All unsere Annahmen über Dominanz bei Fortpflanzung sind falsch

Männlich dominierte Wissenschaft hat fälschlicherweise lange Vorstellungen von Geschlechterstereotypen propagiert.

Unsere Vorstellungen darüber wie Reproduktion und Fortpflanzung funktionieren, haben lange auch die allgemeine Wahrnehmung über Machtstrukturen geprägt und patriarchale Strukturen unterstützt. Tatsächlich hat wohl der männliche Blick der Wissenschaft relativ viel damit zu tun, wie wir Fortpflanzung bis jetzt gesehen haben: Der männlichen Samen schwimmen um die Wette, der stärkste, potenteste Schwimmer setzt sich durch und befruchtet das umkämpfte weibliche Ei. Dieses Bild setzt sich in unserem gesamten Wirtschafts- und Politsystem durch: Der dominanteste, skrupelloseste Mann setzt sich durch und lässt die schwächeren hinter sich, er wird Geschäftsführer, Spitzenpolitiker oder militärischer Führer. Selbst im Beziehungsverhalten haben wir ähnliche Vorstellungen: Der stärkste Mann setzt sich durch im Konkurrenzkampf um die schöne Frau. In diesem System liegt nur ein Fehler: Neuere Studien eröffnen, dass unsere Annahmen über Fortpflanzung weitgehend einem falschen Bild entsprechen.

Typisch männlich/weiblich: Romanzen von Wissenschaftlern

Die feministische Anthropologin Emily Martin fordert dieses Weltbild mit ihrer Publikation namens "Das Ei und das Spermium: Wie die Wissenschaft eine Romanze basierend auf stereotypischen Männlich-weiblichen-Geschlechterrollen kreiert hat" in Frage.

Die Hälfte aller Spermien sind grundsätzlich weiblich, so werden Mädchen geboren. Und nichts daran, wie sich Spermien fortbewegen, entspricht dem Bild eines "starken Schwimmers", sondern sie bewegen sich wild durcheinander, machen willkürliche Kreise, springen von einer Seite auf die andere und arbeiten sich so langsam durch die weiblichen Organe vor, bis sie den Eileiter erreichen.

Fortpflanzung ist ein Dialog

In Forschungsarbeiten rund um künstliche Befruchtung haben Wissenschaftler außerdem herausgefunden, dass die stärkeren Spermien den schwächeren dabei helfen, die Gebärmutterschleimhaut zu passieren, in ähnlichen Formationen wie Zugvögel.

Wenn die Spermien das Ei erreicht haben, sind es nicht die dominanten Samen, die das holde Ei attackieren, sondern tatsächlich sucht sich das Ei ein Spermium aus.

Eine Studie der University of Birmingham hat herausgefunden, dass das Ei vor der Befruchtung Progesterone absondert, was einen chemischen Vorgang auslöst, der das Spermium zum Ei wandern lässt. Außerdem gibt es Zucker Moleküle auf der Oberfläche namens SLeX, durch die das Spermium andocken kann.

Dominanz ist weder naturgegeben, noch männlich

Martin stell klar fest: Bis jetzt wurde Fortpflanzungswissenschaft von einer männlich dominierten Sichtweise geprägt, die patriarchale Gedanken- und Artikulationsmuster übernommen hat. Neuere Studien stellen diese Sichtweise in Frage; die Vorstellung, dass Männer aktiv sind und angreifen und Frauen passiv sind, warten und wählen. Es gibt eine Interaktion zwischen beiden, mehr wie ein Dialog.

Die neueren Studien zeigen, dass das Konzept der "männlichen Dominanz" weit weg von biologisch determiniert oder naturgegeben sind, und wir uns schlichtweg an eine solche Weltordnung gewöhnt haben und sie weiterhin legitimieren. Unsere DNA basiert weit mehr auf Konzepten wie Kooperation und und Frieden. Dieser Erkenntnisse geben uns die Freiheit die Weltordnung selbst zu bestimmen, und uns nicht auf billige Argument wie "Männer sind nun mal das stärkere Geschlecht" auszureden.

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