#AskHerMore: Der Kampf auf dem Roten Teppich

Zur Award Season gleicht Hollywoods einer Kampfzone: Wer ist die Schönste auf dem Roten Teppich? Unter den Schauspielerinnen scheint sich jedoch Widerstand gegen den oberflächlichen Jahrmarkt der Eitelkeiten zu regen.

Jeder, der das Spektakel Red Carpet schon einmal aus mehr oder weniger großer Entfernung beobachtet hat, weiß, dass es sich hier zur Hälfte um einen Schönheitswettbewerb, zur anderen um eine Modenschau handelt. Und die schaulaufenden Schauspielerinnen eigentlich nur verlieren können: In der Sekunde ihres Erscheinens werden sie von Zuschauern und selbsternannten Mode-Polizisten auseinander genommen und auf Grund ihrer Outfitwahl, ihres Lippenstiftes oder ihrer Frisur bewertet.

Auf der einen Seite mag es schwer fallen, ausreichend Mitgefühl für diese schönen, hochbezahlten, berühmten Frauen aufzubringen, die zu solchen Anlässen normalerweise gratis in sündteure Couture gesteckt werden. Auf der anderen Seite jedoch altern Frauen in Hollywood schneller als überall sonst auf der Welt, bekommen weniger bezahlt als ihre männlichen Kollegen und laufen eher Gefahr, über ihre Smartphones gehackt zu werden, während von ihnen erwartet wird, in model-gleicher Perfektion aufzutreten.

Innen hui, außen pfui

Bei den Golden Globes im vergangenen Jänner schien der Rote Teppich ganz anders zu laufen als das, was bei der Preisverleihung passierte: Im Inneren des Beverly Hilton Hotels, wo die Veranstaltung stattfand, erntete Schauspielerin Maggie Gyllenhaal frenetischen Applaus für ihre Bemerkung über die aktuelle „Vielfalt an Rollen für echte Frauen in Film und Fernsehen“. Draußen wurde währenddessen Maggies Kleid von Blogs und Kommentatoren zerrissen. Drinnen wurde Amal Clooney für ihre Arbeit für Menschenrechte gelobt, draußen störte sich die Fashion Police an ihren ellenbogenlangen Handschuhen.

Während die Oberflächlichkeit der Institution Red Carpet also nichts Neues mehr ist, macht sich aktuell immer mehr Widerstand breit.

Zu Erinnerung: Im letzten Jahr machte die "Mani Cam" des Senders E! Schlagzeilen, da sich viele Schauspielerinnen öffentlich dagegegen wehrten, ihre Hände vor der Kamera zu präsentieren und darauf reduziert zu werden. Wie das aussah? Sehen Sie hier:

Der Sender reagierte in diesem Jahr auf die Kritik und verbannte die "Mani Cam" aus seiner Berichterstattung. Nach ihren Kleider/Smokings wurden die Schauspielerinnen und Schauspieler aber trotzdem gefragt.

Dass diese objektifizierende Fragestellung durchaus für Unbehagen sorgt, zeigte Cate Blanchett in ihrem E! Interview vor zwei Jahren: Sie rief einem Kameramann, der ihr bodenlanges Kleid bis zum Saum abfilmte, zu, ob er das denn auch bei Männern mache.

Cate Blanchett

Ein paar Wochen später schrieb theguardian.com, dass der „Red Carpet Gipfel“ erreicht sei und alles einfach „zu dumm und zu hysterisch“ geworden sein, dass die Stars in dieser surrealen Welt wie „Rennpferde eine Parade ziehen würden, während das Publikum ihre Lippen und Zähne inspizieren und lächerliche Unterhaltungsjournalisten dümmliche Fragen stellen würden.“

„Wen tragen Sie heute?“

Unter diesen dümmlichen Fragen ist die mit Abstand meistgestellte jene nach dem Designer der jeweiligen Robe: „Who are you wearing? - Wen tragen Sie heute?“ Die Website Upworthy hat einen solchen oberflächlichen Fragenkatalog zusammengestellt und fordert mit ihrem Video unter dem Hashtag #AskHerMore genau das: „Fragt sie mehr!“
Upworthy’s Kampagne wird von der Organisation Smart Girls, die von Schauspielerin und Moderatorin Amy Poehler ins Leben gerufen wurde, unterstützt. Leiterin Meredith Walker über das Projekt: „Wir haben via Email und Twitter Nachrichten bekommen, warum solche Fragen auf dem Red Carpet gestellt werden. Unsere Fans interessieren sich für diese Frauen, sie interessieren sich für intelligente Fragen und deren Antworten. Das Gerede über Outfits und unwichtige Oberflächlichkeiten ist für sie einfach Zeitverschwendung.“

Bei den letztjährigen Golden Globes und Critic’s Choice Award griff die Website „The Daily Share“ die Sache auf und stellte den Schauspielerinnen tatsächlich interessante Fragen, etwa nach dem besten Rat, den sie je erhalten hatten, oder was sie ihrem jüngeren Ich raten würden – mit Erfolg, die Reaktionen der User waren durchaus positiv.

Das große Schaulaufen als zweites Standbein

Neben all den wohlmeinenden Hashtags darf man jedoch eine Tatsache nicht vergessen: Für weibliche Stars ist das Schaulaufen auf dem Roten Teppich auch Werbung für die eigene Person – und die bringt letztendlich Geld. „Der Red Carpet ist für Schauspieler zu einem neuen Wirtschaftszweig geworden“, erklärt Bronwyn Cosgrave, Autorin von „Made for Each Other: Mode und die Academy Awards“. Wenn Stars „eine Reihe guter Looks“ auf dem Red Carpet zeigen, steigert das laut Cosgrave ihre Chancen auf lukrative Werbeverträge. Denn alle großen Luxusmarken beobachten, was von Cannes bis zu den Oscars auf dem Roten Teppich passiert. Lupita N’yongo erregte bei den Oscars 2014 nicht nur als Preisträgerin in der Kategorie „Beste Nebendarstellerin“ Aufsehen, sondern – oder beinahe vor allem – mit ihrer maßgeschneiderten, himmelblauen Prada-Robe. Von Modekritikerin vielbejubelte Red-Carpet-Auftritte folgten und kurz darauf gab der Kosmetikkonzern "Lancôme" Lupita als sein neues Testimonial bekannt.

„Sie hat den großen Coup gelandet“, sagt Bronwyn Cosgrave. „Für Schauspieler bedeuten diese Verträge, dass sie keine B-Movies mehr drehen müssen, sondern sich auf ihre Karriere konzentrieren können. Sie können Independent Filme machen, sich selbst verwirklichen und müssen währenddessen nicht aufs Geld schauen.“

Vielleicht ist das Beantworten von dummen Fragen also nur ein kleiner Preis, während man sein Bankkonto auffettet und so Hollywoods Gehaltsschere ausgleicht. Kritische Stimmen hinterfragen also offen, wie groß die Mittäterschaft der Stars an der vorhersehbaren Oberflächlichkeit des Red Carpets ist.

„Wenn die Schauspielerinnen wirklich genug hätten von diesen dummen Fragen,“ meint Cosgrave, „warum lassen sie sich dann on ihren Pressesprechern in einer Reihe aufstellen, um sie zu beantworten?“

Chris Rock versteht trotzdem nicht

Auch, wenn dieses Jahr das Thema #Askhermore auf dem Oscar-Redcarpet aktueller denn je war, scheinen es einige trotzdem nicht ganz verstanden zu haben. Moderator Chris Rock, zum Beispiel, kritisierte während seiner Oscar-Rede die Initative.

"Frauen werden nur nach ihren Kleidern gefragt, weil Männer einfach alle das gleiche anhaben" war seine simple Conclusio.

Viele Twitternutzer waren in diesem Punkt nicht mit dem sonst sehr gut performenden Moderator einig:

Es bleibt abzuwarten, ob sich daran bis 2017 noch etwas ändern wird.

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