Andere Länder, andere Titten

Alles nur gemacht? Die einen lieben runde Pos, die anderen große Brüste. Ästhetische Ideale sind nicht so universal, wie man oft glaubt. Das merkt man besonders beim Blick in die weite Welt der Schönheitschirurgie.

Campingurlaub in Jesolo. Ich liege zwischen Bierbäuchen und eisverschmierten Kindern am Strand und es ist komplett egal, wie ich aussehe. Kontrastprogramm via SMS von der besten Freundin, die gerade in L. A. die Sonne na ja nicht wirklich genießt. Sie schreibt: "Wenn noch einer ,I love your love handles!' zu mir sagt, ziehe ich nie wieder einen Bikini an!" Love handles. Der nette Ausdruck für Speckröllchen. Zurück in Wien beschreibt ein deutscher Kollege seine Ferien im irrtümlich gebuchten Lieblingsresort russischer Touristen. Er behauptet: "Meine Freundin war die Einzige mit natürlichem Dekolleté und schmalen Lippen. Ab der zweiten Urlaubswoche kam mir das komisch verklemmt vor." Kann es sein, dass derselbe Körper in einem Land als okay, in einem anderen als zu flach und in manchen Regionen einfach als Ausgangsbasis für diverse Beauty-Tunings wahrgenommen wird?

Culture Clash

"Ja, klar", sagt die plastische Chirurgin Barbara Gebhard. "In einigen Szenen Russlands werden ästhetische Eingriffe als erweiterte Körperpflege verstanden. Sie gelten sogar als Statussymbol. Man redet offen darüber und legt nicht so viel Wert auf Natürlichkeit wie vielleicht die Österreicher. Man darf sehen, dass etwas gemacht wurde." Die häufigsten Eingriffe in Russland sind Brustvergrößerungen, volle, pralle Lippen und Nasenverkleinerungen. Die meiste (Finanz-)Kraft wandert in die Attraktivität und die Verkörperung von Sinnlichkeit. Laut Barbara Gebhard geht das allerdings so weit, dass sich manche Frauen sogar Beinverlängerungen unterziehen. "Da durchtrennt man Unterschenkelknochen und verlängert sie in mühsamen Prozessen um ein paar Zentimeter - bei uns ein völliges No-Go. Der Hintergrund ist: Lange Beine wirken unbewusst fruchtbar. Im Grunde geht es beim Streben nach Schönheit auch immer um Sexualität - um Partnerwahl, Fortpflanzung und Evolution."

Wissen Sie, was eine Frau in Los Angeles dazu berechtigt, ihr Auto auf einem Behindertenparkplatz abzustellen? Körbchengröße A.
Angelina Jolie

Auch in Nordamerika werden Schönheitsoperationen in bestimmten Regionen nahezu eingefordert. Angelina Jolie scherzte einst: "Wissen Sie, was eine Frau in Los Angeles dazu berechtigt, ihr Auto auf einem Behindertenparkplatz abzustellen? Körbchengröße A." Kleine Brüste und große Nasen gelten als ziemlich ungerecht von der Natur. Zum Schönheitsarzt zu gehen ist normal und wird in L. A. als "sich etwas Gutes tun" wahrgenommen.

Was die Busengröße betrifft, wird dann - anders als etwa in Mitteleuropa - auch eher geklotzt als gekleckert. Dabei beeinflussen die Ideale des Umfelds natürlich die Wahrnehmung des Einzelnen. Sie prägen die individuelle Vorstellung von Schönheit und die Einstellung zum eigenen Körper. Eine Erfahrung, die eine Patientin des Wiener Chirurgen Thomas Aignergleich zweimal machte. Er erzählt: "Die junge Frau war für ein Cheerleaderstipendium in den USA und lebte bei einer sympathischen Gastfamilie, in der die Mutter und die Töchter vergrößerte Brüste hatten. Ihr gefiel's. Sie ließ sich selbst operieren. Doch zurück in Wien passte die Form nicht mehr -zu rund und zu groß. Sie ließ den Busen wieder verkleinern."

Promis als Vorbilder

So ähnlich könnte das Motto des Kardashian-Jenner-Clans und seiner Follower lauten. Denn mit dem digitalen Boom ändern sich die Vorbilder. Laut einer aktuellen Trendstudie stürmen zurzeit vermehrt junge Patientinnen die Beauty-Praxen. Sie wollen dieselben Treatments wie ihre Stars, die immer offener mit Schönheitseingriffen umgehen und sie, wie ihr Leben, über Instagram teilen. Und auch den US-Männern geht es an Kopf und Bauchansatz. Dr. Gebhard beschreibt: "Vor allem beruflich sehr erfolgreiche Männer geraten unter Druck. Sobald sich Alterungszeichen zeigen, müssen sie dagegenarbeiten. Tränensäcke, dünnes Haar, Bäuche, die Entwicklung einer weiblichen Brust werden mittels Schönheitschirurgie behoben. Sonst gelten sie im Unternehmen schnell als müde, schwach, weniger schlagkräftig und dadurch leicht austauschbar. In Amerika lassen sich dreimal mehr Männer behandeln als in Europa."

Die Schönheit der brasilianischen Frauen ist nicht erst seit Gisele Bündchen ein Begriff, Modeln ist dort eine Karriereoption für viele. Ästhetische Korrekturen gelten hier als Investition in die Zukunft. Die ModefotografinSoraia Costa pendelt zwischen Wien und São Paulo. Sie erzählt: "Im Mode- und Modelbusiness ist es wirklich normal, dass man sich Nase und Busen korrigieren lässt. Die Modelagenturen bitten sogar manchmal darum und organisieren Vergünstigungen bei den Ärzten. Aber der eigentliche Trend ist momentan totale Fitness: muskelbepackte Frauen, die viel trainieren, mit Implantaten nachhelfen und manchmal sogar Anabolika nehmen."

Butt-Selfies und eine OP zum Schulabschluss

Googelt man die beliebte Tänzerin Gracyanne Barbosa, tauchen auch gleich "Butt Selfies", also Fotos von deren Allerwertesten, im Suchergebnis auf. Hintern ist in. Brazilian Butt Lifts, Po-Implantate und -vergrößerungen mit Eigenfett steigen stetig in der Beliebtheitsskala. In Kolumbien belegen sie Platz fünf der häufigsten Beauty-OPs. Die Europäer sehen das (noch) anders, was mitunter zu Missverständnissen führt, wie bei der Österreicherin Ines: Sie ließ sich während eines Studienaufenthaltes in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, Fett absaugen. Das Ergebnis: ein wohlgeformter, aber immer noch imposanter Hintern -obwohl sie den doch eigentlich weghaben wollte! Es folgten Wochen mit intensivem Bauch-Bein-Po-Training. Mittlerweile lacht sie drüber. Nur die Lust auf Beauty-OPs ist ihr vergangen.

Ganz anders geht es da den Südkoreanern. Seoul gilt als Welthauptstadt der Schönheitseingriffe. Augenlidkorrekturen, Nasenverlängerungen und Fetttransplantationen im Gesicht, um es herzförmiger und mädchenhafter zu formen, gelten als Standardoperationen. Medien und Experten meinen: "Asiatinnen wollen westlicher aussehen." "Stimmt nicht", meint Eun Gi. Die Koreanerin plaudert offen über die Lidoperation, die sie, wie viele ihrer Freundinnen, zum Schulabschluss geschenkt bekam. Sie sagt: "Große Augen, edle Nasen, geschwungene Lippen - das sind universale Schönheitsprinzipien. Wir sagen ja auch nicht, dass Europäer asiatischer aussehen wollen, wenn sie sich ihre Nasen verkleinern lassen." Das Interessante hier: Ganz viele streben nach demselben perfekten Look. Das geht so weit, dass sich die Teilnehmerinnen der Miss South Korea bis auf die Form der Augenbrauen gleichen. Eun Gi erklärt sich das Phänomen so: "Wir haben einen starken Kollektiv-Gedanken. Uns ist wichtig, was andere von uns denken und dass wir gut mit der Gruppe harmonieren. Ganz anders als die Amerikaner, die man auf eigene Meinung und Selbstverwirklichung trimmt."

Und wie sieht es bei uns aus? Barbara Gebhard beschreibt: "Ich denke, in Österreich, Deutschland und der Schweiz geht es vor allem um jüngeres Aussehen. Frauen, die 40, 50, 60 sind, voll im Leben stehen und einfach so aussehen wollen, wie sie sich fühlen. In meiner Praxis stehen Facelifts, Halsstraffungen und kleine Korrekturen um Schlupflider, Tränensäcke und Falten im Vordergrund. Beim Körper geht es vor allem darum, schöne Konturen (wieder-)herzustellen, zum Beispiel nach Schwangerschaften." Die Zeiten, in denen Österreicher Schönheits-Nachzügler waren, sind laut Dr. Aigner vorbei: "Besonders die minimalinvasiven Methoden wie Botox, Unterspritzung und Fadenlifting werden immer beliebter. Viele stehen dazu, dass sie frischer aussehen wollen, und werden nicht mehr so stigmatisiert wie vor ein paar Jahren."

Schöne neue Zukunft?

Glaubt man den Experten, werden wir mit Beauty-Eingriffen immer offener umgehen. Gleichzeitig werden die Techniken besser, die Schnitte kleiner und weniger belastend. Was sich allerdings nicht ändert, ist, dass Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt, und dessen Vorstellungen unterscheiden sich von Land zu Land. Sollten Sie also aus L. A. neben Souvenirs auch einen Komplex wegen Ihres kleinen Busens oder dem bisschen Speck um die Taille mitbringen, zweifeln Sie nicht an sich - ein paar Flugstunden weiter sieht die Sache wieder ganz anders aus. Schön, nicht?

2014 wurden weltweit über 20 Millionen ästhetische Eingriffe vorgenommen, davon etwa 20 Prozent in den USA, 10 Prozent in Brasilien, 6 Prozent in Japan und 5 Prozent in Südkorea. Deutschland folgt auf Platz 6 mit 2,6 Prozent. Umgerechnet auf die Einwohnerzahl ist Südkorea das Land mit den meisten Operationen: ein Eingriff pro 51 Einwohner. Zum Vergleich: In den USA ist das Verhältnis 1:77, in Deutschland 1:154 (Quelle: ISAPS -International Society of Aesthetic Plastic Surgery, isaps.org).

Dieser Text erschien zuerst in der WIENERIN Nr. 03/2016, Februar 2016.

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