Alexa Chung antwortet. Nicht.

Eigentlich ist Martina Parker nach Paris geflogen, um Style-Ikone Alexa Chung zu interviewen. Doch das scheint irgendwie nicht zu klappen.

"Wir sind hier, um Alexa zu treffen!", sagen die deutschen Bloggerinnen fröhlich zur französischen PR-Dame. "I don't think so", sagt die PR-Frau. Denn Alexa spricht heute nicht. Zumindest nicht mit jedem/r. Alexa Chung hat kurzfristig ohne weitere Angaben zwei Drittel aller zugesagten Interviewslots gecancelt.

Ich sitze im Eingangsbereich des Les Bains in Marais. Als ich zum letzten Mal hier war, war es noch der Undergroundclub Les Bains Douches, in dem man Bands wie Joy Division und Depeche Mode für 40 Franc sehen konnte. Jetzt ist es ein schickes Boutiquehotel mit Club, und für 40 Franc, aka 6 Euro, bekommt man hier nicht mal einen vernünftigen Drink. Die Location hat man wohl gewählt, weil sie diesen Mix aus cooler Rock 'n'Roll-Ära und Bobo-Chic versprüht, für den auch Alexa steht.

Eine britische Mirjam Weichselbraun mit mehr Trendgespür

Denn Alexa Chung ist die Königin der It-Girls. Sie ist vor allem deswegen berühmt, weil Kleider an ihr unglaublich cool aussehen und das bei ihrer Million Instagram-Fans sofort einen enormen Haben-wollen-Effekt auslöst. Bekannt wurde Alexa in Großbritannien durch ihre Show It's On with Alexa Chung im britischen MTV, in der sie in stylishen Outfits lustige Spielchen mit A-List-Celebritys spielte. Laut eigener Auskunft ist sie TV-Moderatorin. Man könnte daraus folgern, sie sei eine britische Mirjam Weichselbraun mit mehr Trendgespür und besseren Connections. Aber das würde ihr nicht gerecht werden, denn Alexa Chung ist ein Phänomen.

Tausende Blogs lassen sich tagtäglich von ihrem Stil beeinflussen, Hunderttausende Follower wollen genauso aussehen, genau das Gleiche tragen, genauso sein wie Alexa Chung. Sogar strenge Peter-Pan-Krägen und konservative Barbour-Jacken sehen an ihr aus wie die heißesten Trendteile unter der Sonne. Als sie sich die Mähne zu einem fransigen Long Bob schneiden ließ, liefen ihre Fans scharenweise zum/r FriseurIn, um ihrem Vorbild zu folgen.

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Alexa will kein Party-Girl sein

Seinen Durchbruch in der Modewelt schaffte das It-Girl, als das Label Mulberry 2009 die von Chung inspirierte Alexa-Bag auf den Markt brachte. Die Handtasche wurde zu einer der ersten It-Bags und brachte sowohl Mulberry als auch Alexa Fame und Money.

"Ich will nicht das Mädchen sein, das nur dafür bekannt ist, dass es auf Partys geht", sagte Alexa in einem ihrer selbstkritischen Momente zum britischen Guardian. Paradoxerweise ist es aber genau das, worauf ihre Karriere aufgebaut ist. Denn ohne Partys und Paparazzi gäbe es keine Bilder, keine Gratisklamotten, keine Werbeverträge. Und das weiß auch Alexa.

Wie alle It-Girls macht Alexa von allen ein bisschen was. Sie moderiert ein bisschen, sie modelt ein bisschen, sie arbeitet ein bisschen als Modedesignerin, sie schreibt ein bisschen. Zuletzt sogar eine Stilfibel namens It, die der Welt die Geheimnisse eines It-Girls erklärt.

"Das ist kein Buch, das ist ein aufgeblasenes Selfie", wetterte der britische Evening Standard. Aber das Selfie wurde auch nicht für sarkastische LiteraturkritikerInnen mittleren Alters geschrieben, sondern für 15-Jährige, und die lieben es. Vor allem ob der Backgroundinfo, dass Alexa die Kapitel von zu Hause aus als eine Serie von E-Mails an den Verlag schrieb und dabei -jetzt kommt es - einen One Direction-Strampelanzug trug.

Warten wie ein Groupie

Weil ich noch immer in der Lobby des Les Bains abhänge wie ein gelangweiltes Groupie und darauf warte, dass Alexa endlich erscheint, lade ich mir It auf meinen E-Reader runter. Eine blöde Idee, denn It ist vor allem ein Bilderbuch und die grobkörnige Schwarz-Weiß-Optik des E-Readers verzerrt die vielen Aufnahmen zu einem grauen Pixelbrei.

Ich sehe ein grobkörniges Kind auf einem grobkörnigen Pony und lese das Zitat: "Ich interessierte mich wohl auch für Ponys, weil ich schon damals den Style der Reitkleidung, Jodhpurhosen und Stiefeletten, so cool fand!" Ich denke darüber nach, ob ich diese Aussage befremdlich oder genial finden soll. Welche Sechsjährige misst dem Outfit dieselbe Bedeutung zu wie dem Pony?

Heute wird das wohl nichts mehr mit dem Interview, aber bei der Party am Abend lässt sich Alexa Chung blicken. Sie trägt ein hauchdünnes Seidenkleidchen und begrüßt die Anwesenden. "Es ist schön, dass ihr alle da seid, habt einen tollen Abend!" Ein paar Bloggerinnen schaffen es unter großem körperlichen Einsatz fast, in ihre Nähe zu kommen. Für eine Insta-Story mit Alexa als Hauptmotiv riskieren sie alles. Alexa hat mal gesagt, dass sie immer nervös ist, wenn sie öffentlich reden muss. Das muss schlimm sein für eine Moderatorin. Sie mag es auch nicht, angestarrt zu werden. Natürlich starren wir sie trotzdem an. Und manch eine bekrittelt, wie dünn Alexa ist und dass sie ein mieses Vorbild für ihre Fans ist. Aber das ist ja nicht ihre Schuld, sondern die der Branche. Alexa hatte sogar mal für vier Jahre mit dem Modeln ausgesetzt, weil sie das Gefühl hatte, die Branche würde ihr Körpergefühl zerstören. Sie hatte, nach eigenen Angaben, von den vielen Castings ein verzerrtes Körperbild und ein schwaches Selbstbewusstsein bekommen. Kein Wunder, wenn sie etwa in englischen Tweets lesen muss: "Alexas Gesicht ist so lang wie die britische M2-Autobahn."

Auf der Party selbst zieht Alexa tatsächlich ein langes Gesicht und bleibt nur so kurz wie ein Lugner'scher Gast am Opernball. Vielleicht ist sie aber auch traurig, weil die Presse gerade geleakt hat, dass ihre Modelinie nicht funktioniert: 1,7 Millionen Dollar Verlust im ersten Geschäftsjahr. Sorgen müsse man sich aber trotzdem nicht machen: Angeblich ist sie bereits acht Millionen Dollar schwer. Und am besten sehen ohnehin die Fetzen an ihr aus, die sie nicht selbst designt hat.

"Alles okay, geht's euch gut? Ich muss leider los"

Am nächsten Tag bin ich wieder im Les Bains und warte vor Alexas Interview-Suite. Darin spielen sich gerade Dramen ab. Alexa hatte erwartet, mit der Cosmopolitan zu sprechen, aber stattdessen war eine Journalistin von der Gala gekommen, und mit der wollte sie dann doch nicht reden. Vielleicht war es auch umgekehrt. Auf jeden Fall ist die Stimmung angespannt.

"We are running late!", sagt einer, der mit schwarzem Rollkragenpullover vor der Tür wichtig auf und ab geht und um Schadensbegrenzung bemüht ist: "Wir kriegen Ihr Interview nicht mehr unter."

Die fröhlichen deutschen Influencerinnen haben die Hoffnung schon aufgegeben. Sie tanzen vor dem Hotel in dünnen Flatterkleidchen mitten auf der Straße und versuchen in ihrem Content das echte Paris wiederzugeben, während das echte Paris in Form französischer PassantInnen auf der anderen Straßenseite steht und verwundert den Kopf schüttelt.

"Vielleicht können wir ein Telefoninterview arrangieren", sagt der Rollkragen zu mir.

Dann geht die Tür auf. Alexa kommt heraus. Sie trägt einen klein karierten Oversize-Wollmantel, der in mir sofort ein unbändiges Haben-Wollen-Gefühl auslöst. Ihre Haare sind toll, alles an ihr sieht einfach mega aus. "Alles okay, geht's euch gut? Ich muss leider los", sagt sie mit tiefer, heiserer Stimme in Richtung Journalistenmeute und huscht zum Lift. "Alexa wird Sie anrufen!", sagt der Rollkragen zu mir.

"Sicher", sage ich und muss lachen, weil dieses Versprechen im Le Bains Douches garantiert schon Tausende Male gegeben und gebrochen wurde. Dann google ich Alexas Mantel, lege ihn in den virtuellen Warenkorb und drücke auf "Kaufen".

Alexa Chung (geb. 1983) wuchs in Hampshire in Südengland auf. Ihre Mutter ist Hausfrau, der Vater Grafikdesigner. Sie startete als Model und Moderatorin und gilt als eine der wichtigsten Influencerinnen auf Instagram. Ihre Beziehung zu Schauspieler Alexander Skarsgård ging im Vorjahr in die Brüche.



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