Alma: „Wenn dir ein alter weißer Mann sagt, wie du was zu tun hast, mach das Gegenteil!“

Die Pop-Industrie hat zwar ein progressives Image, ist aber geprägt von sexistischen Strukturen – auch für Pop-Größen wie Alma, die mit Chasing Highs die Charts stürmte. Im Interview spricht sie offen über den ewigen Kampf, nicht ernst genommen und stattdessen auf die Optik reduziert zu werden.

Alma

Sexismus? Gibt’s in vielen Bereichen, aber doch nicht in der progressiven Pop-Industrie, möchte man meinen. Schließlich tummeln sich doch mit Beyoncé, Taylor Swift, Selena Gomez & Co. mindestens genauso viele (normschöne!) Frauen wie Männer in den ganz hohen Kreisen der Popmusik. Tatsächlich zeigen Statistiken aber: Im Kern ist die Pop-Industrie noch ein Boys‘ Club. Ja, auch bei den ganz Großen.

2013 nimmt Alma an einer finnischen Castingshow teil, wird Fünfte. 2017 dann der Durchbruch mit der Nummer Chasing Highs, die im Radio auf und ab lief. Heute füllt sie riesige Konzerthallen, ist auf den Line-ups der ganz großen Festivals zu finden, arbeitetet mit Künstlerinnen wie Charli XCX – und fühlt sich innerhalb der Branche noch immer nicht ernst genommen und auf ihr Äußeres reduziert. Warum hat die scheinbar so progressive Musikbranche 2019 noch immer ein Problem mit Frauen abseits der Norm?

WIENERIN: Alma, wenn man sich Zahlen zur Sichtbarkeit von Frauen in der Musikbranche ansieht, könnte man kurz vergessen, dass wir im Jahr 2019 leben. Geht’s dir auch so?

Alma: (lacht) Ja, es ist absurd, oder? Männer bekommen in dieser Branche einfach so viel mehr Chancen als Frauen. Ich merke das sogar in meinem Heimatland Finnland: Es ist verrückt zu sehen, wie männliche Rapper Plattenverträge bekommen. Jede verdammte Woche wird wer gesigned. Ich habe ein paar weibliche Freundinnen, die rappen und ich sehe, wie viel schwieriger sie es haben. In der Pop-Industrie ist es ein biiiisschen besser, aber im Hip Hop ist es einfach nur fucked up.

Naja, Statistiken zufolge haben es im Pop auch nur normschöne Frauen leichter. Fühlst du dich manchmal auf deine Optik reduziert?

Ja, ja natürlich. Weißt du, ich bin wie ich bin und ich sehe aus wie ich nunmal aussehe. Also das Level, das ich erreichen kann in der Pop-Industrie ist dadurch von vornherein schonmal grundsätzlich eingeschränkt. Ich werde nie in der ganz großen Liga mitspielen können. Ich werde nie auf einem Rihanna-Level sein können. Ich persönlich will das auch gar nicht sein, aber für Menschen, die aussehen wie ich und das gerne würden, denk ich mir: Das ist scheiße! Das ist einfach nicht cool.

Es ist ernüchternd, aber: Es wird auch ein wenig besser. Langsam, aber doch. Was nicht heißt, dass die Musikindustrie nicht trotzdem noch ein sexistischer Haufen Scheiße ist.

(lacht) Diese Aussage fühle ich sehr. Die ganze Welt ist ein sexistischer Haufen Scheiße, aber die Musik ganz besonders, bzw. immer die Bereiche, in denen Geld eine Rolle spielen. Schuld sind die Entscheidungsträger. Wären mehr Frauen in Positionen von Entscheidungsträgerinnen, würde die Welt ganz anders aussehen.

Ich bin wie ich bin und ich sehe aus wie ich nunmal aussehe. Das Level, das ich erreichen kann in der Pop-Industrie ist dadurch von vornherein schonmal grundsätzlich eingeschränkt.

von Alma

Und bis es so weit ist: Wie können weibliche Acts mehr gehört werden?

Ich glaube, jede weibliche Person in diesem Business fühlt sich nicht genug gehört. Umso wichtiger ist Sichtbarkeit, sprich: Vorbilder zu haben. Für mich waren bzw. sind das Frauen wie Amy Winehouse oder Lady Gaga. Ich mochte schon immer Künstlerinnen, die Grenzen sprengen, die Welt verändern und sich Gehör verschaffen.

Wie verschaffst du dir in dieser männerdominierten Branche Gehör?

Ich glaube, ich verändere schon einfach dadurch, dass ich ich selbst bin. Menschen verstehen immer mehr, dass sie nicht mit mir diskutieren brauchen, ob ich mich für diesen oder jenen Song oder Auftritt nicht ein bisschen verändern kann, weil sie wissen: Ich passe mich nicht an.
Ich bin aber auch überzeugt davon, dass Endkonsument*innen reflektieren sollten und sich fragen müssen: Welchen Artist klicke ich bei Spotify als nächstes an? Klicken wir immer nur auf die Top50 oder wollen wir Veränderung sehen?

Apropos Gehör verschaffen: Du hast einem polnischen Radiosender ein Interview gegeben und offen deine Standpunkte zu Abtreibung und Frauenrechte dargelegt. Findest du, Musiker*innen mit großer Strahlkraft haben auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe?

Ich bin davon überzeugt. Nicht viele Künstler*innen reden über politisches Geschehen. Ich bin auch viel in Amerika unterwegs, habe viele amerikanische Freund*innen. Mit Trump und so sieht man: In der Welt läuft so viel falsch. Und ich habe erkannt, dass ich die Macht habe, mit meinen Fans über sowas zu sprechen. Viele machen das nicht, aber ich denke mir: Nimm nicht nur das Geld und den Fame, sondern nutz verdammt nochmal auch deine Stimme. Fucking do it!

Gibt es etwas, das du jungen Künstlerinnen – oder auch deinem jüngeren Ich – gerne sagen würdest?

Ja: Nimm dir Zeit. Wenn du in deinem Herzen weißt, dass du am richtigen Weg bist, dann mach dein Ding einfach immer weiter. Und, ganz wichtig: Wenn dir ein alter Mann sagen will, wie du was zu machen hast, mach das komplette Gegenteil davon.

Man hört es schon heraus: Du bist also dabei, wenn wir das Patriarchat anzünden?

Sowas von fix! Count me in!

 

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