Alles, was ich sehe, sind Männer im Anzug

Es war ein durchaus nicht ungewöhnliches Bild, das der ORF anlässlich der Wahlberichterstattung zur Wahl in Niederösterreich am Sonntagabend bot: Weiße Männer in Anzügen diskutierten mit weißen Männern in Anzügen über vergangene und zukünftige Entscheidungen von ... ja, richtig geraten: weißen Männern in Anzügen.

Keine Frage, ein gewisses Ungleichgewicht in der österreichischen Politik, was den Männer- und Frauenanteil betrifft, sind wir ja schon gewohnt, aber muss man dieses im ORF derart zelebrieren? Die gestrige Wahlberichterstattung ließ jedenfalls darauf schließen. Bemühungen seitens des öffentlich-rechtlichen Senders, zumindest ein paar Frauen zu Wort kommen zu lassen, suchte man vergeblich. Eine Spurensuche...

Wo sind die Frauen hin?

Die Sendung begann am Sonntagabend wie gewohnt um 17:00 mit einer ausgedehnten ZIB Spezial. Die einleitenden Worte sprach ZIB-Moderator Rainer Hazivar, neben ihm nahm Hans Bürger, Leiter des Innenpolitik-Ressorts, Platz.

Es folgte ein Schwenk auf Robert Ziegler, Chefredakteur des ORF-Landesstudios in Niederösterreich, der nach einigen einleitenden Sätzen das Wort an Polit-Wissenschafts-Guru Peter "Filzi" Filzmayer weitergab, bevor Ziegler gemeinsam mit Christoph Hofinger vom Umfrageinstitut SORA die erste Hochrechnung an diesem Abend analysierte.

Soweit, so männlich

Nach exakt zehn Minuten und zehn Sekunden und fünf verschiedenen Männern am Fernsehbildschirm, tauchte endlich die erste Frau im TV auf - Moderatorin Claudia Schubert leitete zum LIVE-Stimmungsbericht direkt aus den Parteizentralen über. (Huch, es gibt es also doch, das weibliche Geschlecht!)

Die LIVE-Schaltungen übernahmen schließlich drei Männer bei den Großparteien (Gernot Rohrhofer bei der ÖVP, Christian Postl bei der SPÖ, Benedikt Fuchs bei der FPÖ) und zwei Frauen bei den kleineren Parteien (Margit Laufer bei den Grünen, Katharina Sunk bei den Neos).

Anschließend kam es zum ersten großen Schaulaufen der Anzugträger. Das erste "All-Male-Panel" übernahmen die Landesgeschäftsführer der jeweiligen niederösterreichischen Parteien (Bernhard Ebner, ÖVP, Reinhard Hundsmüller, SPÖ, Christian Hafenecker, FPÖ, Hikmet Arslan, Die Grünen) sowie der NEOS-Nationalratsabgeordnete Nikolaus Scherak. Moderiert wurde erneut von Robert Ziegler.

Kurz darauf "Male Panel"-Nummer zwei, diesmal mit den Bundesgeschäftsführern. Wieder war es ein Mann, der die Moderation der illustren Runde übernahm, wieder war die Runde zu 100% männlich:

Karl Nehammer (Generalsekretär ÖVP), nahm neben Max Lercher (Bundesgeschäftsführer SPÖ), Harald Vilimsky (Generalsekretär FPÖ), Nikola Donig (Generalsekretär NEOS) und Werner Kogler (Bundessprecher Die Grünen) Stellung.

Auch die fortlaufenden Analysen der Wahlergebnisse übernahm schließlich ein männlicher Moderator: Werner Fetz.

...bevor es in weiterer Folge zu den Presse-Stimmen ging. Hier waren, wie könnte es anders sein, wieder zwei männliche Journalisten geladen: Martin Gebhart vom Kurier und Rainer Nowak von der Presse diskutierten unter der Leitung von Robert Ziegler über das Wahlergebnis.

Zum Abschluss dann zumindest ein etwas versönlicheres Bild. Unter den SpitzenkandidatInnen der angetretenen Parteien waren mit Johanna Mikl-Leitner, Indra Collini und Helga Krismer gleich drei Frauen am Stehpodium vertreten - es wird das einzige Mal an diesem Wahlabend gewesen sein, dass die Hälfte der am Bildschirm zu sehenden Personen Frauen waren.

Ein Armutszeugnis

Natürlich muss man an dieser Stelle eines festhalten: Viele der anwesenden Männer wären aufgrund ihrer beruflichen Positionen und Kompetenzen an diesem Abend kaum austauschbar gewesen, an einigen Punkten hätte der ORF aber in jedem Fall besser hinsehen können - und müssen. Die Unterrepräsentation von Frauen in Film und Fernsehen ist ein grundsätzliches Problem, das dringender Änderung bedarf - nicht nur in Österreich, nicht nur im ORF.

Eine Studie von Schauspielerin Maria Furtwängler und der Universität Rostock über die Darstellung von Frauen in audiovisuellen Medien stellte eine eindeutige Misrepräsentation von Frauen in der deutschsprachigen Film- und TV-Welt fest (WIENERIN.at berichtete). Die Ergebnisse der Studie lassen Erinnerungen an den gestrigen Wahlabend hochkommen: Auf eine Frau kamen laut Studie zwei Männer im TV, ab einem Alter von 35 werden Frauen immer weniger gezeigt, Männer (in Form von Moderatoren, Sprechern und Experten) erklären - vor allem in der TV-Information - die Welt.

Ähnlich sieht das Politik-und Medienanalytikerin Maria Pernegger, die im WIENERIN-Talk strukturelle und fördertechnische Gründe für die fehlende Repräsentation, gerade auch in der Politik, sieht. "Hier werden Männer vielmehr gepusht. Politikkarrieren von Frauen sind auch heute oft nur möglich, wenn diese einflussreiche Schirmherren haben".

Dabei ist das Fehlen der Frauen weder mit einem Mangel an AbsolventInnen von Ausbildungen im Kommunikationsbereich zu erklären (dieser ist seit Jahren stark weiblich geprägt). Auch das Argument fehlender Expertinnen ("die traun sie ned"), lässt sich schnell widerlegen: Auf Seiten wiewomen-speaker-foundation.de und speakerinnen.org findet man problemlos kompetente weibliche Gäste für Podien und Diskussionen, die auch gerne im TV sprechen.

Die Twitterseite "Wie viele Frauen" hat sich dem Thema "All-Male-Panels" übrigens auf humorvolle Weise genähert und stellt dort die fehlende Repräsentation von Frauen zur Schau, um Bewusstsein dafür zu schaffen.

... und die MigrantInnen?

Dass es im Jahr 2018 (!) immer noch möglich ist, minutenlang ausschließlich eine einzige, homogene Bevölkerungsgruppe (die in keinster Weise repräsentativ für die in Österreich lebenden Menschen steht), offenbar ohne Hinterfragen zu zeigen, ist ein Armutszeugnis - für die österreichische Politik und den ORF.

Gerade der ORF hat eine öffentliche Funktion zu erfüllen und die gezeigten Bilder haben, direkt und indirekt Auswirkungen auf die RezipientInnen und eine immense Vorbildwirkung - gerade auf junge Leute. Speziell, was die Repräsentation von MigrantInnen betrifft, muss man an diesem Abend auf einen noch bescheideneren Durchschnitt zurückblicken, als bei den Frauen. Auch in dieser Frage wird man sich beim ORF in Zukunft verantworten müssen - immerhin leben 1,8 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Österreich, das sind 21 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Alte Strukturen zu brechen, neue Formate und Repräsentationsflächen zu schaffen ist nichts, das einfach ist, keine Frage. Aber es ist von einem Sender, dessen Legitimation im öffentlichen Interesse liegt, zu erwarten, dass diese Konzepte auch vorhanden sind! Die ORF-interne Task-Force "Frauen im ORF", die seit zehn Jahren versucht "Frauen nicht nur eine Lobby zu verschaffen und sie zu vernetzen, sondern sie auch ganz konkret zu fördern", ist ein wichtiger Schritt - aber offenbar noch lange nicht genug.

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