"Alleinerziehende müssen der Maßstab sein!"

Lucia Derndorfer ist zu 100 Prozent Alleinerzieherin ihrer fünfjährigen Tochter Ava. Sie hat drei Jobs, will als Role Model weder Opfer noch Erfolgsgeschichte sein. Trotzdem fragt sie sich oft: "Wie habe ich die letzten Jahre überlebt?"

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Ich bin alleinerziehend, seit ich erfahren habe, dass ich schwanger bin. Ava weiß, wer ihr Vater ist, aber die Beziehung zu ihm ist herausfordernd. Bereits mit zwei Jahren hat sie mich zum ersten Mal gefragt :"Warum sieht meine Freundin ihren Papa, aber ich nicht?" Ava und ich haben eine intensive Beziehung, sind beide sehr gefühlsstark. Unsere Konflikte sind oft ungefiltert - ich kann zu niemandem "Mach du, bitte!" sagen, wenn ich nicht mehr kann. Mir fehlt die Luft, die andere Alleinerzieherinnen haben, wenn der Vater Verantwortung übernimmt. Ich erlaube mir ab und zu, Montagvormittag Erledigungen zu machen, laufen zu gehen, weil ich das brauche. Ich muss darauf schauen, dass ich stabil bin, denn ich bin die einzige Stabilität für meine Tochter. Ihr kann es nur gut gehen, wenn es mir gut geht. Oft tut es das nicht - Stressbewältigung ist ein Dauerthema. Ich habe immer wieder schlechte Phasen, in denen es mir schwer fällt, den Alltag zu bewältigen, oder ich oft weinen muss. Natürlich kriegt Ava das mit. Dann sage ich zu ihr: "Du, es ist grad alles so viel, und ich kann heut einfach nicht." Wir reden sehr viel darüber. Wir machen das gut.

"Ich lerne gerade, mir selbst zu sagen, dass ich eine Heldin bin"

Ich arbeite als CliniClown, im Zoom-Kindermuseum und im Leitungsteam des Vereins Sowieso!, der mit Kindern mit Behinderungen arbeitet. Weil ich selbstständig bin, habe ich keine Krankenstände, kein 13. und 14. Gehalt, keine Pflegetage. Wenn Ava krank ist, ist das eine Extremsituation. Zusätzlich mache ich eine Ausbildung für den Umgang mit dementen Menschen. Das ist viel, aber noch ein Standbein, damit ich irgendwann genug verdiene mit dem, was ich gut kann: mit Menschen arbeiten.

Ich bin auch Sängerin und würde gerne mehr Musik machen. Seit Ava da ist, geht das nicht mehr - für Auftritte an Abenden und Wochenenden müsste ich immer eine Babysitterin bezahlen. Vor Kurzem hat mich ein ehemaliger Bandkollege angerufen, der selbst Vater geworden ist. "Wie hast du das gemacht?!", hat er mich gefragt. "Wir sind zu zweit, haben totalen Schlafmangel, streiten permanent, und jede Bandprobe ist plötzlich ein logistischer Riesenaufwand!" Ich habe nur geheult und gesagt: "Danke, dass du das siehst - dass du mich siehst!"

Wir alle brauchen mehr Empathie. Alleinerziehende müssen gesehen werden. Ich lerne gerade, mir selbst zu sagen, dass ich eine absolute Heldin bin. Und ich sage das auch zu anderen Alleinerzieherinnen in meinem Freundeskreis. Von außen würde ich es gern öfter hören. Alleinerziehende müssen mehr Respekt und mehr Priorität bekommen.

"Alleinerziehende brauchen Stabilität"

Wir brauchen zum Beispiel eine gesicherte Betreuung, egal, ob Krippen-, Kindergarten-oder Schulplatz. Ich möchte, dass Ava nächstes Jahr in eine bestimmte Schule geht - vor allem, weil es dort ein soziales Netz gibt: Im nahen Umfeld wohnen vier Familien, die Ava gut kennen und sie in einer Notsituation abholen können. Ich muss auch solche Dinge bedenken, das gibt uns Sicherheit. Wenn es keine finanzielle Stabilität gibt, dann braucht unsere Familie sie in anderen Dingen.

Alleinerziehende brauchen einfache, individuelle Unterstützung und gestaffelte Förderungen ohne "Ganz oder gar nicht"-Einkommensgrenzen. Auf Ämtern sollte es Menschen geben, die sich die Geschichten von Alleinerziehenden anhören. Wir müssen der Maßstab sein! Bisher sind wir die, die zurückfallen, weil die Gesellschaft uns nicht wahrnimmt.

So schwer es manchmal ist, bei all meinen Selbstzweifeln, so dankbar bin ich für unsere Persönlichkeiten. Ava ist offen, neugierig und unglaublich mutig. Mir sagen immer wieder Menschen:"Wow, Sie haben so ein glückliches Kind!" Ich denk mir dann: "Cool. Gott sei Dank. Weil leicht haben wir's nicht."

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WIENERIN #aufstand
Sonntag, 17. November 2019
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