Alles außer Rassismus: Wie die Spuck-Attacke auf eine Muslima gerechtfertigt wird

Eine junge Österreicherin mit Hijab wird auf offener Straße von einer älteren Frau wüst beschimpft und bespuckt. Viele Reaktionen darauf verschweigen den Grund dafür: Rassismus gegen sichtbare MuslimInnen.

Du Hure. Du Schwein. Du Hund. Du primitives Tier. Am Samstagnachmittag beschimpft eine ältere Frau eine junge Österreicherin mit Kopftuch auf offener Straße. Sie ist massiv rassistisch, schreit ihre Beleidigungen laut heraus. Am Ende spuckt sie die Muslima an (WIENERIN berichtete).

Die Betroffene filmt mit, das Video wird in den sozialen Medien tausendfach geteilt. Viele Menschen sind entsetzt vom Ausmaß der Bedrohung und Beschimpfungen, denen sichtbare MuslimInnen hier ausgesetzt sind.

Türkis-blaue Regierungskoalition: Zwischen Verurteilung und Relativierung

Österreich ist gerade kein Safe Space für MuslimInnen. Zahlreich sind die Rückmeldungen auf das Video, sie alle berichten eines: Offenkundiger Rassismus ist Alltag. Die aktuelle Politik schaffe zusätzlich Sicherheit für Attacken dieser Art, sagt die Aktivistin Asma Aiad gegenüber der WIENERIN. Sie hat das Video des rassistischen Vorfalls an die Öffentlichkeit gebracht, die betroffene Frau ist eine ihrer Freundinnen. "Ich sehe die Regierungskoalition absolut in der Verantwortung. Solche Taten sind keine Ausnahme, sondern das, was die Regierung schlussendlich predigt", ist Aiad überzeugt.

Tatsächlich beruft sich die rassistische Frau im Video lautstark und mehrmals auf die Freiheitliche Partei Österreichs: "Die FPÖ schmeißt euch alle raus, die FPÖ schmeißt solche primitiven Tiere wie dich raus, du freches Schwein", schreit sie.

Dazu schweigt die Regierung erstmal. Bundeskanzler Sebastian Kurz"verurteilt" in den sozialen Medien die "widerliche Attacke" zwar zeitnah, zur namentlichen Nennung des Koalitionspartner verliert er aber kein Wort. Auf den Plattformen selbst reagieren die UserInnen recht unterschiedlich auf die Worte des Kanzlers: Auf Twitter wird Kurz vermehrt dazu aufgefordert, tatsächliche Maßnahmen gegen Hass und Hetze zu setzen, die besonders von der FPÖ ausgehen würden. Auf Facebook hingegen relativieren mehrere NutzerInnen den rassistischen Vorfall oder zweifeln gar die Echtheit des Videos an:

"Ist das überhaupt echt?" - Zweifel von rechts

So ähnlich reagiert auch der Koalitionspartner selbst: FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky spricht auf Twitter von einer "False Flag Aktion" der Linken im Vorfeld zur EU-Wahl. Er bezieht sich auf Spekulationen des nicht amtsführenden Wiener Stadtrates Maximilian Krauss (ebenfalls FPÖ).

Für Asma Aiad sind diese Spekulationen unverantwortlich: "Man sieht ganz genau, wie geschockt selbst die PassantInnen reagieren. Statt solche Situationen klein zu reden, sollten wir zugeben, dass wir ein Problem mit Rassismus haben."

ZARA: Kein Zweifel an der Echtheit des Videos

BeiZARA, dem Verein für Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit, sieht man keinerlei Grund zum Zweifel an der Authentizität des Videos. "Als Beratungsstelle für Antirassismus wissen wir, dass solche und ähnliche Vorfälle sehr häufig passieren – nicht nur im Internet unter dem Deckmantel der Anonymität", erklärt Caroline Kerschbaumer, Leiterin der ZARA Beratung, gegenüber der WIENERIN. Rassistische Erfahrungen öffentlich zu machen sei für Betroffene außerdem kein leichter Schritt: "Wenn jemand einen rassistischen Angriff dokumentiert und oder meldet, dann passiert das nicht zum Spaß, sondern zum Beispiel, um Unterstützung zu finden. Das Stichwort 'dokumentieren' ist besonders wichtig: eine Dokumentation dient als Beleg, als Beweisstück, und ist auch, wie wir es jetzt gerade beobachten können, ein Mittel, um auf Alltagsrassismus aufmerksam zu machen," so Kerschbaumer.

Rassistisches Verhalten ist kein Ausrutscher oder Einzelfall

In den sozialen Medien vermuten indes mehrere Menschen, die ältere Frau leide an einer psychischen Erkrankung. Auch Klaus Schwertner, Geschäftsführer der Caritas Wien, schreibt in einem Facebook-Posting von einer "unter Umständen psychisch kranken Frau". Er spricht weiter gar von "zwei Opfern", da die ältere Frau "dem Social Media Mob zum Aggressionsziel präsentiert" werde.

Ferndiagnosen auf Grund eines Videos sind generell schwierig. Kerschbaumer gibt außerdem zu bedenken: "Hass ist an sich eine starke Emotion – da ist es nicht unüblich 'fahrig' zu wirken. Wir sind es meist nicht gewohnt, mit solchen Emotionen auf offener Straße konfrontiert zu werden, weshalb uns so eine Situation besonders auffällig erscheinen kann. Ganz unabhängig von diesem aktuellen Fall wird oft versucht, rassistisches Verhalten als Einzelfall oder Ausrutscher abzutun", sagt Kerschbaumer. "Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Rassismus ein strukturelles Problem ist, das unsere gesamte Gesellschaft betrifft."

"Die Leute suchen Erklärungen, weil man nicht über die Realität sprechen möchte. Darüber, dass wir ein Problem mit Rassismus in Österreich haben und dass wir was dagegen tun müssen - am besten gestern schon."

von Asma Aiad

Genau das geschehe nun aber in der Diskussion, kritisiert Aiad in einem Statement auf Facebook: "Am Ende delegitimieren diese Menschen bewusst oder unbewusst eine ehrliche Debatte über Rassismus in unserem Land. Wenn wir jeden rassistischen, islamophoben, antisemitischen Fall als geistige Verwirrtheit einer kranken Person abtun, gibt es keinen strukturellen Rassismus zu diskutieren, keine rechte Regierung, die eine solch aggressive und übergriffige Atmosphäre befeuert und anfacht." Das sei schlussendlich der einfachere Umgang mit solchen Vorfällen, erklärt sie der WIENERIN: "Die Leute suchen Erklärungen, weil man nicht über die Realität sprechen möchte. Darüber, dass wir ein Problem mit Rassismus in Österreich haben und dass wir was dagegen tun müssen - am besten gestern schon."

Rassismus passiert nicht nur auf der Straße

Und ein bisserl was passiert eh, den Relativierungen und der Kritik zum Trotz. Generell sind die Solidaritätsbekundungen in den sozialen Netzwerken zahlreich und die Betroffenheit groß. Auch das hat seinen Grund: "Es waren die Echtheit und die Nähe, die die Menschen so mitgenommen haben", vermutet Aiad. Es stimmt: Als ZuseherIn hat man das Gefühl, selbst die angesprochene Person hinter der Kamera zu sein. Ziel der hasserfüllten Beschimpfungen. Das trifft.

Rassismus aber passiert nicht nur im öffentlichen Raum. Viele Fälle werden nicht in Bildern dokumentiert. "Wir sehen hier Rassismus auf der Straße, aber es gibt andere Bereiche, über die wir nicht sprechen und von denen es keine Videos gibt. Rassismus existiert bei der Arbeitssuche, im Job und in der Schule, in beinahe jedem Lebensbereich. Diese Geschichten sind genauso schlimm, wenn nicht schlimmer." Wichtig sei es, ein Bewusstsein in der Gesellschaft für rassistische Strukturen zu schaffen.

Das scheint, zumindest im Kleinen, schon funktioniert zu haben: "Im Video sehen wir, dass die umstehenden Menschen reagieren und die Betroffene nicht alleine lassen. Das gibt Hoffnung!", sagt Kerschbaumer. Auch Aiad zeigt sich beeindruckt von der Reaktion der PassantInnen: "Die Menschen haben wirklich Zivilcourage gezeigt, haben meiner Freundin beigestanden und sie mit Taschentüchern versorgt. Sie war nicht allein."

Zivilcourage zeigen, zuhören und beistehen - so tritt man gegen Rassismus auf. Denn, wie Aiad sagt:"Auch in so schirchen Situationen können Solidarität und Liebe soviel verändern und Betroffenen eine Hilfe sein."

 

Aktuell