Alkoholfrei durch die Feiertage: Was ist der wahre Albtraum daran?

Aus gesundheitlichen Gründen habe ich viele Feiertage der letzten Jahre nüchtern verbracht. Und, liebe Leute, wir müssen darüber sprechen, wie die Gesellschaft damit umgeht!

Feiertage Nüchtern

Ihr kennt das vielleicht: Ihr verbringt mehrere Tage über Weihnachten zu Hause bei der Familie. Wenn ihr in Österreich aufgewachsen seid, wird es vermutlich nicht lange dauern, bis die erste Flasche Wein oder Sekt geöffnet wird, nur um eure Heimkehr zu feiern. Dann vielleicht noch eine, um auf den schönen Winterabend anzustoßen. Am Tag vor Weihnachten trefft ihr euch nochmal mit alten Freund*innen, wo natürlich auch getrunken wird. Zu jeder guten (oder nicht so guten Gelegenheit) wärmt eure Mutter Glühwein und insgesamt sind die Feiertage eine sehr feucht-fröhliche Angelegenheit. Sind wir mal ehrlich, kaum eine Familie sollte über die Feiertage den Fragebogen der WHO ausfüllen, ob sich der Alkoholkonsum auch im gesunden Rahmen bewegt.

Jetzt stellt euch vor, ihr könnt/dürft oder wollt aber nicht trinken. Klingt nach einem Albtraum. Ist es auch. Aber nicht unbedingt aus den offensichtlichen Gründen. Hier also die Erkenntnisse, die ich gelernt habe, nachdem ich die Feiertage mehrere Jahre ohne Alkohol verbracht habe.

Ich wurde vor mehreren Jahren mit starker Histamin-Intoleranz diagnostiziert. Ich war Anfang 20, mitten im Studium und hatte eine sehr seltene Form davon: Statt roter Wangen oder leichtem Juckreiz übergab ich mich von jedem Tropfen Alkohol.

Das war aber nicht das Problem oder der Albtraum. Das Schwierige daran waren die Situationen, in die andere Menschen mich deshalb brachten. Hier eine kleine Sammlung. Solltet ihr euch selbst ertappen, ähnliche Sachen schon gesagt zu haben, lasst euch von mir sagen: Das ist nicht cool!

"Dein Grund dafür, dass du keinen Alkohol trinkst, ist, dass es dir dann nicht gut geht? Mir geht’s auch nicht gut am nächsten Tag nach 6 Bier haha. Da muss man durch."
Ich denke nicht, dass ich ausführen muss, was alles an dieser Aussage problematisch ist, oder?

"Aber trinkst du nicht mal am Heiligen Abend / zu Silvester / an deinem Geburtstag?"
Wer denkt, dass es einen Feiertag besonders macht, weil man an diesem Alkohol konsumiert, der sollte überdenken, wo seine Werte im Leben liegen. Silvester kann superwitzig sein, ohne dass ich einen Tropfen getrunken habe. Wenn Alkohol der entscheidende Faktor ist, der den Abend cool macht, dann war es einfach kein guter Abend.

"Wie hältst du nüchtern deine Familie aus?"
Auch wenn es nicht weit verbreitet ist, ist es vollkommen okay, wenn man sich dagegen entscheidet, Weihnachten oder andere Feiertage nicht mit der Familie zu verbringen. Wenn sie euch nicht guttun, dann trefft diese Entscheidung, aber Alkohol sollte nicht die Lösung sein.

"Aber dann bist du doch gar nicht so locker, wenn du nichts trinkst."
Diese Aussage, vor allem von einem Mann, sagt doch eigentlich nur: Wenn du nüchtern bleibst, dann fällt dir vielleicht auf, dass mit mir mitgehen oder mit mir schmusen eine dumme Entscheidung ist, deshalb wäre es mir lieber, du betrinkst dich. Weil im nüchternen Zustand habe ich eigentlich keine guten Argumente für dich.

"Komm das eine Glas Sekt tut dir nichts"
Ich kenne meinen Körper am besten und kann am besten einschätzen, wie es mir geht, was ich mir zutraue und womit ich mich wohlfühle. Mir diese Fähigkeit abzusprechen, ist übergriffig und überheblich.

"Ein Glas Rotwein oder ein Schnaps nach dem Essen ist gesund"
Es gibt Studien, die bestätigen, dass eigentlich keine Menge Alkohol gesund ist. Wenn du sie genießen möchtest, dann mach das bitte, aber zieh mich da nicht mit rein.

"Du verpasst ja deine gesamte Jugend"
Würdest du auch zu einem Krebskranken Kind im Krankenhaus vorwurfsvoll sagen: Aber du verpasst ja deine ganze Kindheit? Gerade wenn jemand aus medizinischen Gründen keinen Alkohol trinkt, fühlt sich diese Person deswegen vielleicht ohnehin schlecht genug. Sie zu erinnern, dass sie vielleicht andere Erlebnisse macht, als die Norm, ist unsensibel und wenig hilfreich. Don't be that person!

"Du warst viel lustiger, als du noch getrunken hast."
Es ist nicht meine Aufgabe, dich zu bespaßen. Wenn du das so empfindest, dann ist das schade für dich. Mir geht es so besser und wenn dir etwas an meinem Wohlergehen liegt, dann ist das, was zählen sollte.

"Aber das gehört doch dazu"
Den Satz hab ich seeehr oft gehört und zeigt, wie tief gewisse Brauchtümer verankert sind. Trotzdem sollten wir gerade im Bereich Alkohol etwas besser auf die Bedürfnisse von Menschen hören. Wir wissen nicht, was der Grund dafür ist, dass dieser Mensch nicht trinkt. Vielleicht hat er*sie ein Suchtproblem, vielleicht eine Krankheit, vielleicht schmeckt es ihm*ihr einfach nicht. Egal, was der Grund für die Entscheidung ist, man sollte ein NEIN akzeptieren und einen Menschen nicht zwingen etwas zu erklären, womit sich dieser vielleicht nicht wohlfühlt.

Und last but not least:

"Aber das war doch nicht so gemeint, das ist halt komisch, wenn wer nicht trinkt, musst selbst zugeben. Sei nicht gleich so schwierig!"
Es ist nicht schwierig, wenn ich darauf aufmerksam mache, dass ich mich mit dem Gespräch nicht wohl fühle oder eine Aussage als Übergriff empfinde. Und nur weil du es dir in deiner Lebensrealität nicht vorstellen kannst, ohne Alkohol zu leben, gibt es keinen Grund, das als komisch zu bezeichnen. Falls das eine Entschuldigung hätte sein sollen, dann war es keine gute.

 

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