Aufgrund dieser Gedanken sitzt Raif Badawi im Gefängnis

Auf seiner Website hat der saudische Blogger Raif Badawi die religöse Herrschaft in seiner Heimat hinterfragt - und wurde dafür zu 1000 Peitschenhieben verurteilt. Das sind seine wichtigsten Gedanken.

Weltweit kämpfen Menschen um die Freilassung von Raif Badawi. Seit Monaten wird er in Saudi-Arabien für seine Forderungen nach Menschenrechten und Meinungsfreiheit gefangen gehalten und gefoltert. Nun wurde er vom EU-Parlament mit dem Sacharow-Preis ausgezeichnet - Parlamentspräsident Schulz fordert Badawis Freilassung.

Doch welche extreme Meinungen vertritt der Blogger um solchen Strafen ausgesetzt zu werden?

Über Meinungsfreiheit in Saudi-Arabien

„Sobald ein Denker beginnt, seine Ideen auszusprechen, wird man hunderte Fatwas (Rechtsauskünfte im Islam, Anm.) finden, die ihn anklagen, ein Ungläubiger zu sein, weil er den Mut hat, geistliche Themen zu diskutieren. Ich bin wirklich besorgt, dass arabische Denker deshalb emigrieren – auf der Suche nach frischer Luft und um dem Schwert der religiösen Autoritäten zu entkommen.“

Wunsch nach Trennung von Religion und Staat

„Säkularismus (die Trennung von Religion und Staat, Anm.) respektiert jeden und greift niemanden an … Säkularismus … ist die praktische Lösung, um Länder (unseres eingeschlossen) aus der Dritten Welt heraus- und in die Erste Welt hineinzuheben.“

Gedanken zum Gaza-Konflikt

„Ich unterstütze die Besetzung eines arabischen Landes durch die Israelis nicht, aber gleichzeitig möchte ich Israel nicht durch einen religiösen Staat ersetzen ... dessen Hauptanliegen die Verbreitung einer Kultur des Todes und der Ignoranz unter seinem Volk wäre, wo doch Modernisierung und Hoffnung sind, was wir brauchen.
Staaten, die auf einer religiösen Ideologie basieren, … haben nichts außer der Angst vor Gott und der Unfähigkeit, dem täglichen Leben ins Gesicht zu sehen. Seht euch an, was passiert ist, nachdem das europäische Volk den Klerus vom öffentlichen Leben getrennt und in seine Kirchen verbannt hat. Sie haben denkende Menschen hervorgebracht und Aufklärung, Kreativität und Rebellion vorangetrieben. Staaten, die auf Religion basieren, sperren ihr Volk ein in einem Kreislauf aus Glaube und Angst.“

Religion als Gesetzgebung

„Keine Religion hat mit der Entwicklung einer Bevölkerung zu tun. Das ist kein Scheitern auf Seiten der Religion, sondern eher die Tatsache, dass Religionen da sind, um ihre jeweilige besondere und eigene spirituelle Beziehung zwischen dem Einzelnen und dem Schöpfer darstellen. .. Ein eindeutiges Gesetz ist jedoch eine unvermeidbare und soziale Notwendigkeit, denn Verkehrsregulation, Beschäftigungsgesetz und die Regeln der Administration eines Staates können kaum von einer Religion abgeleitet werden können.“

Der Traum vom Liberalismus

Im Mai 2012, kurz vor seiner Verhaftung: „Für mich bedeutet Liberalismus einfach leben und leben zu lassen. Das ist ein prächtiger Slogan. Die Natur des Liberalismus – vor allem der saudischen Version – muss jedoch noch geklärt werden. Es ist sogar wichtiger, die Merkmale und Paramter des Liberalismus zu entwerfen, wobei die andere Fraktion, die kontrolliert und ihre Wahrheit als die einzig richtige proklamiert, so feindlich ist, dass sie es ohne Diskussion oder ohne zu verstehen, was die Wörter überhaupt bedeuten, unterdrückt. Sie war erfolgreich darin, in den Köpfen des Volkes Feindlichkeit gegenüber dem Liberalismus einzupflanzen und die Leute dazu zu bringen, sich dagegen zu stellen … Aber ihre Macht über den Verstand der Menschen und über die Gesellschaft soll verschwinden wie der Staub, der vom Wind weggetragen wird.“

(Weitere Zitate von Raif Badawi auf theguardian.com.)


Vom liberalen Blogger zum politischen Gefangenen

2008 gründete Raif Badawi das Online-Forum „Freie Saudische Liberale“, eine Website über Politik und Religion in Saudi-Arabien. In dem Wüstenstaat ein heikles Thema: Im Königreich am arabischen Golf herrscht eine überaus strenge Gesetzgebung nach den Regeln des Islam, was Badawi schon bald nach Launch seines Blogs zu spüren bekam. 2009 verhängten die Behörden über den Vater dreier Kinder ein Reiseverbot und beschlagnahmten sein Vermögen. Trotzdem rief der Schikanierte für den 7. Mai 2012 einen „Tag der saudischen Liberalen“ aus und forderte eine öffentliche Diskussion über die Politisierung der Religion durch das geistliche Establishment.

Im Juni 2012 wurde Raif Badawi schließlich festgenommen und im Juli 2013 zu sieben Jahren Haft und 600 Peitschenhieben verurteilt. 2014 erhöhrte das Berufungsgericht die Strafe auf zehn Jahre, 1000 Hiebe und 200.000 Euro Geldstrafe. Die Peitschenhiebe werden in Raten vollzogen: 50 Hiebe alle acht Tage, 20 Wochen lang. (Mehr dazu auf diepresse.com.)

Internationale Menschenrechtsorganisationen, die EU und die UNO protestieren gegen das Urteil und sogar Barack Obama, US-Präsident und einer der stärksten Verbündeten Saudi-Arabiens, hat die saudischen Herrscher um ein Einlenken gebeten.

Anfang des Jahres bekam er - öffentlich zur Schau gestellt - 50 Stockschläge auf Beine und Rücken. Nach internationalen Protesten wurden weitere Peitschenhiebe ausgesetzt.

Amnesty International hat eine Petition für die Freilassung von Raif Badawi gestartet.

Ende Oktober 2015 wurde Badawi mit dem renommierten Sacharow-Preis für seine "außergewöhnlich mutigen Aussagen" (Martin Schulz) ausgezeichnet.

Trotz internationaler Bemühungen und dem ständigen Kampf seiner im Exil lebenden Frau, sitzt er weiterhin in Haft und zeigt einmal mehr die rückschrittliche und konservative Haltung des saudischen Staates. Laut Angaben seiner Frau haben saudische Behörden die Wiederaufnahme der Prügelstrafe erlaubt.

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