Aufgewärmte Liebe

Für viele ist sie nichts als eine schlechte Fortsetzung. Für Psychologin Nancy Kalish jedoch sind aufgewärmte Beziehungen ein erfolgreicher Romantik-Klassiker, der umso schöner wird, je öfter sie ihn sieht. Immer vorausgesetzt natürlich, die Hauptdarsteller sind zu Anfang Single. Ein Interview über Chancen und Risiken.

Mrs Kalish, für die meisten ist es unvorstellbar, mit einem Ex wieder glücklich zu werden ...

Stimmt, die wenigsten Menschen wollen mit einer alten Liebe wieder zusammenkommen - das haben auch meine Untersuchungen ergeben. „Warum sollte ich?!", fragen mich diese Leute immer ganz erstaunt. Die Frage ist immer, ob und inwiefern einem der Ex das Herz gebrochen hat. Er kann es einem gebrochen haben, weil er nicht reif genug für die Beziehung war oder nicht heiraten wollte. Doch wenn man ihm dann vier Jahre später begegnet, ist er älter und damit reifer. Wenn der Ex einen allerdings betrogen und gelogen hat, dann wird es auch beim zweiten Mal nicht klappen. Das ist eine Charakterfrage, und die Persönlichkeit ändert sich nicht. Es hängt also von der Situation ab, ob man sich noch mal in denselben Menschen verlieben kann.

Die Beziehung muss also eine gute gewesen sein, damit es mit dem Rekindling klappt?

Rekindling betrifft tatsächlich eine sehr spezielle Gruppe: Menschen, die vorher eine gute, stimmige Beziehung hatten, in der dann ein Einfluss von außen zur Trennung führte. Etwa die Eltern, die gegen die Liebe waren, oder ein Umzug in eine andere Stadt. Und noch eine Voraussetzung gibt es: Sie müssen bereit sein, ein gebrochenes Herz zu riskieren. Denn sich das zweite Mal zu trennen, ist schlimmer als beim ersten Mal. Wer das erlebt, fühlt sich richtig blöd, denkt: Was bin ich doch für ein Idiot, dass ich es noch einmal ausprobieren musste! Dazu sagen einem Freunde, Familie und selbst Therapeuten, wie dumm man sich verhalten habe. Sie stempeln es als Fantasie ab. Doch wie Sie an den glücklichen Paaren sehen, die Sie in Ihrem Dossier vorstellen: Es ist keine Fantasie! Es kann funktionieren.

Wann stehen die Chancen gut fürs Rekindling?

Je länger die Partner getrennt waren, umso besser klappt es. Ein Grund ist also das Alter. Die Liebenden sind reifer, sie ärgern sich etwa nicht mehr über Dinge, die sie Jahre vorher am anderen noch zur Weißglut getrieben haben. Oft sind es auch die äußeren Umstände, die beim zweiten Anlauf einfach stimmen. Ich denke etwa an ein Paar aus meiner Praxis: Sie hatten sehr jung geheiratet und Zwillinge bekommen, einer von beiden verlor den Job - das war purer Stress für die Beziehung. Sie trennten sich. Als ihre Zwillinge dann heirateten, wurden sie auch selbst wieder ein glückliches Paar. Der Schlüssel liegt aber meiner Meinung nach im Zeitpunkt der ersten Beziehung: Gerade ehemalige „Jugendgeliebte" realisieren, dass sie viele Gemeinsamkeiten haben - einfach dadurch, dass sie miteinander groß geworden sind.

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... heißt das Phänomen, mit dem sich Nancy Kalish, Psychologie-Professorin an der California State University in Sacramento, seit 17 Jahren beschäftigt. Mehrere tausend Menschen hat Kalish mittlerweile über ihre aufgewärmten Liebesbeziehungen befragt, auf ihrer Website lostlovers.com können sie sich austauschen.

Mit der Jugendliebe kommt man also leichter ein zweites Mal zusammen als mit jemandem, den man erst mit 30 kennen gelernt hat?

Es gibt kein Alterslimit. Doch 55 Prozent meiner Studienteilnehmer kamen mit dem Partner wieder zusammen, mit dem sie vor ihrer Volljährigkeit verbandelt waren. Und 29 Prozent fingen mit dem Ex-Partner wieder etwas an, mit dem sie zwischen ihrem 18. und 22. Lebensjahr eine Beziehung hatten. Ein Grund: In den Teenagerjahren bildet man seine Identität aus - und zwar auch über die Freunde oder Liebesbeziehungen. Diese Menschen sind wichtig für einen. Man ist jeden Tag mit ihnen zusammen, und selbst wenn man wollte, kann man sich vor ihnen nicht verstellen. Als Teenager ist man zudem vollgepumpt mit (Sex-)Hormonen, die dafür sorgen, dass sexuelle und emotionale Erinnerungen stark im Gedächtnis bleiben. Doch verstehen Sie mich nicht falsch: Das heißt nicht, dass die Hormone in der Adoleszenz einen auf diese Person prägen, so wie Gänse auf das erste Lebewesen nach dem Schlüpfen. Diese angebliche Prägung dient Menschen, die etwa über Facebook nach alten Lieben suchen, eine Affäre beginnen, häufig nur als „Ich konnte nicht anders"-Ausrede.

Gibt es Strategien, damit es im zweiten Anlauf auch sicher klappt?

Nein, die Paare sollten einfach sie selbst sein, der Rest folgt automatisch. Übrigens berichten die Paare übereinstimmend: Ihre Beziehung funktioniere, weil es so angenehm sei, sich nicht verstellen zu müssen. Der andere kennt einen durch und durch. Es fühlt sich vertraut an, wie es bei alten Freunden eben ist. Was alle auch immer betonen: Es komme ihnen vor, als sei gar keine Zeit zwischen Trennung und Wiedervereinigung verstrichen. Und: Die Paare erleben nicht nur am Anfang Schmetterlinge im Bauch. Es bleibt so!

Sind solche Beziehungen auch besonders dauerhaft?

Meine Studien über die Jahre hinweg bestätigen diesen Eindruck. 72 Prozent der Rekindling-Paare berichten nach zehn Jahren, sie seien noch zusammen.

Klingt, als gäbe es in Rekindling-Beziehungen weniger Probleme als in nicht-aufgewärmten Partnerschaften ...

Für die Kinder, sofern es welche gibt, kann es schwierig sein. Denn oft kommen die Paare extrem schnell wieder zusammen, das verstört manche Kinder. Sie sagen: „Was weißt du schon über den? Das ist doch Jahre her, dass du ihn gesehen hast. Am Ende will er nur dein Geld ..." Und dann ist es ja so, dass einige Rekindling-Paare ihr Wiedertreffen für Schicksal halten und daran knabbern, dass ja eigentlich sie gemeinsam hätten Kinder haben können. Wie sollen das die Kinder aus der vorhergehenden Beziehung deuten? Dass sie eigentlich nicht da sein sollten? Rekindling-Paare müssen aufpassen, ihre Kinder emotional nicht zu verletzen!

Was sagen Sie Paaren, die glauben, es sei Schicksal, ihre Jugendliebe wiedergefunden zu haben?

Nichts. Es ist ihre persönliche Angelegenheit, woran sieglauben möchten. Als Psychologin maße ich mir nicht an, ihnen etwas über ihren Glauben zu sagen. Wenn zwei Singles wieder zusammengefunden haben und sagen: „Das ist unsere Bestimmung", warum nicht? Bei Liierten, die sich wieder auf die Suche nach einem Ex machen, halte ich „Schicksal" allerdings für eine Ausrede.


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Apropos „Suche nach dem Ex": Wie haben die Möglichkeiten des Internets diese Suche verändert?

Facebook erleichtert es natürlich, Ex-Partner wiederzufinden. Das ist einerseits schön, andererseits gefährlich. Denn oft setzen sich Liierte an den Rechner und suchen nach vergangenen Lieben. Folge: Heute ist die deutliche Mehrheit derjenigen, die wieder mit ihrer Jugendliebe anbandeln, (noch) verheiratet. Als ich mit meinen Forschungen anfing und es Facebook noch nicht gab, war das anders. Meine Empfehlung an Menschen in Beziehungen lautet: Denkt erst nach, was ihr wollt, was ihr aufs Spiel setzt und wem ihr schaden könnt, bevor ihr jemanden aus der Vergangenheit sucht, um alten Gefühlen
nachzuhängen.


Warum geistert selbst jenen der Ex regelmäßig durch den Kopf, die doch nichts mehr von ihm wissen wollen?

Ich glaube, diese Menschen sind nicht ehrlich zu sich selbst. Die wenigsten geben zu, dass sie an einer alten Liebe hängen. Jahre später bricht das Gefühl dann hervor. In unserer Kultur gibt es dieses Konzept des „Weitermachens". Deine Tochter ist gestorben? Mach weiter! Du hast den Job verloren? Mach weiter! Aber Liebe funktioniert so nicht. Liebe baut auf unseren Erfahrungen auf, wir machen nicht einfach weiter, sind nach einer Beziehung nicht völlig neue Menschen. Ich halte es für eine gute Idee, dem Gefühl nachzugeben und zu testen, wie es mit der alten Liebe klappt. Wer kein Single ist, muss sich vorher trennen.


Wenn man mit der alten Liebe aber wirklich nicht mehr zusammenkommen will: Wie vergisst man sie endlich?

Letztlich geht es nicht um die Person, sondern um die Art, wie man sie verloren hat. Es ist die Uneindeutigkeit, die das Vergessen so schwer macht. Einer meiner Klienten war z. B. kurz mit einer Frau zusammen, die ihn ständig betrogen hat - er wollte wirklich nichts mehr von ihr. Dennoch konnte er nicht aufhören, an sie zu denken. Weil ihr Verhalten keinen Sinn gemacht hat. Es ist normal, dass im Kopf ständig diese Frage rotiert: „Warum hat er / sie mir das angetan?" Diese Unklarheit lässt sich jedoch nicht mit einer neuen Liebe wegwischen. Die Frage müssen Sie schon selbst für sich beantworten.


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