"Arbeiten Sie doch einmal als Lehrer, Herr Häupl!"

Mit seinem Kommentar zur geplanten Erhöhung der Lehrer-Unterrichtszeit hat der Wiener Bürgermeister Michael Häupl für Aufruhr gesorgt. WIENERIN-Redakteurin Ursula Neubauer war selbst Lehrerin und macht ihrem Ärger über Häupl Luft.

Es regt mich tatsächlich auf! Die Sache mit diesem 22-Stunden-Sager. Hätt ich nicht geglaubt, denn meine eigene Lehrerkarriere war schnell wieder vorbei. Juli und August fand ich super, alles dazwischen einen Wahnsinn. Also bin ich geflüchtet, auch ohne zwei Stunden mehr Unterrichts(!)zeit.

Und hier haben wir auch schon den Grund, warum mich die Häuplsache so ärgert – 22 Stunden Arbeit wären wirklich wenig, da geb ich ihm vollkommen recht. Aber um die zwei Stunden mehr geht’s grad nur am Rande. Vielmehr ist unfassbar, auf welch präpotente Art und Weise ignoriert wird, dass ein gewaltiger Unterschied zwischen Arbeitszeit und Unterrichtszeit besteht. Und das regt auch mich auf, obwohl es mich nicht mehr betrifft und gar nicht mehr aufregen bräuchte.

Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl über die Arbeitszeiten der Lehrer


Diese 20 oder 22 Stunden meinen nämlich die Unterrichtszeit, also die Zeit, in der ein Lehrer wirklich in der Klasse steht – mit einer ziemlich hohen Schülerzahl übrigens (zumindest an der AHS). Dass er davor den Unterricht vorbereiten, Material erstellen, Übungen zusammenstellen, kopieren muss, danach Hausübungen, Tests, Schularbeiten oder Maturaarbeiten korrigieren (je nach Fächern halt), bei Konferenzen, Elternabenden sitzen, sich manchmal um Familienprobleme seiner Schützlinge kümmern, sich in Schulentwicklungsgremien und Projekten engagieren soll, das wird missachtet. Nur weil Arbeit nicht für alle sichtbar ist, heißt das ja nicht, dass sie nicht gemacht wird. Ach so und individualisieren soll er auch noch, die Talente jedes einzelnen Schülers fördern, hätt ich ja fast vergessen.


Es ist billig und einfach auf eine Berufsgruppe immer und immer wieder hinzuhauen, weil man weiß, dass der Neid auf Ferien in der Bevölkerung groß ist und man mit flächendeckendem Applaus rechnen kann.

Ich beneide meine Lehrerinnen-Freundinnen im Sommer auch manchmal – aber ich bin auch heilfroh, dass so viele Leute so idealistisch und engagiert ihren Lehrerjob machen (dass es auch welche gibt, die das weniger enthusiastisch tun, ist auch klar, aber die gibt’s überall).

Dafür dass sie keinen ordentlichen Arbeitsplatz zur Verfügung haben, dafür, dass sie sich nicht mal spontan einen Tag frei nehmen können, dafür, dass sie Dompteur und Entertainer für immer schwierigere Gruppen sein müssen, dafür dass sie an allem Schuld sind (lernt ein Kind nicht gscheit, hat der Lehrer schlecht erklärt, macht es keine Aufgaben, hat er schlecht motiviert usw.), dafür, dass sie am Wochenende immer auch irgendwas zu tun haben, dafür dass sie den ganzen Tag ganz viel Lärm ausgesetzt sind, dafür dass eine Unterrichtsstunde mit 30 Halbwüchsigen mehr Energie kostet, als wenn ich eine Stunde am Schreibtisch sitze und in Ruhe arbeiten kann, dafür, dass sie nicht einfach aus Klo gehen oder sich einen Kaffee holen können, wann sie mögen, dafür, dass viele von ihnen an mehreren Schulen eingesetzt werden und das noch mehr Aufwand bedeutet, dafür, dass ihnen immer unterstellt wird, sie wären faul und würden eh nix hackeln, beneide ich sie nicht.

Ganz im Gegenteil, dafür bewundere ich alle, die lange durchhalten.

Wien (APA) - Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) will sich nicht für seine Aussagen zur geplanten Erhöhung der Lehrer-Unterrichtszeit entschuldigen. Das hat er am Mittwoch im Gespräch mit der APA betont. Denn er habe keineswegs Pädagogen beleidigen wollen, sondern Kritik an der Lehrergewerkschaft geübt, sagte er.

"Wenn ich 22 Stunden in der Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertig." Mit dieser Aussage hatte das Wiener Stadtoberhaupt am Dienstag für gehörigen Wirbel gesorgt. Der Vorsitzende der AHS-Gewerkschaft, Eckehard Quin, rügte etwa eine "populistische wie zynische" Wortmeldung. Er forderte Häupl auf, sich "öffentlich und umgehend" zu entschuldigen.

Seine Äußerung richte sich nicht gegen die "vielen engagierten" Lehrer, sondern gegen die Gewerkschaft, von denen er seit Jahrzehnten nichts anderes höre als ein "Nein", versicherte Häupl heute. Die Gespräche zur Schulverwaltungsreform würden sich bereits "ewig lang" hinziehen. Wenn Vorschläge wie etwa eine erhöhte Anwesenheit in der Klasse kommen, würden diese von der AHS-Gewerkschaft mit Aussagen wie "Das bedeutet Krieg" abgelehnt. Häupl: "Eigentlich habe ich mir darüber eine öffentliche Empörung erwartet. Nicht über meinen Spaß über meine eigene Arbeitszeit."

Seine "Witzchen" seien im Vergleich zur Diktion der Gewerkschaft völlig harmlos. "Ich wüsste nicht, wofür ich mich entschuldigen soll, ich habe keine Berufsgruppe beleidigt. Ich habe mich kritisch mit der Politik der Lehrergewerkschaft auseinandergesetzt. Und da lass ich mir nicht den Mund verbieten", stellte der Bürgermeister klar: "Man muss pointiert formulieren, um auf gewisse Dinge aufmerksam zu machen."

Natürlich, so zeigte er sich versöhnlich, werde man auch über eine Besoldungsreform reden müssen. Auch Gespräche mit der Gewerkschaft werde es geben. In eine Diskussion zu gehen und von vorneherein zu sagen, das gehe nicht, sei jedoch nicht sinnvoll, sagte Häupl.

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