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Wozu lernen wir und vor allem wie? Leistungsdruck, Versagensangst, Konsumflucht, künstliche Gleichschaltung. Steckt unser Bildungs-System noch in den Kinderschuhen und zwar in den falschen? Erwin Wagenhofer und sein Team von Bildungsavantgardisten zeigt neue Wege auf.

In der Schule läuft's nicht immer rund. Zumindest nicht für jeden. Wer reüssieren will, muss sich erst einmal den Rahmenbedingungen fügen, dem Leistungsdenken anpassen und den Konkurrenzdruck standhalten. Wie viel unwiederbringliches Potential geht beim vom Schulsystem verordneten Prozess der Inhalte-Aneignung verloren?

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Es geht auch anders, zeigt Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer. Er stellt Menschen wie den 42-jährigen Musiker und Freibildungsexperten André Stern vor, die nie eine Schule von innen gesehen hat und trotzdem oder gerade deswegen über enormes Wissen und ein noch größeres Kreativpotential verfügt. Seine kindliche Neugier, mit der sich André Stern selbst fünf Fremdsprachen hat, ist ihm bis heute erhalten.

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Vom anderen Stern

Rahmenbedingungen für die Entwicklung und freie geistige Entfaltung seines Sohnes hat er erfunden: Arno Stern, Jahrgang 1924. Sein Sohn André durfte die Welt frei von schulische Zwängen und „ismen" selbst erkunden. Vertrauen war und ist die Basis dieser Beziehung. Der in Kassel geborene und nach Paris emigrierte Pädagoge hat vor mehr als 60 Jahren damit begonnen, Kindern und Erwachsenen im von ihm erfundenen „Malort" (einer Art Malschule) einen Platz für ihre Fantasie zu einzuräumen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus dieser schöpferischen Arbeit sind dennoch bitter: Die Kreativität der Kinder nimmt ab, die Flucht in Konsumwelten zu.

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PISA-Pain

Schmerzhaft mitanzusehen sind auch die Einblicke in das Bildungssystem von "PISA-Musterschüler" China. Schüler und Schülerinnen quälen sich vom Morgengrauen bis in die tiefe Nacht mit Lernaufgaben um in einem Bildungskrieg gegen ihre Mitstreiter zu bestehen. Ihre Eltern, die für die enormen Kosten dieser Schul- und Weiterbildungsmaschinerie aufkommen müssen, bekommen sie gar nicht mehr zu Gesicht und Zeit zum Spielen in der realen Welt gibt es keine.

„Mehr vom Alten wollen wir nicht" sind sich Wagenhofers Experten, darunter auch der Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther oder Thomas Sattelberger, Ex-Personalvorstand der Deutschen Telekom, einig „Reformieren kann man unser veraltetes Bildungssystem nicht mehr. Wir müssen es vollkommen neu gestalten!" Ein Ansatz, der so radikal ist, dass er niemanden kalt lässt.

Das Bildungssystem zu kritisieren ist leicht und spielt direkt in die Herzen vieler unzufriedener Eltern. Die brennende Frage, ob der Nachwuchs entsprechend seiner Fähigkeiten gefördert wird, begleitet kritische Eltern nämlich von Schulein- bis Schulaustritt.
Auf den ersten Blick wirken die Lösungsansätze von Erwin Wagenhofer und seinem Team radikal und gleichzeitig romantisierend. Ein besseres Leben ohne Schule?
Eltern, die Rahmenbedingungen schaffen, in denen sich das Kind vollkommen entfalten kann, bedeuten nicht nur eine Abkehr von der Institution Schule, sondern eine radikale Änderung der bisherigen, familiären Lebensumstände. Lohnt es sich, darüber nachzudenken? Auf jeden Fall.

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