André Heller: "Wir können nicht mehr wegschauen, wenn Millionen Kinder leiden"

48 Millionen Kinder und Jugendliche sind weltweit auf der Flucht. Junge Mädchen sind dabei in besonderem Maße von Gewalt betroffen. Kinderehen nehmen drastisch zu.

Manchmal gibt es diese Momente, in denen man sich fragt: warum ist diese Welt so grausam? Warum hat ein kleines Mädchen, das in Damaskus geboren wurde, so viel Leid und Trauer in ihrem Leben zu ertragen? Warum gibt es Millionen dieser Kinder auf der Welt, die auf verlorenem Posten stehen, weil sie vor Kriegen fliehen müssen, keine Bildung erhalten, hungern und krank sind? Und das Schlimmste daran: warum interessiert es niemanden?

Das sind einige der Fragen, die bei der diesjährigen NOW Konferenz, die von 30.-31.1. in Wien unter dem Motto “Children Under the Radar” stattgefunden hat, aufgeworfen wurden. Dass es die erste Konferenz war, die sich spezifisch mit Kindern auf der Flucht auseinandersetzte, wie Catherine Barnett (UNICEF) feststellte, ist nur eines der erschreckenden Erkenntnisse, die die Konferenz zutage förderte.
 

Kinder auf der Flucht - die vergessenen Opfer


Mindestens 10.000 alleinreisende Flüchtlingskinder sind nach ihrer Ankunft in Europa spurlos verschwunden. Dies sagte ein Sprecher der europäischen Polizeibehörde Europol am Sonntag in Den Haag. Kinder auf der Flucht sind vielen Gefahren ausgesetzt. Sie sind kriminellen Netzwerken schutzlos ausgeliefert und von Ausbeutung, Gewalt und Tod bedroht. Im Libanon, Irak, Jordanien und der Türkei - also dort wo tatsächlich Millionen Menschen auf der Flucht leben - nimmt die Kinderarbeit zu. Die Kinder gehen oft vormittags arbeiten und nachmittags zur Schule, sofern sie die Möglichkeit dazu haben. 55 Prozent der minderjährigen Flüchtlinge in der Türkei besuchen gar keine Schule, so Lale Hazar von der türkischen NGO ODGEDER.

Vor allem Mädchen auf der Flucht werden mit unglaublicher Gewalt konfrontiert. Mustafa Tosun, Bürgermeister der türkischen Stadt Dikili, berichtete etwa, dass der sexuelle Missbrauch von 12- bis 14-jährigen Mädchen erschreckend hoch ist und 40 Prozent dieser Mädchen sehr jung schwanger werden.
 

Kinderehen nehmen enorm zu


Die ExpertInnen sind über eine Entwicklung besonders besorgt: es herrscht eine enorme Zunahme von Kinderehen. Im Libanon, in Jordanien und in der Türkei werden Mädchen "zum Schutz" vor sexuellen Übergriffen und aus finanziellen Gründen oft sehr früh verheiratet. Dadurch geraten die Mädchen - manche jünger als 14 Jahre - in nicht selbst gewählte, oft gewalttätige Beziehungen mit meist viel älteren Männern. Aus der Türkei und dem Libanon wird außerdem berichtet, dass minderjährige Mädchen zur Prostitution gezwungen werden. In Form von Kurzzeit-Ehen, die nur wenige Stunden bis zu einem Monat andauern, wird mit jungen, geflüchteten Mädchen Handel getrieben.

Weltweit sind etwa 48 Millionen Kinder und Jugendliche auf der Flucht. Etwa die Hälfte aller geflüchteten Kinder kommt aus Syrien und Afghanistan. Nahezu die Hälfte aller Kinder auf der Flucht (40%) ist selbstmordgefährdet. Jedes fünfte geflüchtete Kind weist Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung auf.

„Eines der brennendsten Themen der Gegenwart in einer an Schrecken nicht armen Welt sind Kinder auf der Flucht", appellierte der Künstler André Heller, Mitbegründer von "Act.Now" an die BesucherInnen der Konferenz. Seine Kritik an der Ignoranz von Gesellschaft und Politik trifft das Problem auf den Punkt. Denn statt uns mit diesen Realitäten auseinanderzusetzen, schauen wir weg. Statt nach großen Lösungen zu suchen, setzt sich die österreichische Regierung mit Kleinigkeiten, deren Nützlichkeit bezweifelt werden kann, wie dem Vollverschleierungsverbot auseinander. Die ExpertInnen sind sich durch die Bank einig: solange dieser Krieg nicht beendet ist, wird auch das Leid kein Ende haben. Und solange alle reichen EU-Länder wegschauen, werden viele Millionen Kinder zu einer verlorenen Generation, die die nächste Gesellschaft prägen wird.
 

Die Probleme sind näher bei uns, als wir denken


Aber wir müssen nicht einmal nach Syrien, Afghanistan oder in den Libanon schauen, um Baustellen zu finden: in Österreich fehlen 900 akut benötigte Therapieplätze für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Vereine, die mit Kindern und Minderjährigen auf der Flucht arbeiten, brauchen dringend finanzielle Unterstützung. Rassistische Gewalt steigt und in überfüllten Flüchtlingseinrichtungen sind Kinder und vor allem Mädchen ebenso unterschiedlichen Formen von Gewalt ausgesetzt.

Dieses ganze Leid hat Folgen: viele Kinder leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen, haben Schlafprobleme, werden deswegen aggressiv. Sie brauchen eine spezielle psychologische Betreuung und Fürsorge - stattdessen wird ihnen oft mit Abwehr und Zurückweisung begegnet.

PolitikerInnen zu den Orten des Schreckens führen, um ihnen die Augen zu öffnen


Kinder auf der Flucht sind die verletzlichsten Opfer, wehrlos, ausgebeutet. Aber sie sind auch die größte Chance. Das ist die Botschaft der 3. internationalen NOW-Konferenz. Und sie soll nicht ungehört bleiben. Deshalb haben die InitiatorInnen auch schon das nächste Projekt im Auge: sie werden alle im österreichischen Parlament vertretenen Parteien kontaktieren und ihnen anbieten, ein Reiseprogramm an die "Epizentren der Wirklichkeit zusammen zu stellen, damit sie aus erster Hand die Erfahrungen sammeln können, die wir gesammelt haben. Wir sind davon überzeugt, dass niemand die Augen und Ohren verschließen kann, die oder der mit den Verletzungen der Verletzlichsten konfrontiert wird." Selbst die FPÖ wird eingeladen - und André Heller ist optimistisch: "Wenn sie mitgehen, werden sie ihre Politik ändern müssen."

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