Aufgeben ist keine Schande!

In unserer wöchentlichen WIENERIN-Kolumne "Schöne Aussichten" richten wir den Blick auf Geschichten, die uns im positiven Sinn bewegen. Diesmal geht es um Entscheidungen, die Mut erfordern.

Aufgeben tut man nur einen Brief. Mit diesem nicht nur grammatikalisch wunderschönen Satz wächst man als gelernter Österreicher und gelernte Österreicherin heran. Daran musste ich diese Woche denken, als Grünen-Chefin Eva Glawischnig kurz nach dem ehemaligen ÖVP-Obmann Reinhold Mitterlehner ihren Rücktritt bekanntgegeben hat. Denn das Durchhalten, Durchbeißen, Aussitzen – das gilt irgendwie immer noch als hohe Charakterstärke.


In Wirklichkeit ist es aber überhaupt keine Schande, wenn man entscheidet, dass es sich nicht lohnt, sich für eine Sache aufzureiben. Die wirkliche Stärke liegt eben darin, zu erkennen, wie viel man kann und wann es genug ist. Und dann eine Entscheidung zu treffen – egal, ob andere sie als Schwäche oder als Stärke auslegen.


Hartnäckige Affen

Es gibt da diese bildliche Geschichte, in der ein Affe vor einer Holzkiste mit einem Loch sitzt – das Loch ist gerade groß genug, dass eine Affenhand durchpassen würde und drinnen in der Kiste liegt eine Banane. Der Affe steckt also seine Hand durch die Öffnung, greift sich die Banane – aber kriegt seine Hand natürlich nicht mehr raus. Weil so eine Affenhand mit Banane – die ist halt dann doch zu groß für das Loch. Und weil der Affe ein hartnäckiger Affe ist und nicht aufgeben will, hält er so lange an dieser Banane fest, bis er verhungert ist.


Ok, das Ende klingt jetzt echt brutal, wenn ich es so lese. Vielleicht ändern wir das lieber mal. Also nochmal zurück: Weil der Affe zwar echt stur ist, aber auch nicht ganz blöd, merkt er irgendwann, dass das wohl nichts wird mit ihm und der Banane, und dass Bananen eigentlich auch nicht das Wichtigste sind im Leben. Also lässt er ab von der Holzbox und holt sich stattdessen einen Apfel, der da auch irgendwo herumliegt. Ihr könnt ja jetzt selber entscheiden, welches Ende euch besser gefällt. Ich jedenfalls finde das zweite Ende viel besser.

In dieser wöchentlichen WIENERIN-Kolumne richten wir den Blick auf Geschichten, die uns im positiven Sinn bewegen.

Über ihre "Schönen Aussichten" schreiben abwechselnd die WIENERIN-Autorinnen und -Autoren Barbara Haas (Chefredakteurin), Ursula Neubauer (stellvertretende Chefredakteurin), Jelena Gučanin (Redakteurin) und Ljubiša Buzić (Textchef).

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