Ärztin ohne Grenzen: "Abtreibungsverbote töten mehr Frauen als COVID"

Frauen gelten als die Verliererinnen der Corona-Krise. Die Auswirkungen der Pandemie sind aber noch weitreichender als man vermuten möchte. Séverine Caluwaerts ist Gynäkologin für 'Ärzte ohne Grenzen' und sieht nicht zum ersten Mal, dass ein Virus das Selbstbestimmungsrecht von Frauen gefährdet – und damit auch ihre Gesundheit.

Eine Frau trägt einen Mund-Nasen-Schutz und schaut nach unten.

Corona hat das Leben verändert. Das Virus hat aber auch Probleme sichtbarer gemacht, die immer schon da waren: Ungleichheiten und Unterdrückung, Ausbeutung und Armut. Betroffene spüren die aktuelle Krisensituation umso deutlicher. Und diese Betroffenen, das sind in vielen Fällen: Frauen. Wie schon andere Epidemien zuvor gefährdet die Corona-Pandemie die Gesundheit von Frauen auf der ganzen Welt. Direkt, durch das Virus selbst - und indirekt, durch seine gesellschaftlichen Auswirkungen.

Während der Ebola-Epidemie in Westafrika, zwischen 2014 und 2016, stieg die Mütter- und Säuglingssterblichkeit rapide an. Kliniken waren geschlossen, die Gesundheitsversorgung eingeschränkt. Dadurch starben mehr Menschen als an Ebola selbst. Covid-19 könnte ähnliche Auswirkungen haben, warnt die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Durch die Corona-Maßnahmen ist der Zugang zu gynäkologischer und sexualmedizinischer Versorgung in vielen Ländern massiv eingeschränkt. Séverine Caluwaerts ist als Gynäkologin und Geburtshelferin seit mehr als zehn Jahren regelmäßig für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz. Ihre Missionen führten sie vor allem in Länder in Subsahara-Afrika (Sierra Leone, Demokratische Republik Kongo, Burundi und die Zentralafrikanische Republik) und den Mittleren Osten (Afghanistan und Pakistan). Während der Corona-Pandemie hat Caluwaerts in ihrem Heimatland Belgien in der Geburtshilfe gearbeitet und die globalen Entwicklungen für die Gesundheit von Frauen genau beobachtet.

WIENERIN: Welche Herausforderungen hat die Pandemie für Frauen gebracht?

Séverine Caluwaerts: Kurz gesagt: Der Zugang zur grundlegenden Reproduktionsmedizin, also Verhütung und Abtreibungen, ist noch schwieriger geworden. Das Virus ist eine Herausforderung, aber die meisten Patientinnen der Gynäkologie bei Ärzte ohne Grenzen sind jung und gesund. Auch wenn sie an Covid erkranken, ist es unwahrscheinlich, dass sie daran sterben.

Wir sehen in der Feldarbeit die indirekten Auswirkungen der Pandemie. Viele Kliniken sind geschlossen. Schwangere können nicht mehr in einer sicheren Umgebung entbinden, ungewollt Schwangere haben keinen Zugang zu sicheren Abtreibungen, sexuell aktive Frauen bekommen keine Verhütungsmittel mehr. Das hat einen wesentlich größeren Einfluss auf das Leben der Frauen als das Virus selbst.

Während der Ebola-Epidemie in Westafrika 2014 kam es zu ähnlichen Problemen.

Ich war damals in Guinea und Sierra Leone stationiert und kann sagen: Ebola ist zwar eine viel gefährlichere Krankheit, dennoch gibt es viele Parallelen - Angst, großflächige Lockdowns, gefährliche Gerüchte und erkranktes Gesundheitspersonal, das nicht arbeiten kann. Das wirkt sich sofort auf die Gesundheitsversorgung aus. Eine Hebamme mit Corona kann keine Entbindungen machen.

Die Gesundheitsversorgung für Frauen ist nicht sichergestellt. Das ist ein globales Problem: Auch in Österreich warnten Expert*innen, dass der Zugang zu Abtreibungen während des Lockdowns weiter beschränkt werden könnte. Warum wird gynäkologische Gesundheitsversorgung nicht als Basis für die Frauengesundheit angesehen - oder zumindest nicht so behandelt?

Verhütungsmittel und Abtreibungen werden schnell zu einem feministischen, einem politischen Thema: Eine Frau will verhüten, weil sie selbst über ihren Körper bestimmen möchte. Die Öffentlichkeit nimmt nicht wahr, dass das auch lebensrettende Maßnahmen sind. Verhütung rettet das Leben von Frauen und das Leben von Babys. Wenn eine Mutter verhütet, vergeht mehr Zeit zwischen zwei Schwangerschaften und es ist weniger wahrscheinlich, dass die Neugeborenen unterernährt sind oder sterben. Verhütung rettet Leben.

Das Gleiche sehen wir bei der Diskussion um den sicheren Zugang zu Abtreibungen. Persönliche moralische Überzeugungen bestimmen hier die Politik. Anti-Abtreibungs-Bewegungen sind in manchen Ländern sehr einflussreich, etwa in den USA. Dort wurde die Pandemie als Gelegenheit genutzt, um den Zugang zu Abtreibungen zu beschränken. Aus meiner Erfahrung kann ich aber sagen: Je früher eine ungewollte Schwangerschaft beendet werden kann, desto besser für die Frau. Eine Abtreibung in der sechsten Schwangerschaftswoche ist physisch und psychisch weniger belastend als ein Abbruch in der 14. Woche.

Es ist eine politische Entscheidung, Frauen den Zugang zu Abtreibungen und Verhütung zu verwehren?

Bei Abtreibungen mehr als bei Verhütungsmittel. Es gibt jedenfalls eine globale Gag Rule: Organisationen, die in der Familienplanung arbeiten, die Verhütung und Abtreibungen anbieten, bekommen keine oder weniger finanzielle Unterstützung.

Was passiert, wenn Frauen keinen Zugang zu reproduktiver Gesundheitsversorgung haben?

Ohne sichere Entbindungsmöglichkeiten sind Risiken bei der Geburt viel wahrscheinlicher: Blutungen, Infektionen und schließlich der Tod. Ohne Verhütung gibt es mehr ungeplante und ungewollte Schwangerschaften, mehr Kinder, die in Armut leben und mehr Todesfälle in Folge unsicherer Abtreibungen. Denn wir dürfen nicht vergessen: Gibt es keine Möglichkeit, sicher und legal abzutreiben, dann versuchen es die Frauen selbst zuhause.

Man kann Abtreibungen nicht verbieten: Frauen haben immer einen Weg gefunden, eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Auch wenn es kein sicherer Weg war.

Absolut. Bei einem Einsatz in Zentralafrika habe ich die Auswirkungen von mittelalterlichen Methoden gesehen: Stecken, Nadeln, bestimmte Kräuter. Frauen versuchen alles - und viele von ihnen sterben dabei.

Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

In Zentralafrika habe ich ein junges, schwangeres Mädchen verloren. Ihre Familie hatte versucht, die Abtreibung selbst zuhause durchzuführen. Das Mädchen bekam eine Sepsis. Wir haben ihren Uterus entfernt und so versucht, ihr Leben zu retten. Aber sie ist gestorben. Sie war 15 Jahre alt.

Auch vor Corona war die Situation für Frauen vielerorts schwierig, seit der Pandemie ist es noch schlimmer geworden.Was muss sich in unserer Gesellschaft verändern, um sexualmedizinische Gesundheitsverrsorgung für Frauen jederzeit zu garantieren - auch während Krisen?

Der sichere und legale Zugang zu Abtreibungen ist und bleibt eines der wichtigsten Themen für Frauen. In viele Ländern Subsahara-Afrikas sind Abtreibungen absolut verboten oder nur erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Diese Regelungen sind indirekt für den Tod vieler Frauen verantwortlich. Das ist größer als COVID.

Es geht aber auch um die Stellung von Frauen in der Gesellschaft. Das politische Klima ist weltweit gerade sehr misogyn. Und es ist in der Pandemie nicht besser geworden.

In der öffentlichen Wahrnehmung war diese Entwicklung erst kaum am Schirm. Man hat schlicht unterschätzt, dass eine Pandemie das Selbstbestimmungsrecht von Frauen und etwa den Zugang zu sicheren Abtreibungen so beeinflussen kann.

Es stimmt. Aus meiner Perspektive einer Gynäkologin sind mir diese Zusammenhänge bekannt, die Mehrheitsgesellschaft unterschätzt die Auswirkungen auf Frauen aber. Und der Zugang zur gesundheitlichen Versorgung war ja nicht die einzige Verschlechterung. In vielen Ländern gab es einen massiven Anstieg häuslicher Gewalt, das betrifft auch Europa. Wir werden die Auswirkungen erst in ein paar Monaten sehen.

Jedes Problem, das wir vorher hatten, ist jetzt noch schwieriger geworden. Häusliche Gewalt, der sichere Zugang zu Abtreibungen und Verhütungsmittel. Die Pandemie startet und alles wird schlimmer.

Das ist die korrekte Analyse. Corona hat unsere gesellschaftlichen Probleme verstärkt und sichtbarer gemacht.

Kann das auch eine Chance sein?

Das hoffe ich, aber ich bin vielleicht zu realistisch. Ich denke nicht, dass wir in einer anderen oder besseren Welt erwachen, wenn diese Pandemie unter Kontrolle ist.

In einigen Projekten bei Ärzte ohne Grenzen haben wir aber gelernt, dass wir unsere Arbeit noch besser anpassen können. Ein Beispiel: Bis jetzt bieten wir die meisten Abtreibungen noch in Kliniken an. Die Frauen kommen vorbei, bekommen die Abtreibungspille und gehen wieder nach Hause. Während einer Epidemie oder Pandemie ist das schwierig. Wir haben aber bereits Projekte in Malawi und Mosambik, wo wir Frauen in den Communities dazu ausbilden, ungewollt Schwangere direkt vor Ort zu betreuen und sichere Schwangerschaftsabbrüche zu gewährleisten. Sie beraten die Frauen zuhause und verabreichen die Abtreibungspille. Die Frauen kommen nur in die Klinik, wenn es Komplikationen gibt – und das passiert sehr, sehr selten, weil die Abtreibungspillen ausgesprochen risikoarm und sicher sind. Jetzt überlegen wir, dieses Modell weiter auszubauen.

In Österreich ist während der Pandemie nach jahrelangem Hin und Her der Zugang zu Abtreibungen letztendlich sogar leichter geworden. Jede*r Frauenärzt*in darf nun die Abtreibungspille 'Mifegyne' verschreiben.

Großartig! Sowas mag nur wie ein kleiner Erfolg erscheinen - aber es ist in Wahrheit eine große Errungenschaft für die Lebensqualität von Frauen.

 

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