Anti-Heldinnen

„Sex and the City“ war gestern. In TV-Serien haben die weiblichen Protagonisten jetzt Ecken und Kanten: Sie sind derb, sie sind neurotisch, sie sind anders – und dank ihrer komplexen, kuriosen und komischen Attitüden unsere neuen Vorbilder.

Ein paar Kilo zu viel, unscheinbare Kleidung, Tattoos am Oberarm: Wäre man LENA DUNHAM (26) vor ein paar Jahren auf der Straße begegnet, man hätte keine Notiz von ihr genommen. Heute hat sie zwei Golden Globes zu Hause, einen Buchvertrag für 3,7 Millionen Dollar und gilt als Ikone eines TV-Trends. Denn die Zeiten, in denen wir sein wollten wie Carrie und Co. - einen Cosmopolitan in der einen Hand, einen Mann an der anderen und ein Paar Schuhe im Wert eines Kleinwagens an unseren frisch pedikürten Füßen - die sind vorbei. Heute sind einige Serien da angekommen, wo sie hingehören: in der Realität.

Lena Dunham in "Girls"

Das hat Dunham als eine der Ersten erkannt und „Girls" entwickelt. Sie schreibt nicht nur Drehbücher und führt Regie, sie spielt auch die Hauptrolle der Hannah, die ständig abgebrannt ist, ständig Sex hat - und sich ständig von einem Fettnäpfchen ins nächste stürzt. „Ich habe eine Schwäche für Underdogs - und Hannah ist einer. Wobei sie sich ja ihre Schwierigkeiten gern selber macht, weil sie so ein kleines Arschloch ist", so Dunham über ihr Alter Ego auf „Spiegel Online". Lifestyle? Im Gegenteil. Die neuen Serien-Heldinnen zeigen ein ungeschöntes Leben ohne Hochglanzfilter.

Claire Danes in "Homeland"

Doch „Girls" ist nicht die einzige Produktion, die auf Außenseiter setzt. Die hochgelobte Serie „Homeland" mit CLAIRE DANES (33) in der Hauptrolle arbeitet mit einem ähnlichen Konzept der Anti-Heldin als Sympathieträgerin: Danes spielt die labile, aber zielstrebige Ermittlerin Carrie, die Psychopharmaka schluckt und auf eigene Faust illegale Abhöraktionen einleitet. Sie ist manisch-depressiv, stur, fast schon unbeliebt - doch genau das ist es, was ihren Charakter so besonders macht, dass der TV-Zuschauer sie trotz oder gerade wegen ihrer Macken ins Herz geschlossen hat.

Zooey Deschanel in "New Girl"

Auch ZOOEY DESCHANEL (32) in „New Girl" oder KAT DENNINGS (26) in „2 Broke Girls" sind so schräg und komplex erdacht, dass man sich zu ihnen hingezogen fühlen muss. Das Geheimnis? Jetzt sind Frauentypen im Kommen, die skurril und unbeholfen sein dürfen und dabei unglaublich liebenswürdig sein können! Deschanel war von ihrer Rolle als Jess von Anfang an angetan. „Ich habe den Charakter einfach so sehr geliebt und ich konnte nur hoffen, dass andere Leute das auch tun würden", erzählte sie auf der US-Homepage „Prada". Und bringt das Phänomen, warum jetzt unperfekte Frauen so beliebt sind, auf den Punkt: „Jess verkörpert das Mädchen von nebenan mit kleinen Macken, sodass man sich gut mit ihr identifizieren kann. Sie zeigt den Zuschauerinnen, dass jeder kleine Schönheitsfehler hat", sagte sie der „Joy".

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Kat Dennings in "2 Broke Girls"
Jennifer Carpenter in "Dexter"
Krysten Ritter in "Apartement 23"
DIE SCHRÄGE LEHRERIN MIT NERD-BRILLE
Zooey Deschanel als Jess in „New Girl“
TV-Tipp: In Österreich wird die Serie Samstag um 17.30 Uhr auf ORF1 ausgestrahlt. ProSieben plant zudem, die zweite Staffel demnächst am Mittwochabend zu senden.

DIE DAUER-ZICKIGE SOZIOPATHIN
Kat Dennings als Max in „2 Broke Girls“
TV-Tipp: Die zweite Staffel wird seit Ende Februar um 21.15 Uhr auf ProSieben ausgestrahlt.

DIE MANISCH-DEPRESSIVE AUSSENSEITERIN
Claire Danes als Carrie in „Homeland“
TV-Tipp: Die Ausstrahlung der Serie begann im Februar auf Sat.1 mit einer Doppelfolge und läuft seither immer am Sonntag um 23.15 Uhr.

DIE ABGEBRANNTE AUTORIN MIT DEN WOHLFÜHLKILOS
Lena Dunham als Hannah in „Girls“
TV-Tipp: Die erste Staffel läuft momentan mittwochs um 22.45 Uhr auf dem Bezahlfernsehsender Glitz*, die zweite soll ab dem 15. Mai folgen. Zudem soll die Serie auch bald auf ZDFneo ausgestrahlt werden.

DIE DAUER-FLUCHENDE KARRIEREFRAU
Jennifer Carpenter als Debra in „Dexter“
TV-Tipp: Die fünfte Staffel läuft seit März jeden Montag um 23:10 Uhr auf ORF1, die erste Staffel gibt es jeden Freitag um 23 Uhr auf ATV2 zu sehen.

DIE EISKALTE BITCH MIT DEM WEICHEN KERN
Krysten Ritter als Chloe in „Apartment 23“
TV-Tipp: Die erste Staffel startete Ende Februar 2013 auf ProSieben und läuft immer dienstags um 22.15 Uhr.

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Dennings indes, die in „2 Broke Girls" die menschenverachtende, rüpelhafte Max spielt, sieht Parallelen zwischen ihrer Rolle und ihr selbst: „Ich fluche eine Menge", gab sie auf „TV Spielfilm" zu, „aber auf nonnenhafte Art." Apropos fluchen: Noch nie gab es in einer Serie eine weibliche Figur, die so unmädchenhaft und unflätig daherkommt wie Debra in „Dexter", gespielt von JENNIFER CARPENTER (33). Die verkörpert die Polizeibeamtin mit dem Faible für schmutzige Worte nicht nur glaubwürdig, sie bleibt trotz aller Unarten sympathisch. Stößt sie auf etwas Unfassbares und murmelt „Scheiß einen Bauklotz und f*** mich damit!", will man sie nicht dafür rügen, sondern auf ein Bier mit ihr gehen. Denn die Mädchen von heute, die haben einfach Eier.

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Neu auf dem Bildschirm ist auch die bitchige Chloe, die Hauptfigur der neuen Serie „Apartement 23" mit KRYSTEN RITTER (31) in der Hauptrolle. Auf den ersten Blick hübsch und stylish, ist sie ein ausgekochtes Luder, das nur an den eigenen Vorteil denkt, jeden manipuliert und über Leichen geht. Unsympathisch? Ja. Aber auch herrlich erfrischend und ehrlich. Zudem wissen wir alle ohnehin, dass unsere neuen Anti-Heldinnen einen weichen Kern haben. Nur dauert es manchmal, bis sie ihn zeigen ...

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