"Als weißer Mann ist’s halt schon geil"

Bezirkowitschs Satirekampagne wühlte im Herbst den Wien-Wahlkampf auf. Wer hätte gedacht, dass er mit seinen feministischen Ansichten auch unsere Herzen so aufwühlen könnte.

Irgendwann letzten September, als wir gerade verwirrt waren, ob wir mit dem Herzen, oder SO wie WIR denken wählen sollten, wurde auf einmal ein unbekanntes Sujet mit dem charmantesten Hashtag des ganzen Wahlkampfes in unsere Timeline gespült. "Fünfhaus, du Opfa, gib Stimme!" stand da, und wir waren zwar mehr als verunsichert, ob die SPÖ tatsächlich offizieller Absender des Motivs war, dafür aber umso sicherer, Rudolfsheim von nun an nur noch RH5H zu nennen. #Bezirkowitsch sei dank.

Der Sozialarbeiter Maximilian Zirkowitsch kandidierte bei der Gemeinderatswahl auf der Bezirksliste für Rudolfsheim Fünfhaus und schaffte es trotz medialer Omnipräsenz und mehr Facebook-Likes als der Wiener ÖVP nicht in den Bezirksrat. So ganz ohne Inhalte scheint man einen Wahlkampf doch nicht zu gewinnen, zumindest aber die Sympathie der Online-Community. Seine satirischen Forderungen wie "Schutzhaus muss Schutzhaus bleiben" und sympathischen Slogans wie "Enten", "Bitte fahren Sie vorsichtig" oder "Darf ich mit Ihnen ins Gespräch kommen, liebe Bürgerin, lieber Bürger?" erzählten uns wenig über die politische Gesinnung des Maximilian Zirkowitsch, dafür aber umso mehr über seine Fähigkeit zur medialen Selbstinszenierung und seinen Humor.

Neben seiner Arbeit als Sozialarbeiter ist Zirkowitsch auch Mitglied der Satiregruppe "Hydra", schreibt eine Vice-Kolumne und liest seine Texte immer wieder öffentlich. Obwohl er hin und wieder in seine Satire-Persönlichkeit zurück fiel, haben wir uns mit dem echten Maximilian Zirkowitsch getroffen und mehr über seine politischen Ideen erfahren. Die haben uns so gut gefallen, dass wir nun wohl endlich den ersten österreichischen Hawara der Woche küren können. Wir haben über Quoten, Pop, Politik und sexualisierte Gewalt geredet. Der Zirkowitsch kann definitiv nicht nur inhaltsleer.

Wie sieht Ihr politisches Engagement aus, nachdem Sie nicht als Bezirksrat gewählt wurden?

Ich bin seit vielen Jahren SPÖ-Mitglied und bin nach wie vor in meiner SPÖ-Sektion tätig. Ich referiere auch öfters in anderen Sektionen. Weil ich in dem Bereich arbeite, ging es früher öfter um Flüchtlingspolitik, mittlerweile geht es meistens um Politik und Satire. Das wird immer so getrennt, das hab ich bei meinem Wahlkampf ja auch getan. Ich glaube, ich hätte der Flüchtlingspolitik keinen Gefallen getan, wenn ich mich als Satiriker dazu geäußert hätte. Zumindest wäre es mir sehr schwer gefallen, da adäquat zu witzeln.

Man hat das Gefühl, politische Versuche sich popkulturell anzunähern, wie zum Beispiel das Jugendmagazin „Eva“ der Grünen oder der Strache-Comic, werden nicht besonders gut angenommen und eher als peinlich wahrgenommen. Kann Politik nur als Satire guter Pop sein?

Nein. Ich glaub schon, dass Politik in der Alltags- oder Popkultur Niederschlag finden kann. Grad bei einer Partei wie der SPÖ merkt man das ja, Häupl-Memes und so. Die SPÖ ist 120 Jahre alt, da haben sich gewisse Phänomene im Alltag manifestiert. Der Unterschied ist, dass Eva Glawischnig als Spitzenpolitikerin in einer anderen Rolle ist als ich. Strache ist mittlerweile der am längsten dienende Klubobmann der Republik. Der ist ja kein junger Unverbrauchter mehr, der ist alt geworden. Und noch immer nicht in der Regierung. Und ich war ein Hilfsschlumpf auf der Bezirksliste. Und ich bin natürlich bedeutend jünger und cooler. Darum ist es bei mir nicht peinlich, weil ich eben cool bin.

Aber Sie haben ja auch nicht versucht politische Inhalte zu vermitteln, sondern einen typischen Wahlkampf überspitzt und inhaltsleer gemacht. Es ist schon schwieriger, politische Botschaften zu vermitteln und dabei cool zu sein, als Politik zu persiflieren.

Ich glaub der Satz ist eh von Rosa Luxemburg, dass es sehr wohl politisch ist, sich als unpolitisch zu betrachten. Es ist halt sehr konservativ. Schwierig ist es für mich geworden, als ich gemerkt hab, ich kann jetzt mit einem Posting eine Million Menschen erreichen. Wenn ich einen Kracher loslass, drucken das die Zeitungen wieder. Ich hab mit null Cent Budget einen Wahlkampf gemacht, mit dem ich alle Medien erreicht hab. Und dann war ich an einem Punkt, wo ich gemerkt hab, ich könnte jetzt keine seriöse Politik mehr betreiben. Ich hab jetzt die Reichweite, aber wenn ich mich einem Thema annehme und Position dazu beziehe, dann schade ich dem Thema. Eine Woche vor der Wahl hätte ich zum Beispiel gerne zur Flüchtlingsdemo und Voices for Refugees aufgerufen. Aber wenn Bezirkowitsch das gemacht hätte, hätte es das ins Lächerliche gezogen und niemand hätte das mehr ernst nehmen können. Dann kriegt auch das den Stallgeruch des Inhaltsleeren und Blablas.

In den letzten Monaten gab es eine Veränderung im Ton auf Ihrer Facebook-Seite. Hab ich das richtig beobachtet, dass Sie versucht haben, auf eine inhaltsvollere Ebene zu kommen?

Ich will schon ein bisschen weg von diesem ganz Inhaltsleeren. Irgendwas würd ich natürlich gerne mit der Bundespräsidentschaftswahl machen, eh klar. Kandidieren kann ich nicht, weil ich zu jung bin, ich müsst klagen. Dann müsste man die Wahl wiederholen, das hätte natürlich einen gewissen Reiz, vor allem wenn der Kandidat der SPÖ nicht gewinnt, dann sollte man in jedem Fall die Wahl anfechten.

Würden Sie sich als Feministen bezeichnen?

Ja, ich hab sogar was vorbereitet. Hier, mit Duck-Face-Versuch.


Hatte das Wort Feminismus für Sie je eine negative Konnotation?

Ja, in der Pubertät. Wir haben in der Schule dieses Spiel gespielt, wo man Autorennen auf kariertem Papier simuliert. Das war natürlich eine reine Bubenrunde. Woraufhin eine Klassenkollegin sich hineinreklamiert hat und gemeint hat, sie muss schon alleine deswegen mitfahren, weil es eine reine Bubenrunde ist. Womit sie rückblickend natürlich recht hatte. Und wir haben dann mit sehr viel Spott und Häme reagiert – sie ist auch nicht besonders gut gefahren. Ich allerdings auch nicht. Nachdem ihr die Anfeindung dann zu viel wurde, hat sie eine eigene Mädchengruppe namens „Feministische Fahrerinnengewerkschaft“ gegründet. Damals stoß mir das Wort Feminismus sehr sauer auf. Ansonsten hat das Wort für mich gar keine negative Konnotation.

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Maximilian Zirkowitsch spricht darüber, was Feminismus für Männer und RH5H bringt, und über Sexismus in der Flüchtlingsdebatte.

Welche Vorteile hat Feminismus Ihrer Meinung nach für Männer?

Ich glaub schon, dass Feminismus sehr viele Vorteile für Männer hat. Zum einen ermöglicht es natürlich auch Männern, ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität freier zu bestimmen. Wenn es um ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Würde geht, ist mir das als Mann oder Mensch nur möglich, wenn das alle haben. Meine Würde ist ja auch bedroht, wenn ich sehe, dass Menschen für einen Euro in der Stunde arbeiten müssen. Oder wenn andere Menschen Gewalt ausgesetzt sind und sich nicht frei im öffentlichen Raum bewegen können. Auf der anderen Seite: Als weißer Mann ist’s halt schon geil. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das ewig hält.

Das ist aber erfrischend, dass ein weißer Mann eingesteht, dass er Privilegien genießt.

Ich tu mir schwer mit dem Privilegien-Begriff in diesem Diskurs, weil das eigentlich Rechte sind, die allen zustehen. Nur weil ich keinen sexuellen Übergriffen ausgesetzt bin, oder weil ich abgesicherte Arbeitsverhältnisse hab, sind das keine Privilegien, sondern Rechte, die allen zur Verfügung stehen sollen. Deswegen glaube ich, dass es taktisch unklug ist, von Privilegien zu sprechen, weil man dann davon ausgeht, dass man jemandem etwas wegnimmt. Und ich will die Forderungen und den Diskurs nicht nach unten lizitieren. Ich muss mich nach dem richten, wo es hingehen soll. Und wenn ich davon ausgehe, dass der Feminismus auch Vorteile für Männer oder Cisgender-Menschen was bringt, dann muss ich annehmen, dass sie auch zu gewinnen, und nichts zu verlieren haben.

Guter Punkt.

Danke. (Sichtlich zufrieden lehnt sich Maximilian Zirkowitsch zurück und nimmt jene Haltung ein, die er später als Bundespräsidenten-Habitus bezeichnen wird).

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Wie kann Feminismus in RH5H aussehen?

Frauenrechte sollten als Querschnittsmaterie im Grätzel genauso umgesetzt werden wie auf Bundes- oder internationaler Ebene, und in allen Themenbereichen. Der 15. Bezirk ist übrigens der Bezirk mit dem geringsten Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen.

Woran liegt das?

Wir sind der ärmste Bezirk. Am Boden geht’s allen nicht so gut, Unterschiede differenzieren sich mehr nach oben hin aus. Da merkt man schon, dass auch Klasse noch eine Dimension der Ungleichheit ist. Es ist aber trotzdem schön damit anzugeben, dass wir im 15. die geringste Einkommensschere haben. Aber es gibt bei uns zum Beispiel auch das Sprungbrett, eine Beratungsstelle für Mädchen und junge Frauen zum Thema Berufswahl und Arbeitsmarktintegration. Die machen sehr gute Sachen.

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"Die Brille so zu halten, ist sehr männlich. Das ist schon immer so ein Phallus, den man den anderen ins Gesicht hält. Es ist arg, wie sie dann dran lutschen. Es gibt auch kaum Frauen, die das machen."

Nach den Vorfällen der Silvesternacht in Köln brach eine Diskussion darüber aus, ob es rassistisch wäre, in Fällen von sexualisierter Gewalt die Täterherkunft zu thematisieren, obwohl die stetig hohen Zahlen an häuslicher Gewalt nicht in die Debatte miteinbezogen werden. Wie stehen Sie dazu?

Es ist wichtig für Medien Gewalt gegen Frauen zu thematisieren, und als das zu thematisieren, was sie ist, nämlich Gewalt gegen Frauen. Und das ist eine andere Form von Gewalt als Gewalt unter Männern oder strukturelle Gewalt. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen. Und in dem Moment, wo der Fokus auf etwas anderes gelegt wird, wie den Hintergrund der Täter, lenkt das vom Thema ab. Der Hintergrund bezieht sich auch fast nie auf materiellen oder Bildungshintergrund, sondern man reproduziert immer dieselbe Kategorie. Das macht die Debatte über sexistische und sexualisierte Gewalt zu einer Debatte über „Integration“, über Assimilierungszwang und fehlende soziale Mobilität. Das ist im Kern sexistisch und antifeministisch, dem Aspekt sein Alleinstellungsmerkmal zu nehmen. Das ist wie wenn man ein Frauenministerium macht und dann Bildung dazu gibt. Ein Thema, bei dem man sich seit Jahrzehnten die Zähne ausbeißt.

Braucht es Frauenquoten in der Politik?

Ja, ich glaub schon. In der SPÖ würd‘s schon reichen, wenn man sich an die eigenen Beschlüsse halten würde. Als die Quote beschlossen wurde, hat man zum Teil einfach Gremien erweitert. Da wurde dann von 10 Personen auf 14 aufgestockt, um auf die 40-prozentige Frauenquote zu kommen. Damit die Männer drinnen bleiben können. Quoten sind nicht nur deswegen sinnvoll, damit Frauen auch abgebildet sind und in Entscheidungsprozesse miteinbezogen werden, sondern auch, weil eine Partei dann gefordert ist, sich um Frauen zu bemühen und weibliche Mitglieder zu suchen und aufzubauen. Man hört ja immer wieder „Wir können keine Quote umsetzen, weil wir haben die Frauen einfach nicht“. Dann muss man sie halt suchen.

Quoten in öffentlichen Unternehmen und der Privatwirtschaft gehen natürlich allen zu weit, das ist ein bisschen feig. Aber eine demokratische Gesellschaft darf verlangen, alle Lebensbereiche demokratisch zu gestalten, und da sind Quoten ein Mittel der Wahl. Es gibt ja auch Leute, die kein Problem damit haben, dass es eine Höchstbeitragsgrundlage gibt, das ist ja auch eine Quote, dass man ab einer gewissen Höhe einfach nicht mehr mehr Sozialversicherungsabgabe zahlt.

Warum wäre Maximilian Zirkowitsch ein guter Bundespräsident?

Ich würde dem Amt die Würde zurückgeben. Und das Wochenendhaus in der Steiermark mehr nützen. Sehr viele Orden verleihen. Die Österreicher brauchen ja so einen Landesvater, mit Bundespräsidenten-Habitus, das könnt ich schon gut. Ich würd auch mehr Fernsehansprachen halten.

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