Alan Rickman über Feminismus, Hillary Clinton und Ludwig XIV

Harry Potter-Star Alan Rickman über Kate Winslet, Feminismus und warum er mit Ludwig XIV ein ideales Spiegelbild hatte - als Regisseur und als Schauspieler. Ein britisch-launiger Talk mit WIENERIN-Chefredakteurin Barbara Haas.

Alan Rickman ist Brite. Und zwar durch und durch. Distanziert, blasiert, doch im nächsten Moment auch ziemlich witzig und dabei stets staubtrocken. So eine Charaktermischung gepaart mit dieser tiefen, tiefen Stimme, lässt einem wenig emotionale Auswege. Daher ist man: tief beeindruckt, von Respekt erfüllt und ein bisschen verängstigt. Abgerundet wird seine Erscheinung dann noch mit dieser geschliffenen britischen Sprache, geformt durch jahrelange Theaterbühnen-Präsenz.

Andererseits: Wir sitzen hier immerhin im Metternich-Salon des Hotels Sacher in Wien, also ein bisschen was haben wir in Sachen Blasiertheit, Geschichte und Glamour schon auch zu bieten. Und vielleicht findet man ja zumindest beim Thema Humor zusammen … Das war dann auch so.

"Severus Snape" als Regisseur

Ein Interview zum Filmstart von „Die Gärtnerin von Versailles“ – Alan Rickman (69) spielt darin nicht nur den französischen Sonnenkönig Ludwig den XIV, sondern hat auch selbst Regie geführt. Donnerstagabend wurde der Film bei der bis auf den letzten Platz besetzten WIENERIN-Premiere im Urania-Kino erstmals in Österreich gezeigt. Rickman und Paula Paul (die im Film die deutsche Prinzessin Palatine spielt) wurden von Scharen an Fans beim Kino-Eingang erwartet, darunter auch viele Kinder, denn die lieben ihn noch als „Severus Snape“, seine Harry Potter-Paraderolle.

Mr. Rickman, „Die Gärtnerin von Versailles“ ist ein opulentes Filmerlebnis, die Bildsprache ist extrem wichtig für den Film und im Zentrum steht neben Kate Winslet als Gärtnerin ja der Auftraggeber des Gartens: Ludwig, der XIV. Haben Sie es genossen, einen der mächtigsten Könige aller Zeiten zu spielen?

Rickman: Wenn ich eine Rolle - in dem Fall eine historische - spiele, muss ich eigentlich aufhören, diese Rolle vor mir zu sehen. Ich versuche vielmehr zu erfahren, was das für ein Mensch war. Ich meine, wenn Ludwig XIV Schnupfen hatte, musste er sich doch auch schneuzen, oder? Aber er war sicher eine sehr eigenartige Persönlichkeit, ich habe etwa herausgefunden, dass ihn während der Nacht ständig 60 bis 80 Menschen anstarrten, während sie um sein Bett standen. Das muss man sich mal vorstellen. Da wacht dann der König um zwei Uhr morgens auf, schickt 40 Leuten raus, 20 andere kommen raus und alle hoffen nur auf eines: Vielleicht gibt es heute ein Wort von ihm an mich…

Ja, klingt recht eigenwillig… Wie war es denn für Sie, ständig diese Perücken zu tragen?

Naja, ohne sie hatte das restliche Outfit ja keinen Sinn ergeben, denke ich. Man merkt in einer Szene wo ich die Perücke abnehme, dass das ziemlich bescheuert aussieht. Ich meine, Ludwig XIV hat die Perücken ja erfunden, als seine eigenen Haare begannen, auszufallen.

War es nicht sehr heiß unter den Dingern?

Nein, das geht. Also die echten von damals hatten ja bis zu 5 Kilo, das war sicher nicht nur angenehm, aber mittlerweile ist man hier deutlich cleverer. Zum Glück.

Dieser Film ist ihre zweite Regiearbeit, ihre letzte ist schon ein bisschen her, das war 1997 mit Emma Thompson (The Winter Guest) – wie schwer war es denn für Sie zwei Jobs zu erledigen? Also sowohl hinter als auch vor der Kamera zu stehen?

Tatsächlich ist es schwierig, beides zu tun. Was es ein bisschen einfacher gemacht hat, war die Tatsache, dass sich Ludwig XIV ja kaum bewegt, der steht oder sitzt nur da, alle kommen zu ihm, alles dreht sich um ihn. Er läuft nicht, reitet nicht und hat zudem er diesen ständig überwachsamen Ausdruck auf seinem Gesicht – eigentlich genau den, den ich als Regisseur auch immer habe.

Der Charakter der Rolle hat Ihnen also den Doppeljob erleichtert?

Naja, erleichtert ist vielleicht zu viel, aber es war hilfreich, sagen wir so. im Übrigen war es ja auch eigentlich gar nicht meine Idee, Ludwig XIV zu spielen, das war mehr eine finanzielle Überlegung. Also, ich hätte mir die Rolle sonst nicht ausgesucht.

Aber Sie sind ein ganz großartiger Ludwig XIV…

Oh, danke. Die Rolle ist großartig geschrieben und wenn man ehrlich ist, ist ein Großteil der schauspielerischen Arbeit einfach nur: Die Zeilen des Scripts zu sprechen. Wenn es tolle Zeilen sind, ist das genug…

Kommen wir zu Kate Winselt – sie spielt die Gärtnerin. Sie sind ja ein großer Fan von ihr, stimmt das?

Ja, sind das nicht alle? Aber ich habe schon mit ihr gearbeitet, als sie erst 19 Jahre alt war. Wir haben also eine einzigartige gemeinsame Geschichte, gemeinsam gearbeitet zu haben – und dazwischen eine Lücke von 20 Jahren zu haben… Das heißt, einerseits haben wir hier wieder als zwei verschiedene Menschen begonnen und andererseits – Gott sei Dank – war es so, als würden wir einfach dort weitermachen, wo wir damals aufgehört haben.

Wie hat sich Kate in diesen fast 20 Jahren verändert?

Natürlich sieht man, dass sich Menschen mit deren Umständen verändern. Jetzt weiß sie einfach, wie sie ihr Leben rund um die Arbeit ordnen und organisieren kann. Beide Dinge sind ihr wichtig und sie hat einen Weg, wie beides lebbar ist. Das ist anders als damals, sie war 19 Jahre alt und eher so .. (reißt seine Augen weit auf und streckt ganz aufgeregt beide Arme in die Luft).

Ihre Rolle, also die Sabine de Barra ist ja fiktional, nicht historisch.

Ja, völlig. Diese Frau hätte im 17. Jahrhundert nicht leben können. Das wäre unmöglich gewesen.

Und warum haben Sie sich auf eine Frau im 17. Jahrhundert fokussiert, die geradezu feministisch lebt?

Ich war das nicht, ich hab das nicht geschrieben. Das Drehbuch hat eine Frau geschrieben (Alison Deegan), vielleicht deshalb. Ich und auch Jeremy (Brock) stehen zwar auch dabei, aber wir haben hier nur für Struktur gesorgt und die Szenen ein bisschen geordnet. Also die Kreation dieser Rolle und auch der Liebesgeschichte ist von Alison Deegan.

Und was hat Ihnen an der Idee gefallen, so eine starke unabhängige Frau in eine so männerdominierten Epoche zu positionieren?

Was mich schon fasziniert ist, wie sehr sich die Welt seit dieser Zeit verändert hat. Ich weiß noch, wie es war, als Margret Thatcher Primeminister von England wurde. Einfach deshalb, weil sie eine Frau war. Jetzt sagt doch niemand mehr, Hillary Clinton könnte niemals Präsidentin der USA werden. Man sagt, ich mag Hillary oder ich mag sie nicht, aber es niemand sagt: Nein, sie ist eine Frau und deshalb ist es undenkbar. Also, es wird mittlerweile einfach akzeptiert, dass das möglich ist. Und alles, was ich als Mann dazu sage, ist: Wir sind doch zwei, Männer und Frauen und so ist es doch viel interessanter. Und diese Gleichstellung, die auch in der Liebesgeschichte zwischen Kate und Matthias (Schoenaerts) herauskommt, die fasziniert mich. Keiner dominiert den anderen, sie sind am Ende gleichwertig.

So gesehen muss man aber sagen, dass diese Idee auch 2015 noch sehr viel Fiktionales hat, oder?

Ja, das stimmt. Aber der Film ist ja auch eine Geschichte von heute, nicht nur ein Herumstolzieren in Kostümen, denn es stimmt natürlich, dass wir auch heute noch das Äquivalent zu Ludwigs Hofstaat haben, wo Frauen du einfach nur dastehen und hübsch aussehen.

Alan Rickman Barbara Haas

Alan Rickman mit WIENERIN-Chefredakteurin Barbara Haas bei der Österreich-Premiere von "Die Gärtnerin von Versailles".

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