Astro-Report

Während die einen in die Sterne gucken, lassen sich andere freiwillig in die Karten schauen. Doch taugen Astro und Co tatsächlich etwas? miss-Redakteurin Nathalie Roden war skeptisch und hat’s deshalb einfach mal ausprobiert.

Du glaubst doch nicht ernsthaft an all dieses Zeugs?" Meine Freundinnen wirken teilweise belustigt, teilweise fast schon besorgt, als ich von meinem Ausflug in die mystischen Gefilde der Esoterik berichte. Also davon, dass bei mir gerade alles an der Ruhekarte hängt und Jesus, Mutter Maria und Lady Nada letzten Montag über mein Leben konferiert haben. „Äh, doch. Irgendwie schon. Zumindest ein klein wenig mehr als zuvor", gebe ich kleinlauter zu, als ich ursprünglich wollte.


Dabei hätte ich eigentlich ahnen müssen, dass sie mit meinen Schilderungen nix anfangen können. Mir selbst wär's noch vor ein paar Tagen nicht anders gegangen. Das höchste der Esoterik-Gefühle war für mich bis dato das Zeitungshoroskop und der Astro-Channel.

Unterhaltsam, aber nicht wirklich ernst zu nehmen. Ich war zwar stets neugierig, aber auch überaus skeptisch. Aber da die Dinge ja bekanntlich gern anders kommen, als man denkt, befand ich mich plötzlich auf der Suche nach gleich drei esoterischen Lebensberatern wieder, um herauszufinden, was mir die Zukunft bringt - und ob sich denn auch alle darüber einig sind.


Von Stars & Sternchen
Mein erster Termin führt mich zur Astro-Beratung. Doch zu meinem Erstaunen erwartet mich nicht etwa „Madame Luna" mit Kopftuch und Glaskugel, sondern eine scheinbar ganz gewöhnliche Frau (www.horoskop.at). Unheimliches Kerzenflackern und schwarze Katzen, die grimmig durchs Zimmer huschen? Fehlanzeige! Nur ein paar harmlose Gummibärlis, die auf dem Tisch auf mich warten. Während ich aufatme, kramt die Astrologin die Ausdrucke hervor, die ihr PC (!) anhand meiner Geburtsdaten ausgespuckt hat.


„Mit übersinnlichen Fähigkeiten hat das nichts zu tun. Es geht darum, Symbole zu deuten und zueinander in Beziehung zu setzen." Puh, meine Befürchtung, sie könne vielleicht Gedanken lesen, war also unberechtigt! Oder doch nicht? Denn nachdem sie eine erstaunlich zutreffende Charakterbeschreibung von mir zum Besten gegeben hat, haut sie gleich die nächste Bombe raus: „Ihnen ist sicher gerade nicht langweilig. Ich sehe eine sehr turbulente, stressige Phase."

Wie überaus recht diese Frau doch hat! „Die Phase ist aber bald überstanden. Den Höhepunkt haben Sie schon hinter sich. Ende Dezember ist dann alles vorbei." Na, Gott sei Dank! Dass ich darüber an Leichtigkeit, Humor und Selbstironie gewinnen werde, umso besser! Auch die Nachricht, dass sich 2011 eine Tür für mich öffnen werde, durch die ich aber wahrscheinlich erst später bequem durchschlendere, hört sich vielversprechend an.

Weiter geht´s auf Seite 2!

Was bewegt uns dazu, zur Astrologin oder Kartenlegerin zu gehen? miss hat Psychologin Patricia Göttersdorfer gefragt.

Warum sind Angebote wie Astrologie, Tarot oder Channeling so beliebt?
Da wir dazu neigen, die Komplexität der heutigen Welt auf möglichst einfachem Weg reduzieren zu wollen, suchen wir oft bei solchen Geschichten nach Rat.
Vieles scheint tatsächlich zuzutreffen. Warum?
In der Psychologie spricht man von „self-fulfilling prophecy“, das heißt: Das, woran man glaubt, geht in Erfüllung, weil man sich entsprechend verhält. Ein gutes Orakel lässt zudem die Antworten offen, sodass sie interpretierbar sind. Und viele haben auch einfach ein extrem gutes Gespür für andere.
Worauf sollte man aufpassen?
Wenn der Eindruck erweckt wird, dass das Schicksal unabänderbar ist, könnten einige sich selbst am Leben hindern. Und man sollte aufpassen, sich nicht abhängig zu machen. Wenn der Ausgang aber relativ offen bleibt, könnte hingegen auch ein positiver Gedankenprozess angeregt werden, der hilft, sein Leben klarer zu sehen und sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Das Liebesglück scheint mir ebenfalls hold: nur ein klitzekleines Wölkchen am Himmel. Zwei Vorstellungen werden aufeinanderprallen, doch das sei für mich sicher nichts Unbekanntes. Stimmt! Zum Schluss verrät sie mir dann noch meine wahre Berufung, nämlich, dass ich einen gesellschaftlichen Bildungsauftrag habe, der in Richtung Lebenslehre geht. Ich als Lebenslehrer?! Mal schauen, ob sie damit recht behält. Vorstellen kann ich's mir aber derzeit noch nicht.


Können diese Karten lügen?
Wenige Stunden später stehe ich bei der Kartenlegerin auf der Matte (www.kartenlegen-wien.at). Ob sie mir Ähnliches über meine Zukunft verraten wird? Ich bin gespannt. Statt Hokuspokus erwartet mich auch hier eine überraschend bodenständige Sicht ihrer Kunst: „Ich kann die Qualität des Moments erkennen und Tendenzen für die Zukunft aufzeigen. Klare Zukunftsprognosen lehne ich ab. Dafür glaube ich zu sehr an die ‚selbsterfüllende Prophezeiung‘. Kolleginnen, die das machen, sind meiner Meinung nach unseriös, denn letztendlich ist nichts, was ich aus den Karten lese, unausweichlich."
Mit der linken Hand (die liegt näher am Herzen) ziehe ich meine aktuelle Situation. „Bist du gerade sehr viel im Stress?", lautet dann auch gleich ihre erste Frage - und ich komme aus dem Staunen kaum noch heraus. Das hat doch die Astrologin genauso gesehen! Ruhe sei jetzt überaus wichtig, meint sie weiter - und dass ich endlich wieder ins Gleichgewicht komme. Beruflich sei ich jedoch am richtigen Fleck, auch wenn sich mir noch so manche Tür öffnen werde. Ich solle mir nur bitte nicht so viel Druck machen und außerdem noch mehr auf mein Gefühl vertrauen. Was andere denken könnten, solle mir vorerst mal egal sein. Einverstanden!
Weiter geht's mit der Liebe. Vertraut man den Karten, sieht's grundsätzlich gar nicht so schlecht für uns aus. Sie empfiehlt mir aber, meinem Freund seinen Freiraum zu lassen: „Er muss erst noch sein eigenes Ding machen und durch eine Art Pubertät hindurch." Aber auch ich würde von diesem Freiraum sehr profitieren. Schade. Die Überlegung, ob wir zusammenziehen, legen wir dann wohl besser auf Eis.

Euer Wille geschehe
Nächste Station: die Channeling-Session (www.klarheit.at). Dabei sollen Lichtwesen aus einer anderen Sphäre mir Klarheit über mein Leben verschaffen und zukünftige Potenziale verraten. Da aber nicht jeder für diese Botschaften empfänglich sei, müssten sie durch ein „Sprachrohr" hindurch.
Mein „Sprachrohr" ist weiblich und mir auf Anhieb sympathisch. Auch wenn ich kaum glauben kann, dass so was echt funktioniert. Sie schließt die Augen und versetzt sich - übrigens reichlich unspektakulär - in Trance. Schließlich melden sich gleich mehrere „aufgestiegene Meister" zu Wort: Jesus, Mutter Maria, Maria Magdalena, Isis und eine ominöse Lady Nada. Oje, ich muss es wohl nötig haben, wenn gleich eine ganze Abordnung wichtiger Seelen sich mit mir unterhalten möchte! Aber wenn sie schon mal „da" sind, kann ich auch gleich ein paar Fragen stellen.
Im Job solle ich mich mehr öffnen, mehr auf mein Gefühl vertrauen und weniger über mögliche Reaktionen von außen nachdenken. Aha, so was Ähnliches hab ich doch eben schon mal gehört! Auch als die Meister von meiner Berufung erzählen, glaube ich, Parallelen zu vorher zu erkennen: „Deine Berufung hat mit deinen empathischen Fähigkeiten zu tun. Es geht um Nächstenliebe und Unterstützung, umgesetzt in einer kreativ-künstlerischen Form." Hm, ob das etwas mit der Lebenslehre zu tun hat, von der die Astrologin gesprochen hat? Mich würd's inzwischen kaum überraschen - zumal zu meiner Beziehung dann noch Folgendes kommt: „Er ist derzeit noch in einer suchenden Phase, sodass es gut wäre, wenn du ihm etwas mehr Raum geben würdest. Auch dir würd's guttun, weil du so zu dir selbst finden kannst." Nach gut einer Stunde gehe ich heim, leicht befremdet, aber dennoch berührt.


(Aber-)Glaube kann Berge versetzen
Lange Rede, kurzer Sinn: So viele Parallelen können doch kein Zufall mehr sein! Entweder funktionieren diese Praktiken wirklich (auch wenn's dafür noch keine wissenschaftlichen Beweise gibt und die Prognosen relativ unscharf waren) oder diese Leute haben eine verdammt gute Menschenkenntnis und ein noch besseres Beratungsgeschick! Natürlich bleibt abzuwarten, was die Zukunft mir nun tatsächlich bringt, aber wie dem auch sei: Vorausgesetzt, man trifft wie ich auf die richtigen Leute, ist psychisch stabil und macht sich zu keinem Zeitpunkt abhängig, ist gegen diese Erfahrung nichts einzuwenden.

Aktuell