"Alpha-Gehabe hat viel mit Übergriffen auf Frauen und Mädchen zu tun"

Unter dem Hashtag #metoo wurden in den letzten Monaten tausende Fälle von sexueller Gewalt publik. Wir haben mit dem Psychologen Romeo Bissuti über Männlichkeit und Gewalt gesprochen.

Unzählige Erfahrungsberichte über sexuelle Gewalt gingen im vergangenen Monat durchs Netz. Wir haben mit dem Psychologen und Leiter des Zentrums Romeo Bissuti darüber gesprochen, was Männlichkeit mit #metoo zu tun hat.

In den letzten Wochen wurde im Zuge von #metoo viel über sexuelle Gewalt diskutiert. Warum werden Machtverhältnisse vor allem von Männern noch immer so stark ausgenutzt?

Romeo Bissuti: Dabei spielen Männlichkeitsbilder die größte Rolle. Es herrscht leider noch immer die Idealvorstellung einer sehr dominanten Männlichkeit, die Alpha Männlichkeit. Je eher Burschen diesem Bild nachlaufen, und sich darin bestätigt fühlen, desto gefährlicher wird es und es kommt zu Übergriffen. Viele leiden aber unter dem Druck, so einem Männlichkeitsbild entsprechen zu müssen.

Was braucht es, um Buben bereits in jungem Alter beizubringen, dass die Ausübung von Gewalt nicht zum "Mannsein" dazu gehört?

Hier darf man natürlich nicht alle Männer als gewalttätig abstempeln, trotzdem hat das Alpha-Gehabe viel mit Übergriffen auf Frauen und Mädchen zu tun. Oft werden solche Straftaten von Männern begangen, die sich von der Emanzipation bedroht fühlen. Solche Muster wollen wir aufbrechen und das versuchen wir mit Aufklärung, Beratung und Workshops. Wir bieten diese auch in Schulen an, wo sich schon Buben mit dem Thema auseinandersetzen können. Das ist sehr wichtig.

Generell nehmen Männer aber eher seltener psychologische Hilfe in Anspruch als Frauen. Wie nehmen Sie das wahr?

Ich glaube, dass diese Tatsache auch am Männlichkeitsbild liegt. Wir suchen deshalb Männer gezielt auf. Wohnungslose zum Beispiel. Auch sie sind von Gewalt betroffen. Ich habe während meiner Arbeit keinen Mann getroffen, der noch nie Gewalt erfahren hat. Viele Männer verarbeiten diese Art von "Schwäche" in Folge eines Gewalt-Erlebnisses wieder in Gewaltausübung, um nie wieder in der Opferrolle zu sein. Die Männer landen dann aber leider seltener bei einem Therapeuten, als bei der Polizei.

Was Männer tun können ist zuhören, Verständnis und Solidarität zeigen.
Romeo Bissuti

Jetzt kritisieren ja viele an der Debatte, dass sie sich nicht mehr sicher sind, was sie noch sagen und tun dürfen...

Unser Ratschlag ist immer: Frauen und Männer haben die gleichen Rechte. Frauen wollen und sollen auf Augenhöhe behandelt werden und ernst genommen werden. So einfach ist die Regel. Und um an #metoo anzuschließen, ich glaube aber auch, dass die Diskussion teilweise vom eigentlichen Thema ablenkt. Denn das eigentliche Thema ist sexuelle Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz. Da geht es um massive sexuelle Übergriffe. Das sind keine Flirtversuche.

Gibt es auch Männer, die freiwillig zu Ihnen kommen, weil sie gewalttätig geworden sind?

Dieses Schwerpunktthema hat die Wiener Männerberatung, eine Bruderorganisation des MEN, in der ich auch Mitglied bin. Dort liegt der Schwerpunkt auf Gewaltarbeit in verschiedenen Altersgruppen. Was Gewalt in Partnerschaften betrifft, kommen die meisten Männer nicht freiwillig. Ungefähr ein Drittel kommt freiwillig, der Rest kommt über die Zuweisung vom Gericht oder über das Jugendamt. Diese Teilnehmer sind oft nicht sehr motiviert, aber es verbessert sich meist im Laufe der gemeinsamen Arbeit. Wenn jedoch noch eine Suchterkrankung im Vordergrund steht, ist das Arbeiten sehr schwierig. Aber wir setzen alles daran, dass die nächste Gewalttat verhindert werden kann.

Was können Männer tun?

Was Männer tun können ist zuhören, Verständnis und Solidarität zeigen.

Was sollte sich Ihrer Meinung nach 2018 verändern?

Mehr Männer, die bewusst eine geschlechterdemokratische Haltung zeigen. Und dass ein vielfältiges Männerbild das dominante Alphamännchen endlich ablöst.

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