Am Kopf, im Kopf

Chefredakteurin Barbara Haas über das Instrument Kopftuchverbot, matriarchale Strukturen und einen frauenfreundlichen Islam.

Eine Gesellschaft, von Frauen gestaltet. Das gibt es in Indonesien, drei Millionen Menschen bilden dort das größte Matriarchat der Welt. Der Clou: Sie sind MuslimInnen. Der Islam kann also frauenfreundlich? Er gilt doch als besonders patriarchal, die Frauen sind hier doch besonders unterdrückt. Nun, bei näherer Betrachtung trifft Ähnliches auch auf die katholische Kirche zu: Das System ist patriarchal, Priesterinnen undenkbar, eine Päpstin wäre quasi Gotteslästerung. Dennoch scheint der Islam in seiner fundamentalen Form mittlerweile der Welt-Frauenfeind Nummer eins zu sein. Das sichtbarste Zeichen dafür: das Kopftuch. Aber ist das wirklich wahr?

Dazu möchte ich die Gedanken zweier muslimischer Frauen teilen. Einmal die schweizerisch-jemenitische Politologin Elham Manea. Sie sagte kürzlich in der Schweizer Zeitschrift annabelle: „Es gibt Frauen und Mädchen, die sagen, dass sie den Hidschab freiwillig tragen. Das respektiere ich. Doch ich habe viele Frauen gefragt: ‚Hättet ihr euch verhüllt, wenn man euch gesagt hätte, dass ihr geliebt werdet und nicht in der Hölle brennt, wenn ihr keinen Hidschab tragt?‘ Jedes Mal war die Antwort: Nein. Ein Kopftuchverbot würde demnach Mädchen Zeit lassen, genug Wissen zu sammeln, um einem allfälligen Druck zu widerstehen, sich verhüllen zu müssen.“

Und die deutsch-türkische Menschenrechtsanwältin Seyran Ates meinte zu mir: „Das Kopftuch ist ein Detail, ein Symbol und sicher nicht das Hauptanliegen meiner Religion – es steht ja noch nicht mal im ­Koran. Tatsächlich wird aber immer so getan, als wäre es das Allerwichtigste. Doch das Gebet, das Fasten, der Hadsch nach Mekka sind wichtiger als das Kopftuch.“

Das Kopftuch sagt demnach viel darüber aus, was in den Köpfen vorgeht. Aber es wird auch instrumentalisiert. Ich würde mir genau zu dieser Ambivalenz einen ehrlichen und differenzierten Diskurs wünschen. Es ist ein Thema, das mehr als nur die individuelle Selbstbestimmung beinhaltet. Aber klar: Wenn wir über patriarchale Strukturen bei anderen reden, dann müssen auch unsere Gesellschaft und unser Patriarchat – und bei Weitem nicht nur das in der katholischen Kirche – eine Rolle spielen. Denn dieses System ist in unseren Köpfen noch tiefer verankert. Ganz ohne Kopftuch.

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