Angst als Teil des Jobs

Sie sind zierlich, klein und beste Freundinnen. Die Reporterin Manon Querouil und die Fotografin Véronique de Viguerie, deren Arbeitsplatz die Regionen der Welt sind, die die Mehrheit der Bevölkerung nur aus dem Fernseher kennt. Für die WIENERIN reisten die beiden Französinnen in den Südsudan. Lesen Sie hier das Interview in voller Länge.

Die beiden Französinnen haben sich auf dem internationalen Parkett des Krisen- und Kriegsjournalismus einen Namen gemacht, liefern u.a. Exklusivreportagen in Afghanistan und über somalische Piraten an Stern, Paris-Match, Le Figaro Magazine, Marie-Claire, Grazia, Newsweek, New York Times Magazine, The Guardian, Mail on Sunday, Der Spiegel, Geo, Maxi und jetzt auch WIENERIN. Für die WIENERIN reisten die beiden Französinnen in den Südsudan. Vor ihrer Abreise sprachen wir mit Ihnen über ihren Beruf, der für viele ein Traumjob ist - aber mitunter auch lebensgefährlich.

Wie bist du Journalist bzw. Fotograf geworden?


Véronique de Viguerie: Fotografie habe ich schon immer geliebt, aber nie daran gedacht davon zu leben. Ich habe Jus studiert und nach meinem Abschluss mit Fotojournalismus angefangen. Und ich liebe es! 2004 habe ich meine Arbeit als Freelancer in Afghanistan begonnen. Alle meine Ersparnisse sind dabei draufgegangen, habe einen Computer gekauft und bin für 3 Monate nach Kabul gezogen. Geblieben bin ich dann 3 Jahre.

Manon Querouil: Ich habe dank Véronique angefangen als Journalistin zu arbeiten. Sie hat mich gefragt ob ich mit ihr Geschichten machen will.

Wie habt ihr euch getroffen?


Manon Querouil: Wir haben uns 2005 in Kabul getroffen. Véronique versuchte sich als Fotografin durchzuschlagen, ich habe bei den afghanischen Wahlen für die UN gearbeitet. Wir wurden schnell Freundinnen und haben ein Jahr gemeinsam in einem Haus gelebt. Zurück in Frankreich 2006 haben wir unsere erste gemeinsame Geschichte im Libanon gemacht. Danach sind wir für Paris Match nach Somalia gefahren und seitdem arbeiten wir zusammen.

Welche Eigenschaften schätzt ihr aneinander?


Véronique de Viguerie: Manon ist das Herz und Hirn unseres Teams. Sie ist clever, arbeitet hart, organisiert, loyal und verlässlich. Sie treibt an und motiviert und sie ist eine talentierte Autorin! Es ist ein Privileg mit ihr zu arbeiten. Außerdem lachen wir viel gemeinsam!


Manon Querouil: Véronique ist mutiger als ich. Sie hat mich zu gefährlichen Geschichten ermutigt, die ich ohne sie wohl nie gemacht hätte. Sie ist geduldig, unbeschwert und gelassen und sehr, sehr lustig!

Was wollt ihr mit eurer Arbeit erreichen oder vermitteln?


Véronique de Viguerie: Die richtige Nachricht vermitteln und der Wahrheit treu bleiben.


Manon Querouil: Für mich ist wichtig, das eine interviewte Person die meinen Artikel liest, ihre Worte und Gedanken wiederfindet. Ich versuche das Vertrauen der Menschen die ich treffe insofern in Ehren zu halten, indem ich Ehrlichkeit und Wahrheit vermittle. Meine Arbeit ist, hinaus zu gehen und korrekte Informationen mitzubringen, so dass sich die Leser ihr eigenes Urteil bilden können.

Was erwartet ihr voneinander, wenn ihr gemeinsam unterwegs seid?


Manon Querouil: Wir beide respektieren sehr das Werk des anderen. Ich würde Vero niemals sagen welches Foto sie machen soll und sie würde mir nie sagen wie ich ein Interview zu führen habe. Unser Teamwork basiert auf Freundschaft und Respekt.


Véronique de Viguerie: Wir versuchen beide einen neuen Blickwinkel in die Geschichte einzubringen. Manon mit Informationen und Worten, ich mit visuellen Mitteln. Unterwegs sprechen wir viel über unsere Erwartungen und Vorstellungen an Text und Bild. Wir versuchen das Werk des anderen noch besser zur Geltung zu bringen, zu unterstreichen. Wir sind ein Team im Guten wie im Schlechten und stellen uns Gefahren, Täuschungsmanövern, Belohnung und Lob sowie einer Enttäuschung oder Blamage gemeinsam.

Wie die Familien der beiden Französinnen damit umgehen und wie es ist, als Frau einen von Männern dominierten Job zu machen, lesen Sie auf der nächsten Seite>>

Am 9. Juli soll der Südsudan unabhängig werden.

Doch die junge Nation trägt Narben - sichtbar in den Gesichtern derer, die von der grausamsten Rebellenarmee der Welt als Kindersoldaten oder Sexsklavinnen gehalten wurden.

Und der Weg zurück ins Leben führt über das Minenfeld der Erinnerungen.

Wie gehen eure Familien und Freunde mit eurer beruflichen Tätigkeit um? Ist es möglich nebenbei ein „normales" Leben zu führen?


Véronique de Viguerie: Es ist etwas komplizierter, aber möglich. Ich denke, wenn unsere Lieben sehen, wie glücklich wir mit unserer Arbeit sind und wie erfüllt, dann fällt es ihnen leichter die Tatsache zu akzeptieren.


Manon Querouil: Ich glaube es ist möglich. Zumindest versuche ich es. Ich bin seit 6 Monaten verheiratet, plane ein Kind zu bekommen und meinen Job gleichzeitig weiter zu machen. Vielleicht ist das eine Illusion, aber einen Versuch ist es Wert. Mein Mann ist sehr verständnisvoll und engagiert, hilft uns sogar die nächste Geschichte auf die Beine zu stellen. Er würde es niemals zugeben wenn er Angst um mich hätte, das ist ein Teil des Deals. Dasselbe gilt für meine Eltern, ich erzähle keine Details wenn wir an gefährliche Orte reisen. Und sie fragen auch nicht. Das ist wichtig um größeren Druck zu verhindern.

Fällt es dir leicht zu entspannen wenn du daheim bist? Gönnst du dir dann eine Pause?


Véronique de Viguerie: Ja, bei einem netten Abendessen mit einem Glas Wein im Kreis von Familie und Freunden. Oder mit Sport, beim Snowboarden, Kitesurfen oder Boxen.


Manon Querouil: Wenn ich in Paris bin, lebe ich das perfekte Hausfrauen-Leben! Ich gehe ins Fitness-Center, koche für meinen Mann, treffe mich mit Freunden auf einen Drink und lese gute Bücher.

Bevor du wegfährst bzw. wenn du von einem Auftrag zurück kommst, gibt es da eine Art Ritual mit deiner Familie oder deinem Mann?


Manon Querouil: Ja! Wir trinken immer Champagner bevor es losgeht. Und wenn ich wieder heim komme! Mit einem schönen Abendessen!

Euer Job ist harte Arbeit und immer noch von Männern dominiert. Es gibt nicht viele Frauen da draußen. Wie gehen die männlichen Kollegen damit um?


Véronique de Viguerie: Die neue Generation der Reporter ist nicht mehr so frauenfeindlich wie die davor...


Manon Querouil: Wir haben wenig Kontakt zu Kollegen, egal ob Männer oder Frauen. Ich glaube aber die neue Generation von Reportern ist sehr verschieden von der vorhergehenden, männlich dominierten. Ich habe nie mehr als ein Mann für eine Geschichte kämpfen müssen.

Gibt es Vorteile als weiblicher Journalist unterwegs zu sein?


Manon Querouil: Es gibt eine Menge Vorteile als weibliches Team im Feld unterwegs zu sein! Die meisten Männer wollen uns beschützen und das hat uns schon viele Türen geöffnet. Als Frau in muslimischen Ländern bekommt man Zugang sowohl zu Männern als auch Frauen. Das bleibt männlichen Journalisten verwehrt.


Véronique de Viguerie: In den meisten Ländern werden wir als drittes Geschlecht wahrgenommen, nicht richtig Frau, nicht richtig Mann. Zugang zu Frauen zu finden ist einfacher und Zugang zu Männern zu bekommen ist niemals ein Problem. Wir müssen nur besonders vorsichtig sein und aufpassen, kein falsches Bild zu vermitteln um unsere Integrität nicht zu gefährden.

Wie die beiden Journalistinnen mit Angst umgehen und wie Sie Ihre außergewöhnlichen Erlebnisse verarbeiten, lesen Sie auf der nächsten Seite>>

Hast du jemals richtig Angst gehabt?


Véronique de Viguerie: Ja klar. Aber das ist ein Teil des Jobs.


Manon Querouil: Ja. Einmal. Wir machten eine Geschichte über die Ölpiraten im Niger Delta. Der Anführer der Kämpfer war bekannt dafür, gewalttätig zu sein und im Jahr zuvor hat er eine ausländische Journalistin vergewaltigt. Er sagte mir er wolle mich heiraten! Gemeinsam mit Véronique konnten wir ihn davon überzeugen, zuerst die Erlaubnis meiner Familie einzuholen und wir durften das Camp verlassen. Er wartet vermutlich immer noch auf mich...

Hat es eine Situation gegeben wo du gedacht hast, jetzt ist es aus?


Véronique de Viguerie: In Kabul saß ich einmal in einem Internetcafe als ein Selbstmordattentäter hereinkam und sich in die Luft sprengte. Er hat fünf von uns getötet. Meine Zeit war wohl noch nicht gekommen.

Was war die beste Arbeitserfahrung die du gemacht hast?


Manon Querouil: Es ist vermutlich die Geschichte in Somalia über die Piraten. Es war sehr gefährlich und wir waren die ersten ausländischen Journalisten in dieser Angelegenheit. Unsere Reportage wurde auf den ersten Seiten der Magazine und Zeitungen weltweit gebracht und ich bin sehr stolz über das was wir gemacht haben.

Wo wart ihr schon überall gemeinsam? Welche Geschichten habt ihr gemacht?


Manon Querouil: Viele! Wir waren in Kolumbien für eine Geschichte über weibliche Auftragskiller; im Irak um über die Folgen des Krieges für Frauen und Witwen zu berichten; in Pakistan für eine Story über die Taliban; in Afghanistan um über die Aktivitäten weiblicher Polizisten zu berichten; in Tschetschenien wegen der fortsetzenden Politik des aktuellen Präsidenten; in Guatemala wegen Gender Morden; in China wegen den Auswirkungen selektiver Abtreibungen und so vieles mehr...

Wie gehst du mit den Dingen um die du siehst und hörst? Wie kannst du die Bilder im Kopf verarbeiten?


Manon Querouil: Natürlich beeinflussen mich all die schlechten Dinge die mir bei unseren Einsätzen über den Weg laufen. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein und sich selbst zu erlauben traurig zu sein, sich nach der Rückkehr leer zu fühlen. Mir hilft es, regelmäßig mit einem Therapeuten zu sprechen und Pausen zwischen den einzelnen Aufträgen zu machen. Und ich habe gelernt dass ich die Welt nicht retten kann. Damit muss ich klar kommen.

Seid ihr euch der Gefahren und des Risikos eurer Arbeit immer bewusst, oder ist es einfach ein Job und ihr denkt nicht weiter darüber nach?


Manon Querouil: Es ist nicht nur ein Job, aber es ist mein Job. Ich bin mir der Risiken bewusst und versuche sie zu minimieren. Aber wenn man zu viel darüber nachdenkt, dann fährt man wohl nirgends mehr hin!


Véronique de Viguerie: Der Tag an dem uns die Gefahren unserer Arbeit zu sehr beschäftigen, wird wohl der Tag sein an dem wir damit aufhören müssen. Denke ich.

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