Alexander Pollak SOS Mitmensch im Interview

71 Menschen sind auf ihrer Flucht mitten in Österreich gestorben. Alexander Pollak, Menschenrechtsaktivist und Sprecher des Vereins SOS Mitmensch, über die Mitschuld der Politik und was jetzt getan werden muss.

Herr Pollak, Sie engagieren sich seit Jahren für Menschen auf der Flucht in Österreich. Welche Worte fallen Ihnen zu den derzeitigen Ereignissen ein?

Alexander Pollak: Schock. Entsetzen. Trauer. Unverständnis für die brutale Skrupellosigkeit von Schleppern, die das Leben von Menschen fahrlässig aufs Spiel setzen. Wut über eine Politik, die Flüchtlingen keine andere Wahl lässt, als sich in die Hände solcher Schlepper zu begeben.

Wie kann so etwas passieren und welche Mitschuld trägt die österreichische Politik?

Pollak: So etwas passiert leider schon seit Jahren. Zigtausende Flüchtlinge mussten beim Versuch, sicheren europäischen Boden zu erreichen, bereits ihr Leben lassen. Jetzt ist der Massentod in Österreich angekommen. Tatsache ist: Es ist unser Grenzregime, das mit dazu beiträgt, dass Menschen auf der Flucht ihr Leben riskieren und sich immer wieder todbringenden Transporteuren ausliefern müssen.

Welche Maßnahmen könnten jetzt und sofort in Österreich und von der österreichischen Politik umgesetzt werden, um die Lage für Menschen auf der Flucht zu verbessern?

Pollak: Eine Regierung, die Menschenleben schützen will, muss jetzt und sofort die Reisefreiheit für Flüchtlinge in und durch Österreich ausrufen. Die totale Abschottung ist demgegenüber keine Lösung, weder moralisch noch praktisch. Das bestätigen auch Polizisten.

Welche Lösungen muss es auf einer gesamteuropäischen Ebene geben?

Pollak: Es braucht legale und sichere Wege für Flüchtlinge, einen Asylantrag in der EU zu stellen. Derzeit haben sie keine legale Möglichkeit dazu. Sie müssen ihr Hab und Gut hergeben und ihr Leben riskieren. Durch sichere Korridore können wir das verhindern.

Ist Innenministerin Johanna Mikl-Leitner Ihrer Meinung nach rücktrittsreif?

Pollak: Es braucht eine Person an der Spitze des Innenministeriums, die Menschenrechte und Menschenwürde an erste Stelle setzt. Das hat Mikl-Leitner bisher nicht getan. Mit ihr steht die gesamte Regierung in der Verantwortung.

Wie können sich Österreicherinnen und Österreicher engagieren, um nicht tatenlos zuzusehen?

Pollak: Viele engagieren sich bereits großartig und unterstützen ehrenamtlich Asylsuchende auf dem Weg zu einer besseren Zukunft. Auf der Webseite von SOS Mitmensch finden sich Kontaktadressen für alle, die sich einbringen wollen. Darüber hinaus ist es wichtig, jetzt ein Zeichen zu setzen, dass Menschenwürde wieder an erster Stelle zu stehen hat. Wir hoffen, dass viele Menschen am Montag zur Kundgebung „Mensch sein in Österreich“ kommen - um 18.00 Uhr, auf der Mariahilferstraße Höhe Westbahnhof.

Alexander Pollak, geb. 1973 in Wien, ist seit 2011 Sprecher der österreichischen Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch und engagiert sich für eine gerechte Asylpolitik. Fünf Jahre lang leitete er Antidiskriminierungsprojekte bei der EU-Grundrechteagentur in Wien.

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