Allergien

Ich möchte euch heute zwei Geschichten erzählen. Eine handelt nicht hauptsächlich von mir, sondern vor allem von G.

G. könnte euch bekannt vorkommen, da sie mittlerweile die Chefredakteurin eines sehr erfolgreichen, sehr wunderschönen Magazins für junge Frauen und interessierte Männer ist. Das Magazin fängt übrigens sogar mit M an, wow! Jedenfalls, ich und G. waren mal sehr jung und neugierig und teilten uns eine Wohnung in Wien-Josefstadt, das waren Zeiten, aber hallo. Vor allem als G. – damals noch eifrige Jungjournalistin – den Auftrag erhielt, in Sachen Naturdrogen zu recherchieren. Im Selbstversuch. Tees, Salben, Rinden und so Zeugs, damals schwer angesagt. Ephedra, Kava-Kava, Yohimbe – G. schluckte pflichtgemäß alles, was ich ihr vor die Nase hielt. Was haben wir gelacht.
Einen Rausch bekam G. allerdings erst am nächsten Morgen, und zwar einen Blutrausch. Ihr Gesicht war auf das mögliche Maximum angeschwollen, so doll, dass sie mich nur noch verzweifelt aus ihren Sehschlitzen anfunkeln konnte. Ich glaub, ich hab mich damals vor lauter Schreck ein wenig nass gemacht. G. war nur noch Wange. Eine Riesenwange, eine knallrote Riesenwange. Böse allergische Reaktion, würde ich mal ferndiagnostizieren. Ich hab sie dann mit 3,6-prozentigem Naturjoghurt angepinselt – vordergründig, um die Schwellung zu lindern, hintergründig, weil ich es zum Totlachen fand, diesen Ballonschädel weiß anzumalen. Aber wie gesagt, heute ist alles gut bei G. Sie hat sogar geheiratet und zwei Kinder bekommen, denen sie sicherlich niemals erlauben wird, an einer Yohimbe-Wurzel zu knabbern.
Aber Gott ist gerecht. Er hat auch mich bestraft. Zehn Jahre danach allerdings, dafür aber reichlich. Italien, Sommer, Sonne, Gruppenurlaub – am letzten Abend machten wir einen Ausflug zum lokalen Fischheurigen. Ja, so was gibt es tatsächlich. G. hatte damals vielleicht einen Naturdrogenrausch, ich dafür einen Fressrausch – und zwar einen kapitalen. 10 Austern, ein Branzino im Ganzen, 15 Scampi und ein paar Oktopüsslein zum Drüberstreuen. Als Nachtisch gönnte ich mir einen 22-jährigen Badewaschel. Man kann also sagen, ich hatte an diesem Abend Eiweiß satt. Im Zug nach Hause hat es dann angefangen, das Jucken. Dann kamen die roten Flecken. Dann lief ich schreiend durch die Abteile – die Klamotten hingen mir mittlerweile in Fetzen vom Leib – und suchte nach ärztlicher Hilfe. Denn: Ich war blind. Sehschlitze. Riesenwange. Und ich glaube, ich habe G. gehört, in meinem Hinterkopf. Sie hat gelacht und dann ganz genüsslich ein Naturjoghurt verspeist. Mit 3,6 Prozent.

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