Allein zu Hause

Samstagnachmittag. Lümmeln auf der Couch. Die Nerven hängen durch. Einatmen. Ausatmen. Eventuell eine rauchen. Die Fliegen an der Wand dabei beobachten, wie sie sich die Flügel putzen. Am Hintern kratzen. Sich überlegen, ob es sich wirklich lohnt, aufzustehen, um aufs Klo zu gehen. Also: Alles easy. Bis – mein Handy klingelt. In der Leitung: Muttern.

„Was machst du?“ „ Och, ich mach’s mir gerade zu Hause gemütlich!“ „Allein?“ „Ja, allein.“ Bedrückte Stille. Muttern ist besorgt: „Ganz alleine?“ „Jawohl.“ Abermals Pause, kurzer Seufzer: „ Bist du da gar nicht traurig, so ganz allein?“Nein. Bin ich nicht. Ich bin ja allein, nicht einsam! Und ich liebe-liebe-liebe es, ein paar Stunden meiner spärlichen Freizeit wenn möglich toute seule zu verbringen. Schon klar, ich kann nicht davon ausgehen, dass meine Mum die neunzehn Gebote des Dalai Lama kennt, aber unter Punkt acht steht da deutlichst geschrieben: „Verbringe jeden Tag eine Zeit mit dir allein.“ Und recht hat er, diese orange gewandete Grinsekatze. Ich bin – bis auf die sieben Stunden Schlaf des Nächtens – so gut wie immer unter Leuten. Dauernd diese zwischenmenschlichen Kontakte. Beim Bäcker (freundlich sein, Wechselgeld parat haben). In der U-Bahn (schwitzigen Achselhöhlen ausweichen). Auf der Straße (Hundehäufchen-Slalom, behändes Umkurven wütender Kampfmütter, die mich mit ihrem Kinderwagen umrennen wollen, weil ich den Geburtsschmerz bislang nicht durchleben musste). An der Bar („Nein, ich will gerne allein trinken. Ja, ich bin mit einem heißblütigen Armenier und seinen 15 Brüdern verheiratet“). Und vor allem: im Job.
Mein Arbeitgeber hat nach der Lektüre von „Fahrenheit 451“ beschlossen, seine Mitarbeiter nur mit Glasscheiben voneinander zu trennen. Bei einer Rundumdrehung auf meinem Bürosessel kann ich also Kollegin S. beim Nasenbohren, Kollegin B. beim tränenreichen Telefonat mit ihrem Boyfriend und – ganz übel – Kollegen P. beim Ausleben seiner nervösen Ticks beobachten. Kollege P. pocht mit den Knöcheln gegen den Schreibtisch, kratzt sich am Hals, bis er blutet, leckt über Daumen- und Zeigefinger, benetzt anschließend seine Augenbraue mit dem Resultat und drückt zu guter Letzt seine Nase gegen den Computermonitor. In besonders stressigen Zeiten macht er das alles übrigens gleichzeitig.
Und des Abends? Treffe ich meine Freunde. Oder meinen Freund. Und ihr werdet es nicht glauben: Die wollen alle mit mir reden. Ihr seht: Ich brauche meine paar Stunden allein zu Hause. Ich bin Einzelkind, ich bin das so gewohnt. Allein zu Hause – das ist wie Urlaub von der Welt. Ich esse im Bett und wische mir die Hände am T-Shirt ab. Ich experimentiere mit selbst fabrizierten Gurkenmasken. Ich lese und schlafe dabei ein. Ich studiere amerikanische Sitcoms (und schlafe dabei ein). Manchmal lege ich mich auch einfach nackend auf den Parkettboden und starre an die Decke. Das Telefon schweigt. Ich schweige. Allein sein zu müssen ist das Schwerste, allein sein zu können das Schönste. Den klugen Satz habe zwar nicht ich mir ausgedacht. Aber den lasse ich mal so stehen. Ganz allein.


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