„Alle Religionen sind besessen von meiner Vagina“

„Religion soll aus meiner Vagina draußen bleiben, es sei denn ich will sie da drinnen haben“. Mona Eltahawy setzt sich unablässig für Frauenrechte im Nahen Osten ein.

Zum Feminismus wurde sie traumatisiert, erzählt Eltahawy. Mit 15 zog ihre Familie von Glasgow nach Saudi Arabien, wo ihre Mutter, die bis dahin die Familie erhalten hatte, komplett entmachtet wurde. Sie durfte nichts mehr alleine machen, nicht Auto fahren, war komplett vom Vater abhängig. In so einem Land hat man laut Eltahawy nur zwei Möglichkeiten: Entweder man wird verrückt – so wie sie, die in eine schwere Depression fiel – oder man wird Feministin.

Den Mund nicht verbieten lassen


Heute ist Eltahawy gefeierte Journalistin und kommentiert vielbeachtet Fragestellungen rund um den Nahen Osten, Islam und Feminismus. Im November 2011 wurde sie während der Berichterstattung über die Proteste in Ägypten physisch und sexuell missbraucht und 12 Stunden vom Innenministerium festgehalten. Die Erfahrung machte Eltahawy nicht ruhiger sondern lauter: Im darauffolgenden Jahr wurde ihr Artikel „Why do they hate us?“, in dem sie Frauenfeindlichkeit im Islam erörtert, ein Internet-Hit. Aufbauend auf diesem Artikel hat sie nun das Buch „Headscarves and Hymens“ also Kopftücher und Jungfernhäutchen, das auf Deutsch unter „Warum hasst ihr uns so?“ erhältlich ist, veröffentlicht.

Eine Frau, die gerne aufregt


Sie macht viele polemische Aussagen, und sie erregt gerne die Gemüter. Als Frau mit einer starken Meinung, kriegt man eine Menge ab, erzählt sie. So werden Viele auch nicht gerne hören, was sie über Religion zu sagen hat. „In allen Religionen, wenn du sie runter brichst, geht es darum, die weibliche Sexualität zu kontrollieren.“

Unterdrückung ist Alltag


Religion, vor allem die ultrakonservative Interpretation des Islams, ist auch die Grundlage für die unerträgliche Situation in islamischen Ländern. Im Buch erzählt sie von den Erfahrungen verschiedener Frauen. Es geht um Missbrauch, häusliche Gewalt, Genitalverstümmelung. Das sind keine Randphänomene: 90% aller verheirateten Frauen in Ägypten zwischen 15 und 49 wurden einer Genitalverstümmelung unterzogen, eine Praxis, bei der viele sterben. In Tunesien leiden 42% der Frauen unter häuslicher Gewalt und in Ägypten waren 99,3% aller Frauen schon irgendeiner Form von sexueller Belästigung ausgeliefert. In Saudi Arabien dürfen Frauen ohne einen männlichen Berechtigten nicht reisen, heiraten, arbeiten, haben keinen Zugang zu Bildung und müssen sich in der Öffentlichkeit verschleiern.


Die Sache mit den Kopftuch


Eltahawy hat übrigens selbst von 15 bis 19 Jahren einen Schleier getragen. Sie sah es als emanzipatorisches Manifest: In einer sexualisierten Welt entscheide ich selbst, welche Körperteile du von mir zu sehen bekommst. Doch dann entschied sie, dass wenn ein Mann es nicht schafft, sie nicht zu objektivieren, es sein Problem sei und er daran arbeiten muss, nicht sie.

Revolution Mal Zwei

Deswegen ruft sie nach einer Doppel-Revolution. Die Revolution des Volkes, gegen eine Regierung, die sie unterdrückt, muss einhergehen mit einer Revolution der Frauen, die von Staat, Männern auf der Straße und in ihren Häusern unterdrückt werden. Die politische Revolution kann nicht ohne eine soziale und sexuelle Revolution funktionieren.

Tattoos als Ermächtigung


Sie selbst hat sich nach ihrem Angriff übrigens mit Tattoos die Kontrolle über ihren Körper zurückgeholt. Das ist unter Opfern, die tätlich angegriffen wurden, nicht unüblich. Sie hat sich Sekhmet, die alte ägyptische Göttin für Vergeltung und Sex, den Namen der Straße wo sie angegriffen wurde, und das arabische Wort für Freiheit tätowieren lassen.

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