Aufregung um Kinderpyjamas von Lidl

Der Diskonter verkaufte in seinen britischen Filialen Mädchen- und Bubenpyjamas, deren aufgedruckte Botschaften nicht stereotyper sein könnten. (Kommentar)

"Papa ist mein Superheld" steht in Englisch auf dem rosafarbenen und dezidiert als "Mädchenschlafanzug" ausgewiesenen Pyjama. Das Pendant für die Buben ermutigt hingegen zu "Sei dein eigener Superheld".

Eigentlich muss man den ProduktdesignerInnen von Lidl ja gratulieren: Treffender kann man die immer noch in den Köpfen und Produkten unserer Gesellschaft herrschenden Geschlechter-Stereotypen kaum auf den Punkt bringen. Die Burschen passen auf sich selbst auf und retten nebenbei die Welt, die Mädchen sind erstmal und hauptberuflich Fan - erst von Papa, dann von einem, der in seiner Kindheit schon Superhelden-Pyjamas trug.

"Daddy is my superhero" vs. "Be your own superhero"

Der Aufschrei war deshalb groß, als jene Pyjamas Ende Oktober in den britischen Filialen des Diskonters angeboten wurden - und zwar in beide Richtungen.

Die einen prangerten die sexistischen Rollenklischees an, die anderen orteten in dieser Aufregung - wie so oft beim Thema Gender - fehlendes Selbstbewusstsein der KritikerInnen oder vermissten den Sinn für die "wirklichen Probleme der Welt".

Lidl selbst erklärte in einem Statement gegenüber Metro.cu.uk: "Beide Schlafanzüge kommen bei unseren Kunden sehr gut an und wurden nicht entworfen, um andere vor den Kopf zu stoßen. Feedback von Kunden ist uns sehr wichtig und wir werden sicherstellen, diese für zukünftige Kollektionen mit einzubeziehen."

Und da haben wir schon das Problem: "Beide Schlafanzüge kommen bei unseren Kunden sehr gut an (...)."

Wenn ein Pyjama zeigt, was hier falsch läuft

In Zeiten, in denen die westliche Welt über Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern diskutiert, in der Kampagnen wie #metoo erschreckend aufzeigen, wie Männer in Führungspositionen ihre Macht Frauen gegenüber missbrauchen, mag es im ersten Moment kleinlich sein, eine Aufschrift auf einem Pyjama zu kritisieren. Dabei fängt das Übel nicht nur, aber auch hier, in der Lidl-Filiale, an, bei jedem Elternteil, der diesen Schlafanzug "süß" findet und ihn seinem Kind kauft.

Oder in den Kindermodeabteilungen der Textilketten, die nicht nur farblich in Rosa und Blau getrennt sind, sondern auch klar machen, dass Mädchen "I'm so cute" und Burschen "Ready to Explore" sind.

Denn sie sind Ausdruck einer Einteilung der Geschlechter, die von Anfang an festlegt, wie Mädchen und Buben behandelt und gesehen werden: Erstere müssen beschützt werden, zweitere müssen stark und kämpferisch sein. Es fängt beim Pyjama an und endet beim Spielzeug, das vom Hersteller farblich gekennzeichnet wird, damit ja kein Bub versehentlich zum rosa markierten "Mädchen-Spielset" greift.

Welcher Vater, welche Mutter möchte sein oder ihr Kind einteilen und ihm damit Möglichkeiten nehmen? Keine(r). Jeder Elternteil wünscht seinem Kind, dass ihm die Welt offensteht.

Deshalb ist es höchste Zeit, die Rollenbilder aus unseren Köpfen zu bekommen und vor allem endlich damit aufzuhören, sie unseren Kindern überzustülpen. Ja, die Kinder können die Aufschrift oft wahrscheinlich gar nicht lesen. Aber wir ziehen ihnen damit eine Rolle an, die sie nicht so schnell ausziehen können wie einen Pyjama.

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