Astro-Dating

Verrate mir dein Sternzeichen – und ich sage dir, in wen du dich verlieben sollst: In der Single-Hochburg New York ist Astro-Dating gerade der letzte Schrei. miss-Autorin Julia Wilczok hat es ausprobiert.

Mein vermeintlicher Mr. Right ist ein Hochstapler, ja vielleicht die größte prominente Witzfigur des vergangenen Jahres. Denn wie sich herausstellte, war das Strahlemann-Image, das er über Jahre perfektioniert hatte, nur Fassade. Dahinter verbarg sich ein Berg aus Affären, Lügen und menschlichen Abgründen: Ausgerechnet Tiger Woods soll mein Ideal-Partner sein, so steht es zumindest in den Sternen! Laut der Webseite astrodating.com sollen Herr Woods und ich als Partner zu 90 Prozent kompatibel sein. Na schönen Dank auch!

Alles fauler Zauber?
Sind Tierkreiszeichen und Aszendent beim Verlieben wichtiger als erste Blicke, schöne Augen und der richtige Musikgeschmack? Kann es sein, dass Ort und Zeitpunkt der Geburt etwas darüber aussagen, wer zu uns passt - und ist es tatsächlich möglich, dass meine Beziehung zu einem Jungfrau-Mann bessere Chancen hätte als die zu einem Schützen?
Wir wissen kaum etwas darüber, welchen Einfluss die Sterne auf unser Liebesleben haben, also will ich es herausfinden. In einer Stadt wie New York, in der der Besuch eines semi-professionellen Hellsehers nur 5 Euro kostet, ist Astro-Dating zurzeit schwer angesagt, was dazu führt, dass hier selbst der verwegenste Lederjacken-Rocker seinen Aszendenten kennt und weiß, in welchem Mond er geboren ist.
Um zu verhindern, einem geldgierigen Astro-Dating-Service auf den Leim zu gehen, zäume ich das Pferd von hinten auf: Eine Astrologin erstellt mein Chart, danach melde ich mich beim kostenlosen Online-Dating-Service „OK Cupid" an. Die Suchfunktion der Seite ermöglicht es, die potenziellen Partner nach Sternzeichen zu filtern. Laut Online-Berechnung sollte ich als Steinbock mit Aszendent Löwe idealerweise Männer mit Sternzeichen Jungfrau oder Stier daten. Gesagt, getan.

Die Nadel im Heuhaufen
Es ist nicht so leicht, die Nadel im Heuhaufen, sprich passable Kandidaten, zu fi nden. Bei meinen ersten „Treffern" gibt es immer einen Haken: Jungfrau Nummer 1 ist süß, misst aber nur 1,58 Meter, Kandidat 2 gibt an, eine feste Freundin zu haben, Nummer 3 wohnt noch bei Mutti. Nach gefühlten 100 Stunden Online-Recherche werde ich von einem vollbärtigen Mann angechattet.
Künstler, 30, nette Schreibe und - Zufall oder Schicksal? - Sternzeichen Jungfrau. Wir vereinbaren ein Treffen. Kurz vorher befrage ich das Internet-Orakel. Die Sterne wollen über mein Date wissen: „Die rationale Jungfrau passt perfekt zum selbstdisziplinierten Steinbock. Beide sind Workaholics, aber auch häuslich, bewundern den Intellekt des anderen und haben lieber wenige enge Freunde als viele lockere Bekanntschaften. Eine gute Basis für eine lange Beziehung."

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Die besten Links zum Astro-Dating

- Sein astrologisches Chart kann man sich gratis online berechnen lassen, z. B. Auf astroservice.com. Zur Auswertung einen Termin beim Astrologen machen.

- Auf gotohoroscope.com lässt sich die Liebes-Kompatibilität mit anderen Sternzeichen testen.

- Online-Singlebörsen gibt es wie Sand am Meer. Einen guten Überblick gibt singleboersen-vergleich.at.

- Der prominente Traumprinz lässt sich auf astrodating.com ermitteln.

- Wer sich für astrologische Partnertests, auf Sternzeichen abgestimmte Schmusetipps oder Mondphasenkalender interessiert, wird bestimmt unter astrodating.at fündig.
Hört sich doch super an! Und wo bitte geht's zum nächsten Standesamt? Erst mal geht es in eine schummerige Bar. Der erste Eindruck ist nett. Wir reden vier Stunden ohne Pause, fast so, als würden der Vollbart und ich uns seit Jahren kennen. Als er jedoch nachts um zwei ohne Vorwarnung erst plump seine Hand auf meinem Oberschenkel platziert und dann noch dreist zum Kuss ansetzt, verabschiede ich mich schnell. Der erwartete kosmische Blitz hat nicht eingeschlagen, zumindest nicht bei mir. Doch nicht verzagen, schließlich wartet irgendwo da draußen noch ein Stier.

Kat-astro-phen-Dating
Den Stier finde ich abermals bei „OK Cupid". Wollmützenträger, 36, Musiker mit einer Schwäche für „Tomaten-Sandwiches". Der Kompatibilitätstest im Internet ist vielversprechend: „Sowohl Steinbock als auch Stier sind sicherheitsliebend. Beide sind bodenständige, leidenschaftliche Naturen. Dem sensiblen Stier gelingt es, die romantische Ader des reservierten Steinbocks zu wecken. Ideale Voraussetzungen für eine erfüllte Partnerschaft." Beim realen Kennenlernen stellt der Stier sich leider nicht geschickt an, so ganz ohne Mütze ist er in natura nicht einmal süß. Von „Bodenständigkeit" und „Sensibilität" ebenfalls keine Spur - der Mann schafft es, zwei geschlagene Stunden nur über sich selbst zu reden und mit seinem exzessiven Musikerleben inklusive zahlloser Affären zu prahlen. Ich zahle mein Bier und gehe gefrustet nach Hause.
Ob sich da oben hinter der Milchstraße nicht gerade der kosmische Kobold ins Fäustchen lacht? Erst will der Astro-Amor mir Tiger Woods unterjubeln und jetzt das. Zu Hause angekommen, schmeiße ich noch mal den Rechner an und jage erneut meine Daten durch den Äther. Und siehe da, der Kosmos hat offenbar Mitleid mit mir - unter „perfect match" steht dort nicht mehr Tiger Woods, sondern Johnny Depp. So hatte ich mir das schon eher vorgestellt.
Selbst wenn ich meinem Traummann nicht begegnet bin, eines habe ich gelernt: Wie viele astrologische Kompatibilitäts-Berechnungen man auch anstellt, es geht nichts über den Zauber des ersten Kennenlernens. Und wenn es nicht funkt, dann funkt es eben nicht, egal ob jemand Waage, Zwilling oder was auch immer ist. Liebe ist unberechenbar und das ist gut so.

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