Auf einen Spritzer mit Evi Romen: "Mich interessiert, wenn sich ein Abgrund auftut"

Ihr feines Gespür für Figuren, ihr Humor und ihr exaktes Timing für den dramatischen Augenblick machen Filmemacherin Evi Romen zum heimlichen Star der Wiener Kulturszene.

Catherine Gottwald und Evi Romen

Wenn die Schwingtüren des Wiener Filmcasinos aufgehen, bleibt der Alltag draußen. Hier im entspannt-flauschigen Fifties-Retrodesign-Kino, quasi auf historischem und heiligem Boden österreichischer Arthouse-Kultur, treffen wir auf Evi Romen, Editorin, Drehbuchautorin und seit Kurzem auch Regisseurin. Ihr Regiedebüt Hochwald (ab Jänner 2021 in den heimischen Kinos) hat im Herbst 2020 beim Zurich Film Festival den Hauptpreis bekommen. Sogar dem legendären US-Branchenblatt Variety war der Regie-Erstling der gebürtigen Südtirolerin einen Beitrag wert.

WIENERIN: Dein Zitat "Die Generation der Männer, die sich in der Branche aufgockeln, stirbt aus" macht Laune. Du bist seit über 30 Jahren Teil des österreichischen Filmbiz. Hat sich die Situation für Filmemacherinnen also verbessert?

Evi Romen: Davon bin ich überzeugt. Mir ist keiner unter 40 begegnet, der mir mit Machogehabe blöd gekommen wäre. Ich beobachte, dass eine Generation junger Männer heranwächst, die sich an Frauen hält, an ihre Stärke, ihr Wissen und ihr Können. Wahrscheinlich sind sie von ihren Müttern auch schon anders erzogen worden. Als ich an der Wiener Filmakademie begonnen habe, Kamera zu studieren, war das anders: Meine Studienkollegin und ich wurden schon mal bei einer Studioübung ausgelassen, weil wir als Frauen angeblich "die große Kamera nicht bedienen" konnten. "Kein Schwanz, kein Schwenk" haben wir damals aus Protest an die Wand gesprüht. Komischerweise hat uns aber nie jemand verdächtigt. Ich erinnere mich auch an alte Professoren an der Akademie, die mir mit den Worten "Na, Puppi? Hast die Übung haaalbwegs g'schafft?" väterlich den Arm um die Schultern gelegt haben. Das hat mich extrem irritiert. Ich komme aus einer Südtiroler Familie mit einer Ahnenreihe starker Frauen, die immer an der Seite ihrer Männer gekämpft haben.

In deinem Film Hochwald wandert der Zuschauer durch die zerrüttete Seelenlandschaft von Mario (hervorragend besetzt mit Newcomer Thomas Prenn, Anm.), einem Ex-Junkie und Traumtänzer. Was reizt dich an dieser Figur?

Mich interessiert der Abgrund, an dem meine Hauptfigur steht. Ich wollte etwas über die Zerrissenheit erzählen, die in uns allen steckt.

Das Terrorattentat von Wien im November 2020 verstärkt die Aktualität von Hochwald: Auch in deinem Film fallen Menschen einem feigen Attentat zum Opfer. Tragischerweise hat die Realität den Film eingeholt. Es ist ein Realitätsbezug, auf den man als Zuseherin gerne verzichtet hätte ...

Der Film spiegelt eine Situation wider, vor der wir uns alle fürchten. Plötzlich ist die Möglichkeit, bei einem islamistischen Attentat zu sterben, omnipräsent. Ich bin wirklich erschrocken, als mir während des Anschlags in Wien Menschen aus ihren Verstecken geschrieben haben: "Ich war gestern in Hochwald, und jetzt bin ich mittendrin!"

Mario, dein Protagonist, scheint sich über seine eigene sexuelle Orientierung noch nicht so ganz im Klaren zu sein ...

Die Absicht dahinter war, die Grenzen der Sexualität fließend zu halten. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass die Grenzen zwischen Homosexualität, Heterosexualität und allen anderen Formen von Sexualität verschwimmen. Alles ist in Bewegung.

Braucht es die große Leinwand für "anspruchsvollere" Stoffe oder die große Erreichbarkeit der Massen durch TV und Streamingdienste - oder beides? Die österreichische Filmemacherin Veronika Franz sagt: "In einem Kino übt ein Film Macht aus; er zwingt Menschen, hinzuschauen. Ohne Kino geht die sinnliche Erfahrung verloren." Stimmst du zu?

Ich denke, dass Filme von der Kinoleinwand bis zum Handy funktionieren können. Allerdings geht tatsächlich -wie Veronika sagt -ein ganz wesentliches Erlebnis verloren. Schließlich spürt man auch, was andere empfinden, wenn man gemeinsam beim Filmschauen in einem dunklen Raum sitzt. Energien werden dabei freigesetzt. Wir sind gewohnt, Medien, Fernsehen einfach so abzudrehen oder umzuschalten. Dabei ist immer eine gewisse Unruhe im Spiel. Ich würde es sehr begrüßen, wenn vor allem der Arthouse-Film als Kulturerlebnis tatsächlich den Stellenwert eines Theaterbesuchs bekäme. Ich glaube, er ist auf dem besten Weg dorthin ...

 

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