Auf einen Spritzer mit Ina Regen

Die Musikerin über Dialekt, Feminismus - und warum sich das Jodeln fast so anfühlt wie guter Sex.

WIENERIN auf einen Spritzer mit Ina Regen (c) Vrinda Jelinek

Dort drüben sitzt er. Der nette Mann, der später ein Foto machen wird. Für seine Frau. "Geht klar!", sagt Ina. Er hat die Musikerin bei einem Konzert in Grieskirchen gesehen, Inas Heimat. Zufall, denn wir sitzen gerade im Café Jelinek in Wien-Mariahilf. Hier kann man ungeniert um 15 Uhr schon einen Spritzer trinken - passt. Ina Regen hat eine turbulente Vergangenheit: Sie war Musicaldarstellerin, hat von Marianne Mendt bis Norbert Schneider Background gesungen, begonnen, selbst Songs zu schreiben, erst auf Englisch, dann auf Deutsch - und seit sie im Dialekt singt, ist sie eine Fixgröße der Charts.

WIENERIN: Vor fast genau einem Jahr warst du bei Helene Fischer in der Show und hast mit ihr Heast as net gesungen - fünf Millionen haben zugesehen. War das der Höhepunkt deiner Karriere?

Ina Regen: (Lacht.) Nein, aber es war eine schöne Erfahrung. Ich persönlich war beeindruckt von der Begegnung mit Helene, weil sie eine tolle, charismatische und sehr sensitive Frau ist. Dieser Zauber hat mich erwischt - und zu sehen, wie großherzig sie ihre Bühne mit mir geteilt hat, war toll. Bei der Backstageparty haben wir dann Macarena getanzt

Witzig! Okay, dann kommen wir zu dir: Im Dialekt zu singen - egal ob wie du oder auch etwa Voodoo Jürgens - ist wieder in Mode gekommen. Woran liegt das?

Bei mir war es eine Überwindung vor drei Jahren. Aber ich habe gemerkt, wie viel es mir bedeutet, in meiner Sprache zu singen, zu texten, und welche Kraft das auch hat. Trotzdem gab es die Sorge, hier musikalisch und auch politisch in ein Eck gedrückt zu werden, wo ich nicht hin will. Das ist zum Glück nicht passiert. Es gibt, denke ich, beim Publikum eine Sehnsucht nach einer diversen Identität - dass eben österreichische Musik nicht nur Wanda, Bilderbuch oder Gabalier heißt.

Ich gehe vom Dialekt direkt aufs Land, dort bist du aufgewachsen. Wie hast du bemerkt, dass die dortigen Rollenbilder nicht mehr zu deinen Vorstellungen passen?

Das Thema Feminismus ist ein sehr junges für mich. Das war nicht präsent so, wie ich aufgewachsen bin. Gerade generationenübergreifend merke ich das, denn wenn ich jetzt zu Hause bin, interessiert sich meine Oma halt einzig dafür, wann ich heirate und ob ich einen Mann habe - also die Generationen kleschen aufeinander, und ich sehe jetzt auch, wie anders die Erwartungen an meinen Bruder sind als an mich.

Nervt es dich denn, wenn deine Oma so was fragt?

Ich glaube an Balance, und daran, dass sie durch Empathie entsteht. Ja, es nervt mich, manchmal kränkt es mich auch, aber gleichzeitig denke ich mir: Woher soll sie wissen, wie es in meiner Welt ist? Ich kenne ihre ja auch nicht. Wir bleiben im Dialog - mit viel Liebe füreinander.

WIENERIN Auf einen Spritzer mit Ina Regen (c) Vrinda Jelinek

Was verstehst du denn unter Feminismus?

Ich bin eine gemäßigte Feministin, aber sehr dankbar für die progressiven und die konservativen an den Rändern. Und ich kann auch Frauen verstehen, die sagen, sie können sich damit nicht identifizieren. Für mich ist die Idee des Feminismus, dass sich Menschen von ihren vorgefertigten Rollenbildern befreien und losgelöst definieren können, wie sie ihr Leben gestalten wollen.

Viele Feminismusdebatten werden aber auch in sehr kleinen Blasen geführt und schaffen es oft nicht mehr in die Breite - wie geht das besser?

Persönlich habe ich viele coole Frauen um mich, viele Künstlerinnen, aber auch Freundinnen, die mit Anfang 20 begonnen haben, Kinder zu kriegen. Das ist eine ganz andere Lebensrealität, und ich suche diesen Austausch - und ich sehe es in meiner Verantwortung, auch mit Menschen in Kontakt zu kommen, die ich vielleicht sogar erst mal ablehne. Ja, das ist schwierig - aber die Gesprächsverweigerung und das Aburteilen im Sinne von "Du machst was falsch!" ist in beiden Richtungen toxisch.

Ein sehr schöner Song deines letzten Albums Klee heißt Und dann gehst und beschreibt den Verlust eines lieben Menschen. Was kommt dir in den Sinn, wenn du an deinen eigenen Tod denkst?

Wenn ich daran denke, dass ich endlich bin, merke ich sofort, wie gerne ich lebe. Ich empfinde das Leben als großes Geschenk, und solche Gedanken erinnern mich daran, möglichst wenige Momente ungelebt verstreichen zu lassen -und daran, dass ich mich nicht limitieren, sondern mir Dinge erlauben möchte.

Ich erlaube mir eine letzte Frage: Wie ist es, zu jodeln?

Es ist das Körperlichste, das es beim Singen gibt. Und als Frau habe ich auch das Gefühl, es kommt so ganz tief aus mir - die pure Natur.

Das klingt jetzt irgendwie nach Sex. Ist es so?

(Lacht.) Ja, stimmt. Es ist wirklich sehr, sehr knapp dran!

MENSCH SEIN. In ihrem neuen Album, das im September 2020 erscheinen wird, befasst sich Ina Regen mit der Frage, was es bedeutet, Mensch zu sein.

SCHWESTERN. Ina Regen will Frauen fördern, musikalisch und gesellschaftlich. Am 8. März 2020 wird sie unter dem Titel SIE - Ungewöhnlich selbstverständlich im Wiener Konzerthaus mit vielen Musikerinnen auftreten - große Empfehlung auch seitens der WIENERIN! Mehr Infos dazu gibt's hier.

 

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