Ankathie Koi: „Auf der Bühne geschlechtslos“

Warum sich die höchst sympathische Sängerin für ihre Fans auch bei tropischen Temperaturen in den Latexeinteiler wirft, hat sie der WIENERIN im Gespräch verraten.

Für Ankathie Koi klingt Avalon von Bryan Ferry nach Sommer. Keine schlechte Wahl. Wobei, wir finden ja, dass der Künstlerin selbst mit ihrem Album I hate the way you chew ein vergleichbar genialer Soundtrack für eine lässige Zeit gelungen ist. „Ich verbinde mit Sommer immer den Geruch von heißem, aufgeheiztem Teer auf den gerade der Regen geprasselt ist, das liebe ich“, meint die Sängerin mit bayrischen Wurzeln, die die heimische Szene mit experimentierfreudigem Pop aufmischt. Warum sie sich für ihre Fans auch bei tropischen Temperaturen in den Latexeinteiler wirft, hat uns die höchst sympathische Künstlerin im Gespräch verraten hat.

WIENERIN: Viele Leute kennen dich noch als Teil des Duos Fijuka. Gibt’s euch eigentlich noch?

Ankathie Koi: Ich muss das jetzt aufklären: Sorry Leute, wir sind als Fijuka nicht mehr aktiv. Judith Filimónova und ich sind immer noch gute Freunde, aber ich gehe jetzt einen anderen Weg und Judith hat andere musikalische Projekte wie Kids’n‘Cats. Ich erfülle mir jetzt gerade meinen eigenen musikalischen Traum.

 

Wie bist du eigentlich zu deinem Künstlernamen gekommen?

Ankathie war relativ bald da, ich heiße ja auch Kathrin. Ankathie hat mir irgendwie gefallen, es hört sich an wie eine komische Pflanze oder eine Krankheit, es ist nicht zuordenbar aus welchem Land das kommt, welche Sprache es ist. Koi kam bisschen später dazu, weil wir als Fijuka eben als „Ankathie und Judith Filimónova“ angesprochen wurden und viele dann glaubten, wir seien die Filimónova-Schwestern. Da musste ich mir dann was einfallen lassen und Koi hat mir getaugt, der Fisch ist ja schön und exklusiv und irgendwie dann auch wieder schiach.

Dein aktuelles Album I hate the way you chew ist in Wien entstanden, am kommenden, noch namenlosen hast du in Mexiko und Bayern gearbeitet. Warum der Titel? Und: wie geht das eigentlich, einen Song schreiben?

Ich hasse Kaugeräusche. Das musste mal gesagt werden. Zum Songwriting: Das ist komplett unterschiedlich. Mexiko war verrückt, stressig, laut, aber auch wahnsinnig inspirierend. Ich habe dort viele Texte geschrieben. Ruhe, um Lieder zu schreiben, hab ich dort keine gefunden. In Bayern hab ich mich zurückgezogen ins alte Haus meiner Großeltern, das geht ganz gut da. Es gibt wenig Ablenkung. Ich kann dann wie eine Architektin die Musikversatzteile rund um die Texte bauen. Ich komme zwar vom Jazz, mache aber „old school“ Songwriting, also es ist nichts Improvisiertes, ich schreibe klassische Songs, die du dann mit der Gitarre am Lagerfeuer spielen könntest.

 

Zu denen man dann aber eher übers Feuer hüpfen würde. Für alle, die deine Musik noch nie gehört haben, wie beschreibst du sie?

Oh, ich würde sagen, es ist eine quirke Musik, immer sehr tanzbar. Songs, die die Leute bewegen. Es wird grad sehr wenig uplifting Musik gemacht, dafür gibt es viel Melancholisches, Weinerliches und es wird gesudert. Ich brauch mehr Punch, ich will die Leute zur Extase treiben. Ich mag, wenn ein bisserl was passiert. Also eigentlich nicht nur ein bisserl was ...

Trotz der Tanzbarkeit sind deine Songs aber nicht banal. Welche Themen sind dir wichtig?

Mit upliftging Musik meine ich auch nicht, dass immer alles super happy sein muss, es muss einfach in die Knie gehen. Bei meinen Texten geht es eigentlich sehr viel um um gone-wrong relationsships, um Beziehungen, Konstellation, die schwierig sind und dann, ja, es geht auch viel um Sex. Und mich interessieren die menschlichen Abgründe, irgendwelche Dinge, die blöd gelaufen sind und über die man sich Gedanken macht. Mich beschäftigt natürlich auch das Thema Frausein. Gerade mit 30 aufwärts merke ich einfach eine große Veränderung, es kommt grad viel daher. Meine Entscheidung gegen das „normale“ Leben mit Kindern und Haus und so. Ich hätte auch voll gern Kinder, aber das geht sich halt im Moment nicht aus. Auch dass man als Selbständige in einem System drinnen hängt, das einem manchmal verzweifelt lässt. Ich meine, als Sängerin gibt man viel her, ist schon sehr, sehr dedicated, sehr hingebungsvoll. Du belustigst andere Menschen, im besten Fall sorgst du auch für den Soundtrack des Lebens, ohne den der andere morgens gar nicht aus dem Bett kommt. 

 

Es gibt ja Künstlerinnen, die lieber im Studio sind und solche, die für die Bühne leben. Wie ist das bei dir?

Ich sehe mich total beim live performen. Das Zurückziehen und konzentriert arbeiten ist die härtere Zeit. Ich bin viel auf Tour, auf Festivals, das ist natürlich super anstrengend, aber das muss einfach sein. Wir haben auch schon eine kleine Entourage, die uns zu den Gigs „verfolgt“, es macht einfach Spaß. Es passiert auch immer was, auch wenn wir das gar nicht wollen.

 

Gibt’s eigentlich einen großen Unterschied zur Ankathie Koi auf der Bühne und der Frau im Alltag?

Interessanterweise finde mich viele Leute mysteriös, wahrscheinlich irgendwie komisch, aber es ist mir egal. Ich weiß, dass das, was ich mache, nicht jedem gefällt, das passt schon. Im Alltag bin ich gerne fraulich, aber der Bühne will ich eher eine geschlechtsneutrale Person sein, die einfach gute Musik macht. Ja, ich möchte gerne als Mensch, der Musik macht, wahrgenommen werden. Ich möchte mich da ungern in eine Schublade stecken lassen und mich da festlegen müssen. Es tut nichts zur Sache.

 

Du meinst, es ist egal, ob man im Business eine Frau oder ein Mann ist?

Meinen Feminismus trage ich nicht am T-Shirt, was aber absolut nicht heißen soll, dass das falsch ist. Es ist nicht nur mein "Style". Ich bin absolut für Gleichberechtigung und ich merke, es wird. Ich komme natürlich noch aus einer Generation, wo die Buben E-Gitarre gespielt haben und die Mädchen Klavier. Aber wir bewegen uns vorwärts und es macht keinen Sinn, groß zurückzuschauen und zu sudern. Man muss machen! Ich stelle mich immer loyal hinter meine Kolleginnen, aber ich bin gegen eine Bevorzugung in irgendeine Richtung. Ich werde super gebucht. Das habe ich mir hart erarbeitet. Es darf keinen Unterschied machen, weil es ist wurscht, was du bist!

Dein Look ist sehr speziell. Wie wichtig ist dir das Styling?  

Bei meinem Styling scheiß ich mir überhaupt nichts. Ich fühl mich so super, ich fühl mich dann sexy, wenn andere vielleicht sagen, das ist „schiach“ oder nicht vorteilhaft. Wah! Was für ein furchtbares Wort! Was soll das heißen: vorteilhaft? Wenn ich ein Geschäft einer Modekette  gehe und das Übermaß sehe und wie mit den Kleidungsstücken umgegangen wird, könnte ich kotzen. Ich schmeiß überhaupt nichts weg, ich bringe Sachen zum Schneider, um es wieder passend zu machen. Mein liebstes Bühnenoutfit ist aktuell ein Latexeinteiler. Der macht mit zu einer geschlechtslosen Eidechse, wahnsinnig sexy, man ist dann auch so fein mariniert, extrem geil.

 

Manche Menschen fühlen sich offensichtlich auch provoziert. Da gibt es ein paar gehässige Kommentare in den sozialen Medien. Lustige natürlich auch, wo beispielsweise  einer schreibt, er findet zwar die rosa Tageszeitung grauenhaft, die dich gefeatured hat, aber er müsse jetzt leider zugeben, dass deine Musik ziemlich cool ist. Berührt dich das?

Ha, ja, das gibt es immer wieder. Mein Freund und ich haben glaub ich drei Tage lang durchgelacht über einen geilen Thread, wo jemand geschrieben hat „mah, die schauen ja voll bescheuert aus, wie dumm und dümmer“, und ein anderer dann so „nein, also ich finde die schon heiß“ und dann der erste wieder „Ab zehn Dioptrien zahlt’s die Krankenkasse“. Den Spruch haben wir jetzt aufgenommen! Das ist schon witzig. Mich zipfts an, wenn es unter die Gürtellinie geht, Hasstiraden sind nicht lustig. Es kommt Gott sei Dank selten vor und wenn, dann geht es meist ums Optische und dann muss ich gestehen: Das prallt ganz gut ab an mir. Brauchst dir ja auch nur die Menschen die das schreiben anschauen.

 

Gab es ein Schlüsselerlebnis wo du wusstest, du willst Popstar werden?

Ich habe immer schon gesungen in meinem Leben. Voll überzeugt davon, das zu machen, was ich jetzt tue, war ich, als die Leute in meinem Freundeskreis angefangen haben, Kinder zu bekommen und Häuser zu bauen. Da habe ich mich bewusst dazu entschieden, so nicht zu leben. Ich hab ja mein Gesangspädagogikstudium in Wien fertig gemacht und bin ja auch Lehrerin. Also, ich könnte Unterrichten, aber das ist es im Moment halt nicht.

Als ausgebildete Sängerin weißt du ja, was du deiner Stimme zumuten kannst. Schlägst du trotzdem über die Stränge?

Und ob! Ich bin jemand, der gerne Grenzen auslotet. Ich bin trainiert, kenne meinen Körper und meine Stimme gut. Das ist der Vorteil wenn man älter ist. Ich mag nach außen sehr exzessiv ausschauen, aber ich weiß ganz genau, was geht und was nicht.  Ich bin keine klassische Sängerin und ich singe meine Songs, das gibt mir auch die Freiheit nicht immer alles gleich singen zu müssen. Wenn ich merke, heute geht es nicht so, dann sing ich halt anders. Ich mache mir da nicht so viele Gedanken, Perfektionismus langweilt mich ohnehin.

 

Gibt es einen Plan B?

Ich möchte nie aufhören! Ich hoffe, ich falle mit 85 von der Bühne. Andere träumen vielleicht davon, einmal in Frührente gehen zu können, ich träume davon, dass ich immer arbeiten kann. Dass ich als alte, tattrige Frau mit schlecht gefärbten roten Jahren meine Songs krächze. Das wäre mein größter Wunsch!

 

Was ist Luxus für dich?

Ich bin überhaupt kein Luxusgirl. Wie gesagt, ich trage meine Kleidung auch 15 Jahre, ich brauch nichts Neues. Luxus ist für mich, wenn ich in einer coolen Wohnung in einer lässigen Gegend leben und mir jeden Abend meinen Aperol Sprizz leisten kann. Das war nicht immer so.

 

Apropos lässige Gegend. Wie und warum ist Wien deine Heimat geworden?

Ich stamme ja aus Burghausen, einer Kleinstadt in Bayern. Seit ich zum Studium nach Wien gekommen bin, wollte ich nie mehr wegziehen. Ich hab mir viele andere Städte angeschaut, aber in Wien habe ich mich verliebt. Die Stadt fühlt sich größer an, als sie ist. Wien  ist eine Großstadt und doch kennst du die Leute. Früher hab ich in Ottakring gewohnt und am Yppenplatz gearbeitet,  jetzt fühle ich mich in Neubau daheim. Ich mag das, wenn ich aus dem Haus komme und es pulsiert, es ist was los und trotzdem ist es nicht so überkünstelt wie zum Beispiel in Berlin, wo von zehn Leuten, neun Künstler sein wollen. Da ist Wien bodenständiger und nicht so schnell. Schnell bin ich selber ...

Ankathie Koi: Konzerttermine 2018 in Österreich

19. Juli: Acoustic Lake Side Festival, Sonnegger See

27. Juli: Beserlpark Festival, Mank

10. August, Free Tree Open Air, Traiskirchen im Innkreis

11. August, Picture On Festival, Bildein

2. September, Volksstimmefest, Prater

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