Auf einen Spritzer mit Frauenministerin Ines Stilling

Krisenfest: Als Sektionschefin hat sie ihre Vorgängerin beraten. Nun ist Ines Stilling selbst Frauenministerin. Wir sprachen mit ihr über Vereinbarkeit, Quoten und Pragmatismus in der Politik.

frauenministerin ines stilling sitzt an einem tisch, vor ihr ein glas weißer spritzer

So einiges könnte Ines Stilling an diesem Nachmittag aus der Ruhe bringen: Am Nebentisch lässt ein Kartenspiel Emotionen und Lautstärke hochgehen, der Fotograf verspätet sich zum Termin im Café Eiles, wir checken während des Interviews deshalb mehrmals das Smartphone. Stilling lächelt gelassen: "Im Notfall haben wir unsere Handykameras." Kanzlerin Brigitte Bierlein machte die studierte Juristin zur Frauenministerin ihrer Übergangsregierung. Davor war Stilling als Fachbeamtin für sieben Frauenministerinnen tätig. Vielleicht hat sie ihren Pragmatismus da gelernt.

Zwölf Jahre hat Stilling frauenpolitische Maßnahmen ausgearbeitet - unter stets knappem Budget; zuletzt als Sektionschefin für Frauenagenden im Bundeskanzleramt.

WIENERIN: Wir haben erstmals eine Kanzlerin, auf der Regierungsbank herrscht ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis. Warum war dafür eine Regierungskrise nötig?

Ines Stilling: Ich glaube, es hat keine Regierungskrise gebraucht, sondern zwei Personen, denen das ein zentrales Anliegen war: nämlich unseren Herrn Bundespräsidenten und unsere Bundeskanzlerin. Wenn es von der Spitze aus gewünscht ist, dann geht es immer.

Das war bisher nicht der Fall?

Offenkundig.

Zuvor saßen nur 63 Frauen im Parlament - das ist ein Drittel aller Abgeordneten. Was läuft da falsch?

Bei der Listenerstellung der Parteien gibt es bessere Möglichkeiten. Je mehr Frauen auf wählbaren Positionen sind, desto mehr werden in den Nationalrat einziehen. Aktuell hat der Nationalrat eine Quotenregelung beschlossen, die sich auf die Klubförderung auswirkt. Ich glaube, dass eine Quote ein hilfreiches Instrument ist für Dinge, die an sich selbstverständlich sein sollten.

Trotzdem gibt es enormen Widerstand gegen Quoten. Warum?

Derzeit sind die meisten Positionen von Männern besetzt, das heißt, wenn ich dort eine Frau hinhaben will, dann muss ich dem Mann erklären, warum er nicht mehr dort sitzen soll. Das erzeugt naturgemäß Widerstand. Ich hoffe, dass wir irgendwann zu einem Zustand kommen, wo wir keine Quote mehr brauchen, weil Frauen und Männer in gleichen Maßen in allen Bereichen vertreten sind. Bis dahin braucht es manchmal ein Zwangsinstrument.

Sie sind Expertin für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, selbst haben Sie zwei Töchter. Gab es einen Moment in Ihrer Biografie, in dem Sie gemerkt haben: So leicht ist das nicht?

Selbstverständlich habe ich das gemerkt. Ich habe einen wundervollen Ganztageskindergartenplatz mit wenigen Schließtagen und eine Schule mit einer guten Nachmittags-und Ferienbetreuung. Das ist allerdings mit Kosten verbunden, die sich viele Familien nicht leisten können. Zum anderen aber gibt es ungeplante Ereignisse - wenn etwa das Kind krank wird, aber die Großeltern nicht einspringen können. Dann stellt man fest: Das Konzept "Vater und Mutter arbeiten Vollzeit und alles ist wunderbar" lässt sich nicht realisieren.

73 Prozent aller Mütter arbeiten deshalb Teilzeit. Das hat Folgen: Die Hälfte aller Pensionistinnen erhält eine Pension von weniger als 870 Euro. Wie kommen wir aus der Teilzeitfalle?

Ich würde nicht sagen, dass Teilzeit per se schlecht ist. Es gibt Lebenssituationen, da ist Teilzeit eine gute Möglichkeit, im Erwerbsprozess zu bleiben. Grundsätzlich wäre es schön, wenn die Einkommen so hoch wären, dass man von einem 25-oder 30-Stunden-Job leben kann. Die andere Frage ist, wie wir sogenannte Frauenberufe sehen: ob wir die viel zitierte Billa-Verkäuferin, die Kindergartenpädagogin oder die Reinigungskraft - all die Berufe, die stark von Frauen dominiert sind und unseren Alltag überhaupt erst ermöglichen - nicht besser bezahlen sollten. Die Digitalisierung wäre eine gute Möglichkeit, grundsätzlich neu zu diskutieren: Welche Fähigkeiten brauchen wir in der Zukunft und wie bewerten wir sie? Das könnte für weiblich konnotierte Berufsbilder bedeuten, dass wir zu einer gleichwertigeren Bezahlung kommen.

Der schwarz-blauen Regierung wurde der Vorwurf gemacht, sie handle wider die Expertise von Frauenorganisationen, etwa beim Gewaltschutz. Wie haben Sie das als Sektionschefin erlebt?

Ich habe mit meiner Amtsvorgängerin Juliane Bogner-Strauß immer konstruktiv und vertrauensvoll zusammengearbeitet. Dass am Ende nicht 100 Prozent von dem, was sie sich gewünscht hat, in der Regierungsvorlage drinnen war, das ist so in der Politik. Man muss Kompromisse eingehen, damit am Ende ein Ergebnis rauskommt.

Sie gelten in dieser Hinsicht als Pragmatikerin.

Ich glaube, das ist eine relativ zutreffende Bezeichnung. Ich verstehe darunter, dass man versucht, die Anliegen seines Gegenübers wahrzunehmen und dann gemeinsam eine Lösung zu finden. Das kann man auch mit Fundamentalismus machen - das wird aber selten zum Erfolg führen.

Wenig Budget, zudem bringt das Frauenministerium keine Gesetzesinitiativen auf den Weg: Sind Frauenagenden eine Fleißaufgabe?

Dass das Budget sehr begrenzt ist, ist eine Tatsache. Als Fleißaufgabe sehe ich es trotzdem nicht, sondern als essenzielle Grundlagenarbeit. Ich habe bei allen Frauenministerinnen erlebt, wie wichtig es ist, bei anderen Ministerinnen und Ministern oder den Sozialpartnern auf Gleichstellungsangelegenheiten hinzuweisen.

Findet man dabei genug Gehör?

Doch, da bin ich überzeugt.

 

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