Alles Voodoo oder was?

Bitterböse, tiefgründig, morbid: Die Songs von Voodoo Jürgens erzählen Geschichten aus der Schattenwelt und strotzen dabei nur so vor Leben. Ist er der neue Heilsbringer des Austropop?

Da steht er an der Bar. Mitten im Gewühl. Wie ein zufälliger Zaungast, scheinbar unbeteiligt, in entspannter Erwartungshaltung. Wo man hier Karten fürs Konzert bekommt, weiß er nicht. Der billige Anzug ist schräg, die Haare hängen ins verschwitzte Gesicht, die Reindl-Frisur sieht so aus, als sei sie unbeholfen mit der Nagelschere nachgeschnitten worden, der Hut ist auf. Fast schüchtern murmelt er seine Bestellung in Richtung Bedienung. Der erstaunlich schnell servierte Kaiserspritzer geht aufs Haus. Keiner ahnt, dass der Mann mit dem nachlässig gestutzten Schnauzer der Star des Abends ist. Es ist ein heißer Abend Anfang Juni. Der G'schupfte Ferdl ist brechend voll. Wer hierher in den Stadtheurigen gekommen ist, wartet auf ihn: den Zauberer, der seine Jünger mit seinen frechen G'stanzeln aus der Unterwelt musikalisch von der Last ihres politisch korrekten Alltags erlöst, den Heilsbringer der ungeschminkten Wahrheit, den goscherten Geschichtenerzähler aus dem Bauch der Stadt: Mr. Voodoo Jürgens. Applaus, bitte!

Wiegenlied für eine Leiche

Die Ende Mai 2016 veröffentlichte Debütsingle Heite grob ma Tote aus schießt bereits im Juni in den FM4-Charts von null auf Platz 4. Der morbide Ohrwaschlkreula trifft den Nerv der Zeit: Die Welt steht gerade kopf, Recht und Ordnung sind zu einer Farce verkommen; Politiker, Institutionen und Regierungen haben enttäuscht, weil sie sprichwörtlich Leichen im Keller stapeln. Die Apokalypse ist die Geburtsstunde einer Kunstfigur wie der von Voodoo Jürgens: Wie einst der heilige Augustin springt er mit breitem Grinsen aus der Pestgrube, schwingt den Taktstock und stimmt rechtzeitig zum Weltuntergang ein schaurigschönes Liedchen an. Der Text zu Heite grob ma Tote aus ist dem Künstler bei einem seiner zahlreichen Spaziergänge auf einer Parkbank im Wiener Prater eingefallen, einem rauschigen Milieu, in dem dem Liedermacher seine Songideen quasi volltrunken auf zwei Beinen entgegenlaufen oder -torkeln. Später, Ende Juli, beim Auftakt zum Popfest am Wiener Karlsplatz, wird er augenzwinkernd behaupten, Heite grob ma Tote aus sei nur rein metaphorisch gemeint gewesen, eine Nummer, die lediglich zum Perspektivenwechsel, aber keinesfalls zur Leichenschändung animieren soll. Wir sind uns da aber nicht ganz so sicher. Schließlich hat Voodoo Jürgens tatsächlich auch einmal auf einem Friedhof gearbeitet.

Scho wieda auf Lepschi

Gezeugt wurde er der Legende nach im Liebesrausch der in Afrika urlaubenden Eltern. Eine Zuckerbäckerlehre hat er abgebrochen. Musikalisch ist Voodoo Jürgens jedenfalls nicht auf der Nudelsuppe dahergeschwommen: Zehn Jahre lang tingelte der heute 32-Jährige als Frontman der österreichischen Indierock-Formation Die Eternias auf kleinen Bühnen durch die Kleinkunstszene. Gesungen wurde auf Englisch, getanzt in hautengen Harlekin-Kostümen. Der Spaß war da, der Erfolg nicht. Unter dem Pseudonym Wildcats Dave trat Voodoo noch im März 2016 in der Wiener Stadthalle im Vorprogramm der britischen Skandalband The Libertines auf. Seit 2006 verbindet den Musiker eine Freundschaft mit Libertines-Frontman Pete Doherty. Voodoo Jürgens hat eine ganze Menge verschiedener Bühnenpersonas und Alter Egos, die er je nach Wunsch und Laune zum Leben erweckt. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass sein Musikgeschmack so "ziemlich gemischt ist": Er liebt Schnulzen aus den 1950er-und 1960er-Jahren, Nummern des Free-Jazz-Pioniers Ornette Coleman, Folk und natürlich Bob Dylan. Das Spiel mit künstlerischen Identitäten, Musikstilen und experimentellen Freiheiten spiegelt auch Voodoos privates Umfeld wider, Künstler, die den Hype um ihre Person nicht ganz so ernst nehmen: Mit Wanda-Frontman Marco ist er verhabert, mit der sprachgewaltigen Schriftstellerin Stefanie Sargnagel befreundet und mit der bildenden Künstlerin Michelle Karussell liiert.

Vom Mundwerk zu Mundart

Inzwischen hat das Wienerische ganz von Voodoo Besitz ergriffen, oder umgekehrt. Alle Teilpersönlichkeiten haben Pause. "Die Figur bin i in dem Zusammenhang, aber wer i sonst bin, is ja ziemlich Blunzn. Es geht bei der G'schicht (Anmerkung: gemeint ist die Musik von Voodoo Jürgens) net um Dialekt oder um die Musikrichtung. Es ist halt eine G'schicht, die sagt einem zua oder net."

Bisher ist das Echo auf die im Wiener Dialekt vorgetragene Voodoo-Musik überwältigend. Und zwar flächendeckend von Döbling bis Favoriten. Das Anfang Oktober erscheinende Debüt-Soloalbum mit dem Titel Ansa Woar (Hoanzl, CD, LP, Download) ist in nur drei arbeitsintensiven Monaten entstanden. Mit sprachlicher Präzision und emotionaler Wucht zeichnet der Liedermacher tragisch-komische Bilder von Verlierern, gestrandeten Existenzen und unglücklich Verliebten. Wenn einem bei den Live-Konzerten die längst in Vergessenheit geratenen und kaum mehr gebräuchlichen Urwiener Wuchteln wie Stereowatschen um die Ohren fliegen, weht ein Hauch von Nostalgie durch die Voodoo-Songs, wie bei einer alten Folge der Kult-Krimiserie Kottan ermittelt.

Hype, Hysterie, Voodoo-Manie

Der Anteil von Musik aus Österreich im ORF-Radio stieg 2015 auf 21,15 Prozent (Quelle: AKM-Sendezeitstatistik 2015), 2007 waren es im Vergleich magere 16,4 Prozent. Befinden wir uns mitten in einem Austropop-Hype oder erlebt Dialektmusik aus Österreich gerade ein Revival?"Zweimal nein", sagt Stefan Redelsteiner, Chef der Redelsteiner genannten Künstleragentur. "Der große Hype betrifft eher die vergangenen zwei Jahre. Jetzt normalisiert sich's eher langsam wieder. Was bleibt, ist die Qualität - allen voran z. B. die von Wanda -, nachdem die übertriebene Hysterie abgeebbt ist, was es für neu hinzukommende Qualitäts-Acts wie eben auch Voodoo Jürgens natürlich vereinfacht, auf sich aufmerksam zu machen, da die Spreu nun vom Weizen getrennt wird."

Auge in Auge mit dem Voolkan

Zum WIENERIN-Interview im Café Weidinger erscheint der Meister in gewohnt chilligem Outfit, einem knallbunt bedruckten Hemd, seinem Markenzeichen, dem Silberketterl, unrasiert, ausnahmsweise ohne Oberlippenbart. Unsere Vision des vom Gram gebeutelten, melancholischen Fürsten der Finsternis, dem original Wiener Strizzi oder dem Vorstadtcasanova ertränken wir schnell in einer Tasse zuckerfreiem Kaffee. Aber noch bevor wir in Erfahrung bringen können, was es mit der legendären Reindl-Frisur (Originalzitat: "Die Stirnfransen? Die beste Frisur, die ich je hatte!") auf sich hat, wird das Interview durch einen Anruf kurz unterbrochen. "Tschuldigung. Hello? Ja, können wir machen. Paaasst. Ja, na, i bin eh schon in Schale. Beim wo? Okay!" Soeben hat sich Voodoo Jürgens mit dem Fotografen einer großen Tageszeitung zu einem "größeren Modeshooting" verabredet. Besagtes Hemd genügt Voodoo als modisches Statement. "Mode finde ich einfach nur lustig. Viele Leute nehmen das viel zu ernst. Man kann Mode auch mit einem Augenzwinkerer tragen. Ich kauf meine Sachen auf dem Flohmarkt oder secondhand. Ein anderer findet's grottenhässlich, deswegen find ich's wieder gut."

Auch dem Kult um seine Person begegnet er mit einem Augenzwinkern. Der neue Messias des Austropop möchte er jedenfalls nicht sein. "Gegen das 'Austro' sträub i mi eh net. Aber mit 'Austropop' hab i eigentlich nix zu tun. Aber jedes Mal drüber aufpudeln muss i mi a net."



HAUTS EICH HER, SAMMA MEHR. Album-Release-Party am 7.10. im Wiener Flex. Tourdaten (Auszug): 8.11. Innsbruck, 9.11. Dornbirn, 18.11. Salzburg, 19.11. Graz, 21.11. Villach, 22.11. Linz. Mehr unter: redelsteiner.com/termine.

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