Als ich mich in den polnischen Tanzabend verirrte

Unser Kollege Ljubiša geht einmal im Monat „auf Lepschi“ und schaut sich an, wie vielfältig in Wien gelebt und gefeiert wird. Diesmal war er beim Paartanz-Abend mit der polnischen Community im Club Utopia.


Der Club Utopia schreibt sich eigentlich mit einer großen glitzernden Diskokugel an der Stelle des Buchstaben "O". Der Club Utopia ist nämlich das Party-Zentrum der polnischen Community. Mitten in Meidling, in einem Bürohaus, gegenüber einer Tankstelle. Und obwohl ich jahrelang praktisch ums Eck gewohnt habe (und trotz des "O"s) hab ich mich nie ins Utopia hineingetraut. Dicke Eisentüren mit Türstehern, die als Jean-Claude-Van-Damme-Doubles durchgehen könnten, haben so eine Wirkung auf mich. Aber heute ist es anders. Denn seit ich erfahren habe, dass es hier jeden Sonntag ab 18 Uhr einen Tanzabend mit polnischer Livemusik gibt, hat sich meine Meinung geändert.

Biała noc

Am frühen Sonntagabend schlüpfe ich in mein schönstes schwarzes Hemd und die Schuhe, die ich sonst nur auf Hochzeiten trage, und hoffe, dass ich auch ohne Polnischkenntnisse reingelassen werde. Es scheint zu funktionieren, Jean-Claude Van Damme hält mir anstandslos die Tür auf. Drinnen der Schock: Alle tragen leuchtendes Weiß. „Biała noc“ prangt es groß auf einem Poster vor der Garderobe. Weiße Nacht. Aber scheinbar stört es niemanden, dass ich den Dresscode breche. Das Publikum schert sich nicht um so was. Es ist großteils Ü40 bis Ü50, trägt bequeme weiße Kleidung und will vor allem eines: tanzen und Musik aus der guten alten Zeit hören. Die Playlist besteht daher hauptsächlich aus polnischen Oldies, die vom musikalischen Duo Uschi & Sascha dargeboten werden.

Zwei Profis am Werk. Uschi & Sascha haben auch eine 60s-Show und Elvis-Imitationen im Programm.

Vier-Viertel-Seligkeit

An der Bar hole ich mir einen Aperol-Spritzer mit einem kessen blinkenden Eiswürfel und komme mit absoluter Zielsicherheit mit dem auffälligsten Typen des Abends ins Gespräch: weißer Hut, weiße Sonnenbrille, halblange, wuschelige Haare. Pawel ist Ende 40, lebt seit 20 Jahren hier und war früher Schallplattenhändler in Warschau. In Wien verlegt er Bodenplatten. „Ich komme nur weil man hier polnische Musik hören kann“, sagt er, während er seinen Fruchtsaft trinkt. Pawels Verhältnis zu den Liedern, die hier gespielt werden, ist leidenschaftlich: „Diese Musik ist eine Scheiße“, schimpft er, wenn ihm ein (meist neueres) Lied nicht gefällt. Nur um vier Minuten ­später auf die Tanzfläche zu poltern: „Das ist gute Musik!“

Überhaupt wird hier durchgehend ­getanzt. Texte werden mitgesungen. Lachende Gesichter, Arme in der Luft. Auch ich fange an zu lächeln und mitzunicken. Der Eiswürfel in meinem Aperol-Spritzer blinkt vor sich hin. Um mich herum Menschen, die meiner Elterngeneration angehören, alle in Weiß, alle fröhlich, entspannt. Der Viervierteltakt erzeugt für ein paar Stunden eine heile Welt, mit den Hits der Jugend und der alten Heimat. Ja, eine schöne Utopie.

Mehr Lepschi? Ich habe mit der Asia-Community gefeiert und folgendes gelernt.

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