Augen zu, Ohren auf!

Füße hoch, Augen zu, Kopfhörer auf – so sollen heutzutage die Aura gereinigt, Ängste abgebaut und Albträume gestoppt werden. Binaural Beats heißen die neuen „Glückspillen“, die übers Ohr eingenommen werden. Klingt doch verlockend ...

Die gute alte „Walgesänge"-CD einlegen und entspannen? So was von gestern. Heute herrschen am Wellness- Sektor neue Töne: „Binaural Beats" nämlich. Hinter diesem Begriff steckt computergenerierte „Musik", die bei Problemen - von Schlafstörungen bis Stimmungstiefs - helfen und Laune, Lust und Lebensfreude steigern soll.


Das To(h)r zur Seele.
Dass Musik, Töne und Geräusche auf Menschen und Organismen starken Einfluss haben, gilt bei Forschern schon lange als hinreichend untersucht und unbestritten. Man weiß, dass Stress krank machen kann. Aber auch, dass Grünpflanzen schöner gedeihen, Kinder besser lernen, Kühe mehr Milch geben und Kaufhaus-Diebstähle reduziert werden, wenn etwa klassische Musik gespielt wird. Weshalb das Ohr auch wissenschaftlich als ein „Tor" zur Seele gilt. Klangtherapien sind also alles andere als neu. Und auch „Binaural Beats", die in den USA gerade in aller Ohren sind, sind eigentlich ein alter Hut. Schon im 19. Jahrhundert wurden diese Töne vom deutschen Physiker Heinrich Wilhelm Dove entdeckt und seither von der Wissenschaft erforscht. „Binaural Beats" entstehen direkt im Gehirn. Und zwar dann, wenn beide Ohren beschallt werden - allerdings mit leicht abweichenden Frequenzen. Weil das Gehirn diese Differenz auszugleichen versucht, werden die Hirnwellen stimuliert. Eine Reaktion, die sich Neurophysiologie und Schlafforschung schon lange zunutze machen. Denn Entspannung, Schlaf oder Konzentration können so gefördert werden.


Supermarkt der Wohlgefühle.
Derzeit boomt das Geschäft um diese Gehirnstimulation. Regelrechte „Supermärkte" für „Hör dich happy"-Jünger entstehen im Internet. Für ein paar Euro kann dort eine gut klingende Lösung für fast jedes Problem downgeloadet werden. Einzige Voraussetzungen: eine Kreditkarte, ein gut isolierter Kopfhörer und eine Couch.

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Hör-Buch
Das Ohr ist das Tor zum Bewusstsein. Mit Schall, Klang & Musik kann es geöffnet und beeinflusst werden. Die HoloSync-Klangtechnologie setzt hier an. Bewusstsein aus dem Kopfhörer. Befreiung und Heilung im Klang-Raum. Mit CD, von Günter Kieser, Param Verlag, um € 22,90 bei Thalia.

Blaumachen
Die HoloSync 3D-Musik besteht aus Frequenzen, die mit beruhigenden Naturgeräuschen hinterlegt sind und zur Entspannung und neuer Energie verhelfen. Um € 18,– im Webshop blueliners.eu. Oder im Kombi Angebot: 2 CDs und Raumklang-Kopfhörer um € 95,–.

Nacht-Aktiv
Die Kölner Firma Infrasonic entwickelte den Neurostimulator inPulser zur Schlaf und Regenerationstherapie, der seit Oktober am Markt ist. In der Nacht läuft die Audiotherapie durchgehend bis zum nächsten Morgen. Auch mit Audiokissen erhältlich. Über: www.inpulser.de, um € 349,–

App für mehr Pepp
Seit September gibt es die App Ubrain im App Store (itunes. apple.com) um € 3,99. Und soll als „Stimmungselixier auf dem iPhone” dienen. Die eigene Musik wird durch Ubrain mit binauralen Beats versetzt, die uns auftanken, aufmuntern oder aufmerksamer werden lassen.


Sounds für jede Stimmung.
Für jedes Zipperlein gibt es im Netz passende „Heil-Töne" - ganz egal, ob man nun seine Stimmung aufhellen, sich von der Nikotinsucht oder dem Alkoholismus befreien, beruhigen oder aufputschen, müde oder wach machen, Kopfschmerzen eliminieren oder die Chakren ausbalancieren will. Allein auf i-doser.com werden über 200 Soundfiles (Dauer: 20-30 Min.) angeboten. Preis: ab zwei Euro aufwärts. Hier findet sich etwa eine Tondatei namens French Roast, die dieselbe Wirkung erzielen soll wie ein par Tassen Kaffee - nur durchs Anhören. Weil viele Menschen den Klang purer Sinuswellen aber als unangenehm empfinden (Dröhnen, Surren, Rauschen), werden die „Binaural Beats" jetzt auch immer öfter in Trägersounds wie Naturgeräusche oder harmonische Kompositionen eingebettet. Solche CDs werden etwa auf binaural-beats.com ab 22 Euro vertrieben. Unter den vielen Handy-Applikationen gibt es auch eine namens Ubrain, die vom bekannten deutschen DJ und Musikproduzenten Paul van Dyk beworben wird, der die Wirkung auf den Körper selbst getestet hat und überzeugt ist: „Musik beeinflusst eben unsere Stimmung. ,Binaural Beats‘ unterstützen diesen Effekt und verstärken unser Energieniveau. Sie helfen uns, uns besser zu konzentrieren, zu beruhigen oder zu entspannen."


High durchs Hören?
Wo Wirkung, da auch Nebenwirkung. US-Medien warnen bereits vor dem I-Dosing (= „Dosen aus dem Internet beziehen"). So wurde der Hör-Hype getauft, der unter Jugendlichen kursiert, seit man nicht nur Audiodateien mit der Wirkung von Koffein kaufen kann, sondern angeblich auch solche mit einem Effekt wie Marihuana - „digital drugs" also - über das Ohr konsumiert. Lutz Berger, Autor von Musik, Magie und Medizin und sich seit Jahren mit „Binaural Beats" befasst, hält diese digitalen Drogen für „reine Geldmacherei." Genauso wie Angebote à la Hand of God, das für 146 Euro und mittels 30-minütigem Tonwirrwarr „Einblicke ins Universum" und „eine VIP-Führung durch die Unendlichkeit an der Hand des Allmächtigen persönlich" verspricht. „Wenn diese Musikstücke betäubende und berauschende Wirkung zeigen, dann nur durch einen Placeboe¬ffekt", meint Berger. Gesund sein und werden bedeutet eben auch hier zu wissen, wo hinhören und wo man besser weghören soll ...

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