Arlamovsky: "Ein Baby kostet in Mexiko knapp 70.000 Euro"

Verzweifelte Paare, verzweifelte Leihmütter und eine Industrie, die mit dem Faktor Hoffnung Geld verdient. "Future Baby", eine erschütternde Dokumentation von Maria Arlamovsky. Die Regisseurin im WIENERIN-Gespräch.

Fünf Millionen Babys kamen bereits über künstliche Befruchtung zur Welt. Der Markt boomt und die Möglichkeiten sind schon enorm. "Future Baby"-Regisseurin Maria Arlamovsky im WIENERIN-Gespräch.

Gibt es ein Recht auf Mutterschaft?

Maria Arlamovsky: Es kann kein Recht auf Mutterschaft geben. Ich glaube, es gibt eine Hoffnung auf Elternschaft. Und zwar nicht nur als Frau, sondern auch als Mann. Und es gibt immer mehr Methoden, wie man zu Kindern kommen kann – auch wenn das biologisch nicht (mehr) geht. Ich glaube, dass wir uns als Gesellschaft bewusster darüber werden müssen, was alles schon geht.

Eine Szene aus dem Film: „Die Küche und das Haus sind abbezahlt, jetzt können wir einen Kredit aufnehmen und ein Kind anschaffen“, sagt die Frau, während sie auf die Eizelle einer fremden Frau in Alicante wartet. Klingt pragmatisch, wie ein tolles Investment.

Maria Arlamovsky: Ich hab das nicht als pragmatisch, sondern eher als traurig erlebt. Ich glaube es geht darum zu sagen, dass das wirklich viel kostet und Leute viel einsetzen, um an ihre Träume heranzukommen und daraus folgt ein gewisser Pragmatismus. Was ihnen angeboten wird, sind die Versprechen, sind diese Hoffnungen wie eine Karotte, die ihnen immer vorne hingehängt wird. Ich glaube, dass Frauen heute auch ganz schwer sagen können: Tut mir leid, ich krieg' kein Kind, das klappt nicht. Man wird schief angeschaut, wenn man nicht mehrere Hormonstimulationen über sich ergehen lässt wenn man nicht bereit ist, eine Eizelle von einer jungen Frau zu nehmen.

Analphabetinnen als Leihmütter

Die Hoffnungen gibt es ja auch auf der anderen Seite, jene Frauen, die sich zur Verfügung stellen, die ihre Bäuche borgen. Ich zitiere wieder: „Ich versuche nicht daran zu denken, dass aus meiner Eizelle ein Baby wird, das sich später auf die Suche nach ihrer biologischen Mutter macht“, sagt das Mädchen, die ihre Eizelle spendet. Wie haben Sie diese Ambivalenz erlebt?

Maria Arlamovsky: Ich glaube, dass es hier viele Standpunkte gibt. Die Eizellspenderin muss sich überlegen, wie redet sie es sich schön, dass sie das macht? Wie argumentiere ich mir selbst gegenüber, dass ich Zellen hergebe und irgendwo werden Kinder. Das wird von jeder einzelnen Frau mit sich selbst verhandelt.

Es ist sicher deutlich einfacher zu einem Standpunkt zu kommen, wenn man keine Analphabetin ist. Aber die Frauen in Mexiko sind doch aus bildungsfernen Schichten, oder?

Maria Arlamovsky: Genau, hier werden immer prekäre Situationen ausgenützt, teilweise sind es Frauen die nicht einmal lesen können, die nicht einmal wissen welche Verträge sie hier unterschreiben. Die Idee des altruistischen Gegenübers, das mir seinen Bauch zur Verfügung stellt, ist ein Märchen der Industrie. Damit kann man es besser verkaufen. Meistens wird bei Eizellspenderinnen gesagt, das sind Studentinnen, die selbst Mutter sind, die jemanden anders auch etwas Gutes tun wollen. Aber meistens sind es keine Studentinnen, sondern Frauen die dringend das Geld brauchen und um wenig Geld die Eizellen spenden.

In Tel Aviv gibt es noch was anderes: Tote Soldaten, denen nach ihrem Tod noch Samenzellen entnommen werden, mit denen Kinder gezeugt werden. Ist das noch alles legal?

Maria Arlamovsky: Ja, in Israel ist es bis 72 Stunden nach dem Tod erlaubt, aber man muss einen extra Gerichtsbeschluss einholen und es ist auch geregelt, wer das darf. Nämlich die Ehefrau und die Eltern.

Samen aus Israel, Eizelle aus Südafrika
und in Thailand tragen zwei Leihmütter
drei Kinder davon aus

Der Arzt dort sagt: „Invitro-Tourismus ist Routine, ich hab Samen aus Israel, die Eizelle aus Südafrika und in Thailand tragen gerade zwei Leihmütter drei Kinder aus.“ Wie war die Recherche am Rande eines Science Fiction Filmes?

Maria Arlamovsky: Ich bin von meinem österreichischen Standpunkt ausgegangen und in Österreich kennt man nicht 5 Leute, die das schon gemacht haben. Aber je mehr man recherchiert, desto deutlicher sieht man, dass es viele Länder gibt, in denen es schon ganz anders läuft. Israel und Kalifornien sind sicher jene Länder, wo die Reproduktionsmedizin am weitesten fortgeschritten ist. Auch in England sind viel mehr Dinge erlaubt als bei uns und im Laufe der Dreharbeiten habe ich mich auch an Dinge gewöhnt. Eine Ärztin hat gemeint, dass wir uns ja heute auch nichts mehr bei Ultraschall-Untersuchungen oder Blutproben denken und das war für mich ein Aha-Erlebnis. Es stimmt ja auch. Und man muss es auch in einem kulturellen Kontext sehen.

Und wenn schon Kind, dann gleich ein Design-Baby. Keine Krankheiten, das gewünschte Geschlecht und jene, die die Augenfarbe bestimmen wollen, sind „die Motivation, um weiterzukommen“, sagt der Arzt in LA. Designerbabys statt Individualität?

Maria Arlamovsky: Ich habe ganz lange gebraucht, um mich an al die Dinge zu gewöhnen, aber ich glaube wir wissen noch gar nicht, wie schnell wir uns daran gewöhnen müssen, denn es beginnt jetzt die Ära, wo man genetisch einfach in die DNA einschneiden kann. In England wurde letztes Jahr ein Gesetz verabschiedet, dass man Eizellen von älteren Frauen mit Mytochondrienmaterial von jüngeren Frauen auffrischen kann – heute werden Kinder geboren mit drei genetischen Eltern. Das Ganze ist so ein Riesenmarkt und deshalb wird hier viel getan, um weiter zu kommen.

Leihmutter bekommt 13.000 Dollar

Hier werden Hoffnungen zu Geld gemacht - wie stark ist das Business spürbar? Und um wie viel geht es hier eigentlich? Wie viel kostet denn ein Baby?

Maria Arlamovsky: Unterschiedlich – wenn man eine Leihmutter braucht und eine Eizelle, dann rechnet man in Mexiko mit 60.000 Dollar (68.000 Euro), davon bekommt die Leihmutter 13.000 Dollar. In Kalifornien sind die Kosten doppelt so hoch, allerdings ist die Leihmutter rechtlich besser abgesichert. Das sind Kosten, die für viele Leute leistbar sind.

Leihmutter im Kreissaal: "Bitte deckt ihn zu"

Eine Szene, die sehr berührt hat, war für mich jene mit Esmeralda, einer mexikanischen Leihmutter. Sie bekommt das Baby eines Paares, wo die Frau unfruchtbar ist. Sie hat eine 5-jährige Tochter, der erzählt sie, dass sie zu viel isst. Als das Kind mit Kaiserschnitt zur Welt kommt, wird alles gefilmt, der Kleine ist in den Armen seiner neuen Mami, Esmeralda liegt am OP-Tisch und sagt „deckt ihn bitte zu“, dann sieht man ihre mexikanische Hand, wie sie das kleine Ärmchen des Buben angreift. Es wird die erste und letzte Berührung ihres Kindes sein. Ist das die Zukunft, an die man sich besser gewöhnen sollte?

Maria Arlamovsky: Ich glaube, dass man hier so schön sieht, wie eine Bindung zwischen Mutter und Kind entsteht, wenn man neun Monate miteinander war. Die Mutter will ein Schutzmäntelchen für ihr Baby, während die andere Frau, die sich das Kind so sehr gewünscht hat, noch gar keine Bindung zu dem Kind hat. Und das Kind null Bindung zu der Frau - in der Adoptionsforschung spricht man von Bindungsabbruch. Ich glaube, dass man neun Monate im Bauch unterschätzt. Bei Leihmüttern werden Kaiserschnitte bevorzugt, denn würde das Kind durch den Geburtskanal kommen, würden so viel mehr Bindungshormone noch dazu ausgeschüttet, dass es zu einem größeren Risiko kommen würde, dass die Mutter das Kind am Ende vielleicht nicht hergeben würde. Daher ist es besser, das Kind rauszuschneiden. Und ja, daran werden wir uns gewöhnen müssen. Und Carl Djerassi (der Erfinder der Antibabypille, Anm.) sagt im Film so klar. "Wenn wir sagen, junge Frauen sollen ihre Eizellen einfrieren, um später noch Kinder aus ihren jungen Eizellen zu bekommen, und Karriere machen, dann bedeutet das, dass alle In-Vitro machen müssen, weil dann geht Befruchtung ja nur noch so." Und dann wird das so, wie ein Termin beim Zahnarzt sein. An meine eigenen Töchter denkend ist das schon ein noch massiverer Druck, der hier auf die Gesellschaft zukommt. Denn wenn man sie schon einmal in der Schale hat, weil die Eizellen sowieso eingefroren waren, dann kommt es natürlich dazu, auszusuchen.

Müsste es dazu nicht eine gesellschaftliche Diskussion geben? Denn nur der Kraft des Geldes zu folgen, ist bei diesem hochpreisigen und doch ethisch so weitreichenden Feld problematisch, oder?

Maria Arlamovsky: Deshalb würde ich hoffen, dass es diskutiert wird und es nicht nur kirchlichen Institutionen vorbehalten ist, es zu diskutieren. Ich glaube ein Diskurs darüber ist enorm wichtig, dass auch in die Ethikkommissionen andere Gruppierungen hineinkommen. Und es wird wichtig sein, sich anzusehen, welche Partei man wählt je nach den Ansichten dieser Partei in dieser Frage.

Mein Sohn ist Diabetiker,
soll ich ihm zu IVF raten?

Ist es für Ihre Töchter ein Thema?

Maria Arlamovsky: Natürlich wird das ein Thema sein – für unser aller Töchter und Söhne. Mein Sohn etwa ist Typ 1 Diabetiker. Und während der Dreharbeiten hab ich öfter überlegt: Wäre es jetzt besser, er würde in Vitro machen, weil er dann schauen könnte, dass er Kinder ohne Diabetes hat? Und wäre das dann besser? Weil? Man ist schnell im persönlichen Dilemma, doch ich denke, die Gesellschaft lernt auch damit umzugehen, was das Leben bunt macht. So abgedroschen das auch klingt.

Aktuell