Angst vor Islamisierung? Merkel: "Deutsche haben keinen Grund zu Hochmut"

Bei einem Interview im Schweizer Fernsehen wurde Angela Merkel gefragt, wie sie denn unsere Kultur vor der Islamisierung schützen wolle. "Wer Angst hat, wird die Zukunft nicht meistern", antwortete die Kanzlerin.

In einer News-Sendung des Schweizer Senders SRF wurde Angela Merkel von einer Zuschauerin gefragt, wie sie denn plane mit potentiellen IS-Kämpfern und der steigenden Anzahl an Muslimen, die durch die Flüchtlingsströme auch nach Deutschland kommen, umzugehen und die deutsche Kultur schützen wolle. Merkel wurde in den letzten Wochen nicht unbedingt als sympathischste Politikerin gefeiert, sagte sie doch einer jungen Asylwerberin ins Gesicht, dass sie vielleicht abgeschoben wird, und streichelte ihr danach über den Kopf. Auch in der Griechenlanddebatte kam sie selten gut weg. Doch ihre Antwort auf die Islamisierungsfrage war äußerst durchdacht und reflektiert.

Aus dem Stegreif hatte die deutsche Kanzlerin eine Antwort parat, in der sie einer Politik der Angst keine Chance lässt und die Verantwortung Deutschlands anerkennt.

Islamismus und der islamistische Terror sind Erscheinungen in Syrien, Lybien und im Norden des Irak. Da hat die europäische Union eine Vielzahl von Kämpfern beigetragen. Wir können nicht sagen, dass uns das nichts angeht, das sind Menschen die in unseren Ländern aufgewachsen sind und wo wir unseren Beitrag geleistet haben.

Ganz klar: Im Moment haben wir eher das Problem, dass junge Menschen aus Deutschland und Österreich ins das Kriegsgebiet fahren um sich dem IS anzuschließen, als das IS-Kämpfer in unsere Länder kommen. Das sind junge Menschen, die in unserer Gesellschaft groß geworden sind, und es stellt sich die Frage, ob wir das mit einer anderen Integrations-, Sozial- und Bildungspolitik verhindern hätten können. Radikalisierung hat meist etwas mit Perspektivlosigkeit zu tun.

Angst war noch nie ein guter Ratgeber, weder im persönlichen noch im gesellschaftlichen Leben. Kulturen die von Angst geprägt sind, werden mit Sicherheit die Zukunft nicht meistern. Wir haben die Debatte, dass wir sehr viele Muslime in Deutschland haben, aber wenn man 4 Millionen Muslime in Deutschland hat braucht man nicht darüber streiten ob die Muslime zu Deutschland gehören und der Islam nicht, oder ob der Islam auch zu Deutschland gehört.

Eine ganz klare Ansage: 4 Millionen Deutsche sind muslimisch, die Frage ob der Islam zu Deutschland gehört, stellt sich nicht. Außerdem erteilt sie eine ganz klare Absage an Angst und Hetze.

Da gibt es Sorgen, aber wir haben doch alle Freiheiten uns zu unserer Religion, sofern wir an sie glauben und sie ausüben, zu bekennen. Wenn ich was vermisse, dann ist das nicht, dass sich jemand zu seinem muslimischen Glauben bekennt. Dann haben wir doch auch den Mut zu sagen, dass wir Christen sind, den Mut in einen Dialog einzutreten. Aber dann haben wir doch auch die Tradition mal wieder in den Gottesdienst zu gehen, oder ein bisschen bibelfest zu sein und ein Bild in der Kirche noch erklären zu können. Wenn sie mal einen Aufsatz über Pfingsten schreiben lassen, ist es mit der Kenntnis über das christliche Abendland nicht so weit her. Sich anschließend zu beklagen, dass sich Muslime im Koran besser auskennen, das find ich irgendwie komisch.

Statt Angst setzt die Kanzlerin auf Offenheit und ruft zum christlich-muslimischen Dialog auf. Außerdem macht sie darauf aufmerksam, dass das viel zitierte "christliche Abendland" ich kaum auf seine eigenen Traditionen besinnt.

Vielleicht kann uns diese Debatte auch dahin führen, dass wir uns mit unseren eigenen Wurzlen befassen und ein bisschen mehr Kenntnis darüber haben. Insofern find ich diese Debatte sehr defensiv. Gegen terroristische Gefahren muss man sich wappnen, ansonsten ist die europäische Geschichte so reich an dramatischen und gruseligen Auseinandersetzungen, das wir sehr vorsichtig sein sollten, uns zu beklagen, wenn woanders was Schlimmes passiert. Wir müssen versuchen das zu bekämpfen, aber wir haben überhaupt keinen Grund zu größerem Hochmut. Das sag ich jetzt als deutsche Bundeskanzlerin.

Der Schluss ist fast der stärkste Teil von Merkels Antwort. Ein Land, dessen Geschichte den Holocaust, die Kolonialisierung und Kreuzzüge beinhaltet, sollte seine Kultur nicht über andere stellen.

Aktuell