaupt nur noch im Falle einer Chemo bzw. nach Operationen. Was ist mit symptomatischer Behandlung überhaupt gemeint?
Hier muss gesagt werden, dass die Zulassung zukünftig die Anwendung genaugenommen nur noch bei

Übelkeit und Erbrechen nach Chemo- und Strahlenbehandlungen

sowie Übelkeit und Erbrechen nach Operationen,

sowie zur symptomatischer Behandlung von Übelkeit und Erbrechen im Rahmen von akuter Migräne abdeckt.

Alle weiteren Anwendungsgebiete, wie "normale" Magen-Darmstörungen und Übelkeit fallen somit unter "Off-label"-Use.


Was können Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Magenlähmung, Reizmagen und Refluxkrankheiten jetzt stattdessen tun oder nehmen?
Es stehen mehrere Wirkstoffe als Alternative zur Verfügung, einer davon ist z.B. Domperidon. Für die Refluxkrankheit gibt es zudem eine Vielzahl weiterer Wirkstoffe, die allgemein meist als "Magenschutzpräparate" oder auch als "Säureblocker" bezeichnet werden. Die genaue Auswahl sollte dabei jedoch immer individuell vom behandelnden Arzt getroffen werden.

Welche Hausmittel gibt es bei Übelkeit?
Es stehen durchaus pflanzliche Alternativen zur Verfügung, wie z.B. Käsepappel oder Ingwer, um nur einige zu nennen. Zudem gibt es spezielle pflanzliche Mischungen, sogenannte Herbals bzw. pflanzliche Arzneimittel. Hier kann der Arzt oder Apotheker individuell beraten.

Viele haben Paspertin in der Hausapotheke als Mittel gegen Übelkeit - war dies je ein Mittel, dass ohne ärztliche Empfehlung bei Übelkeit eingesetzt werden konnte?
Metoclopramidhaltige Arzneimittel waren schon bisher ausschließlich auf Rezept erhältlich. Das bedeutet in Folge daher auch, dass falls man bei Übelkeit in der Familien-Hausapotheke ein Fläschchen "findet", diese keinesfalls einfach selbst anwenden sollte, sondern hier vielmehr immer eine Rücksprache mit dem Hausarzt erfolgen sollte.

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