Annika Line Trost: "Arschkarte Busen"

„Ein großer Busen ist wie ein Kompass, der immer Richtung Irrsinn zeigt": Die Berlinerin Annika Line Trost hat ein herrlich direktes Buch über das Leben mit Körbchengröße 75F geschrieben.

Natürlich hat jede Frau Brüste. Irgendwann sind sie mal gewachsen. Doch was, wenn sie damit gar nicht mehr aufhören? Der Busen von Annika Line Trost füllt Körbchengröße 75F (natürlich, ganz ohne Silikon). Nichts also, was man auf die leichte Schulter nehmen könnte: Wenn in der U-Bahn mal wieder alle glotzen, Blusen plötzlich platzen oder die Brüste beim ersten Date unaufgefordert Lambada tanzen … Situationen, die jede Frau kennt, werden bei 75F leicht zum Super-GAU.


Ein Buch über wahre Größe

Annika Line Trost hat in ihrem Leben viel getan, um von ihrer großen Oberweite abzulenken: Sie war Sängerin des Electronic-Punk-Duos „Cobra Killer", mehrere Solo-Alben veröffentlicht und mit The Boss Hoss, Selig oder Udo Lindenberg gearbeitet.

Mit BH-Größe 75F erlebt frau aber auch ohne wildes Musikerleben so einiges - und genau darüber hat die zweifache Mutter nun ein Buch geschrieben: „75F. Ein Buch über wahre Größe". Warum man ein Buch über seine Oberweite schreibt? Annika Trost bringt es in ihrem Vorwort ziemlich direkt auf den Punkt: „Zwei Argumente für dieses Buch: Erstens ich habe Brüste. Zweitens ich habe viel über sie zu erzählen."

Direkt und schonungslos und dabei mit einer großen Portion Humor geht es auf den folgenden Seiten weiter - denn Fremde fühlen sich von den großen Brüsten der 38-Jährigen entweder bedroht oder eingeladen.

Der beste Beweis: Kapitel 16 mit dem Titel "Arschkarte Busen", das wienerin.at im folgenden veröffentlicht.

Annika Line Trost


Arschkarte Busen

Mit großen Brüsten muss man sich viel Quark anhören. Das meiste davon nimmt man sich aber irgendwann nicht mehr allzu sehr zu Herzen. Da schaltet der Ausschnitt automatisch auf Durchzug. In die eine Brust rein, aus der anderen raus. Bei einer Sache allerdings platzt mir immer wieder vor Wut fast der BH: Wenn Leute behaupten, Frauen mit großen Brüsten hätten große Vorteile.

Es heißt dann immer, sie bekommen jeden Job, sie bekommen jeden Mann, sie kommen einfacher durch den TÜV, den Führerschein gibt es geschenkt, Drinks sowieso, Handwerker arbeiten für sie umsonst, vor türaufhaltenden, koffertragenden Kavalieren können sie sich nicht retten und überhaupt läuft ihr ganzes Leben so rund wie das, was sie ja nur hinhalten müssen, um alles zu bekommen, was sie sich wünschen.


Die Wahrheit aber ist, ab einer gewissen Busengröße hat man echt die Arschkarte gezogen: Den Job bekommst du nicht wegen innerbetrieblicher Möpse-Mobbing-Prävention oder damit nicht der Eindruck entsteht, die Chefetage wäre notgeil. Den Mann bekommst du nicht, weil er nicht will, dass jemand von ihm denkt, er leide an einem ödipalen Komplex oder er hätte es sonst irgendwie nötig. Der TÜV-Prüfer prüft anhand deiner Brüste seine Unbestechlichkeit und nimmt es deswegen ganz genau. Der Fahrlehrer will sich gar nicht von deinen Hupen trennen, und der Führerschein wird extra teuer. An der Bar wirst du zwar schneller bedient, weil sich dein Busen automatisch immer vordrängelt, aber Drinks kosten, was sie kosten, und ’ne Runde blöde Sprüche gibt es gratis mit dazu. Handwerker kommen andauernd bei dir angedackelt und wollen, dass du noch kurz mal was mitfesthältst, aber die Zeit, in der du ihnen beim Sägen mit wippendem Vorbau die Regalbretter gehalten hast, berechnen sie voll mit. Kavaliere trifft man sowieso eher selten, egal ob man einen kleinen oder einen großen Busen hat. Und wenn es im Leben richtig dicke kommt und du wirklich mal gerettet werden musst, checkt das keiner. Denn in die Augen guckt dir ja sowieso niemand, und dein Busen macht eher den Eindruck, als würde es dir zu gut gehen.


Einen großen Busen zu haben ist nämlich so, als würde man immer und überall mit einem riesigen Schild um den Hals herumlaufen, auf dem steht: GEILER TAG!!! MIR GEHT’S HEUTE SO WAS VON BOMBE!!!
Egal, wie es in einem gerade wirklich aussieht.
Egal, ob man innerlich vielleicht gerade in Tränen ertrinkt oder einen das Dasein an sich einfach nur duselig macht.

Ein dickes Dekolleté wird genauso gerne missverstanden wie das Dauergrinsen eines Delfins, der sogar eingesperrt im Betonbecken eines nach Pommesfett und Achterbahnkotze stinkenden Freizeitparks noch aussieht, als würde er das alles super finden. Dabei sagen die Mundwinkel des Delfins gar nichts über seine Laune aus. Sie sind einfach von Natur aus hochgezogenen. So wie meine Brüste groß sind.
Und keine Ahnung, was große Frauenbrüste bei Delfinen für Instinkte wecken, immerhin sind sie ja keine Fische, sondern auch Säugetiere, und da wäre eine gewisse Nippel-Affinität zumindest nicht ganz ausgeschlossen, so als spleeniges Emo-Überbleibsel aus guten alten Tümmlertagen … Aber Menschen verbinden mit großen Brüsten auf jeden Fall immer noch Genuss und Freude, reife Früchte, viel Fickificki, eine fußballmannschaftsgroße Sippe, alle immer satt, das pralle Leben eben, obwohl wir schon lange nicht mehr in der Höhle wohnen.


Evolutionswissenschaftler sind der Meinung, die Verbindung von Brüsten mit der Botschaft von Fruchtbarkeit und sexueller Lust sei so alt wie der aufrechte Gang. In Zeiten, in denen wir noch auf allen vieren bzw. nach vorne gebeugt unterwegs waren und nackt oder in Felle gewickelt am Knochen nagten und Beeren pflückten, war nämlich der Po das erotische Werbeplakat der Frau. Den Po verlor der Ur-Mann allerdings mit seinem immer aufrechter werdenden Gang mehr und mehr aus den Augen, was dazu führte – so die Theorie der Forscher – , dass die Brüste als eine Art Ersatzpo herhalten mussten. Und weil Brüste ja brave Klötzchen sind, nahmen sie ihre neue Zusatzfunktion als Arsch für vorne ernst: Sie ließen das mit der Behaarung sein und wurden größer. Einige, so wie meine, sogar größer als so mancher Po. Der Busen wurde zu dem, was er heute ist: das Signal für Weiblichkeit, Mütterlichkeit und Lebensfreude.
Kein Wunder also, dass es den meisten Leuten arschegal ist, wenn ich mich hinter meinen prallen Genuss-und-Freude-Fickificki-Melonen auch mal echt scheiße fühle. Für den kleinen Urinstinkt-Menschen in ihnen, ist das total wider die Natur. Uggah, uggah!
Komplett nicht möglich.


Du fühlst dich nicht gut?! – Quatsch, du siehst aus wie das blühende Leben!
Du hast Angst?! – Ha, ha, ha! So eine Powerfrau wie du doch nicht!
Liebeskummer?! – Was für ein Luxusproblemchen für eine, der immer alle Männer hinterherschauen.
Nick Drake und Nick Cave?! – So was hörst du?! Dachte bei dir läuft nur Ballermann-House oder The Queens Of The Stoneage.
Du bekommst nichts runter?! – Würde ich mir keine Sorgenmachen. Wie eine, die keinen Appetit hat, siehst du ja wirklich nicht gerade aus.
Du findest deinen Busen zu groß?! – Fishing for Compliments oder was?!
Wie ein Delfin im Freizeitpark?! – Lustiges Beispiel! Check’ ich aber nich’!


Es ist schon eine ziemliche Keule, dass mir wegen irgendwelchem Steinzeitzeug bestimmte Gefühle komplett abgesprochen werden. Als könnten Frauen, die nicht flach sind, keine Tiefe haben. Als wäre ihnen jeder Zweifel so fremd wie ein vom Himmel gefallener Odyssee-im-Weltraum-Monolith. Als wären sie nicht fähig, ihre Emotionen von Halluzinationen zu unterscheiden.


Das einzige Leid, was man einer Frau mit großen Brüsten tatsächlich gerne abnimmt, sind Rückenschmerzen. Das stößt immer auf wohlwollendes Interesse. Rückenschmerzen sind für die Leute nachvollziehbar. Man wusste schließlich schon vor dem aufrechten Gang:

Groß = schwer = tragen = aua
Nicht übersehbare Körperphysik.

Klar, die Dinger wiegen was. Klar, die BH-Träger ziehen an den Schultern. Klar, muss man aufpassen, dass sich die Wirbelsäule nicht verkrümmt.
Und dann gibt es einen verständnisvollen Blick, vielleicht sogar die ein oder andere Visitenkarte einer Hot-Stone-Massagepraxis und den tröstend gemeinten, alten Quatsch, dass ein großer Busen ja zum Glück vor allem Vorteile habe: Mit deinem Ausschnitt kommst du immerhin easy durch jede Verkehrskontrolle.

Alles klar, Herr Kommissar. So was funktioniert vielleicht bei der Nackten Kanone oder der Police Academy, aber in einer echten Mausefalle oder anderen Situationen, bei denen man auf das Wohlwollen des Gegenübers angewiesen ist, ist ein großer Busen wie gesagt einfach nur für den Arsch. Das Einzige, womit man wirklich immer weiterkommt, das sagt jedenfalls meine Freundin Jojo (Körbchengröße 75 A), ist das Erregen von Mitleid: die Mitleidmädchen-Nummer. Aber für die bin ich nicht der richtige Typ. Mit 75 F auf Mitleid machen käme wie ein schlechter TV-Sketch aus den Achtzigern:

Waaaas, Herr Wachtmeister …?! Zu schnell gefahren …? Wiiiirklich…?! Das hab’ ich gar nicht gemerkt …! Ein Glück haben Sie michangehalten …! Was hätte sonst alles passieren können …! Puh, jetzt hab’ ich aber echt ’nen Schock weg …! Können Sie mir vielleicht eine dieser goldenen Rettungsdecken um die Schultern legen und mit Blaulicht vorfahren, damit ich sicher zu meiner armen, kranken Großmutter komme …?


Ich könnte mich jetzt seitenlang über Mitleidmädchen auslassen.
Die Abteilung, die – wie Jojo – diese Masche nicht nur bei Verkehrskontrollen durchzieht, sondern immer. Wenn Jojo sich zum Beispiel auf einer Gartenparty am Dorn einer Zierrose eine Schramme am Unterarm holt, wird das Fest augenblicklich zum kollektiven Erste-Hilfe-Kurs. Auch das Ich-will-nicht-darüber-reden-Gesicht, das Mitleidmädchen gerne aufsetzen, um ihr Süße-du-hast-doch-was-Spielchen zu starten (Nein-hab-ich-nicht! – Doch-hast-du! – Nein …! – Aber-ich-seh’-doch-dass-du-was-hast. – Ich-will-dich-aber-nicht-volljammern …), was locker mal länger dauern kann als eine Runde Zeitlupen-Monopoly mit einer Schildkröte, beherrscht Jojo perfekt. Und für sie ist es auch kein großes Ding, bei der Hochzeitsfeier ihres Ex-Ex-Ex-Freunds den ganzen Abend auf dem Garderobentresen zu sitzen, einen Heulkrampf nach dem anderen zu kriegen und sich von allen Gästen, inklusive mir, die sich schichtweise abwechseln, trösten und mit Spatzenlöffelchen Dessert füttern zu lassen. Dabei ist sie doch gar nicht traurig …
Sie freut sich doch nur so für das Paar … Und das Brautkleid ist so schön … Japs japs, zitter mit dem Kinn.


So was müsste ich mal mit großen Brüsten bringen. Da wäre aber was los oder vielmehr: gar nichts! Schließlich ist bei Frauen mit großen Brüsten immer alles tuttifrutti. Und wenn nicht, dann trotzdem. Da sollen wir mal nicht so tun …

Aber lassen wir das mit dem Auslassen jetzt. Was ich eigentlich mit diesem Kapitel sagen will: Große Brüste weinen still, egal wie traurig sie sind. Und das ist nicht okay. Auch an großen Brüsten hängt immer noch ein Mensch. Und wie der sich fühlt, kann man in den Augen sehen. Und die sind weiter oben!

Buchcover 75B Ein Buch über wahre Größe

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