Age Is Just a Number

Ein Wispern ging durch die Branche, als die Olsen-Zwillinge Ashley und Mary-Kate für das Lookbook ihres Labels The Row ausgerechnet die 65-Jährige New Yorkerin Linda Rodinals Model buchten und in ihre strengen Entwürfe steckten, die sonst eher It-Girls tragen. Mit dieser Reaktion hatten die beiden Endzwanzigerinnen - einst stupsnäsige Kinderstars, heute millionenschwere Designerinnen - natürlich gerechnet. Und das im Wortsinn. Brachte dieser Coup ihnen doch jede Menge Publicity ein, für die man sonst viel Geld zahlen muss.

Sex sells? Das war einmal

Wer heute im Modebiz noch auf sich aufmerksam machen will, muss auf andere Konzepte setzen. Und so kommt jetzt auch die Generation Silberschopf zum Zug. Eine über 60-Jährige mit Irokesenschnitt am Laufsteg ist selbst in einer Jean-Paul-Galultier-Show eben noch ein Hingucker.
Zumal diesen Hinguckern die Sympathien der Konsumenten nur so zufliegen. Ein paar Fältchen sind wohl genau das Maß an Authentizität, das man in der glattgebügelten High-Fashion-Branche so lange vermisst hatte. Und so werden jetzt über 60-Jährige zu echten Modelstars.

Dick im Geschäft

Einer davon ist die 83-jährige New Yorkerin Carmen Dell'Orfice. Bereits mit 16 zierte sie das Cover der Vogue und gilt deshalb als das weltweit dienstälteste Model, ja Ikone. Aber erst jetzt ist sie wirklich ganz dick im Geschäft. Zuletzt stand sie für Harper‘s Bazaar vor Karl Lagerfelds Kamera. Das Magazin bewies damit das richtige Näschen: Die Ausgabe verkaufte sich außergewöhnlich gut.


Nun ist Carmen Dell'Orefice natürlich nicht irgendeine modelnde Granny, sondern die Grande Dame der alt eingesessenen New Yorker High Society. Ein unbezahlbares Flair. Oder wie Ted Linow, Chef der Hamburger Agentur Mega Models mit Nachdruck betont: „Man muss schon was Besonderes bieten, um ein Star zu werden. Das Alter allein reicht nicht." Zumal in Camens Gesicht, dem Silikon sei dank, auch mit Anfang Achtzig eh noch alles da sitzt, wo es hingehört. Denn nur wer die grundlegenden Regeln des Biz einhält, hat auch gute Karten, zum Star zu werden.


Maßgaben

Dazu gehört auch, den Körper in Schuss zu halten, wie Eveline Hall, 68, weiß: Sie treibt deshalb regelmäßig Sport. „Eine Stunde jeden Morgen“, verrät ihr Entdecker Linow. Ihre Maße, 84–60–90, entsprechen den Vorgaben der Branche. Dafür durfte sie dann auch mit erwähntem Irokesenschnitt über den Laufsteg schreiten. Wenn es ums Körperliche geht, gibt es in der Mode – Alter hin oder her – weder Erbarmen, noch Ausnahmen. Es gehe ja nicht darum, stellt Linow klar, „mit einer Tasse Kaffee in der Hand für die Dritten zu werben“, sondern um High (Class) Fashion.

Lambertz Monday Night


Die eiserne Disziplin, mit der die ehemalige Tänzerin und Schauspielerin ihren Körper modelliert, hat sie ihr Leben lang trainiert. Im Gegensatz zu Dell’Orefice ist Eveline zwar eine Quereinsteigerin. Dennoch gehört sie in ihrem Segment weltweit „zu den vier besten“, wie sie selbst erklärt. Eine ordentliche Portion Charisma stand dem Erfolg dabei sicher nicht im Weg. Die selbstbewussten Hamburgerin wurde schon von Stars wie Peter Lindbergh, Ellen von Unwerth und Patrick Demarchelier fotografiert. Und mit ihrer Geschichte hat sie auch schon in so manchem Talkshow-Sessel Platz genommen. Dass ihr dort die Herzen nur so zufliegen, genießt sie: „So viel Zustimmung, insbesondere von Frauen, habe ich mein Leben lang nicht erfahren.“

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Chadwick Bell - Front Row - Mercedes-Benz Fashion Week Spring 2014

SAlt'n'Pepper

Und die Modeindustrie? Die kann aufgrund der hohen Sympathiewerte gar nicht genug von den über Sechzigjährigen bekommen und platziert sie als silbrige Sahnehäubchen auf ihren Kreationen. Bis vor fünf Jahren färbte sich Eveline Hall noch blond. Doch erst, seit sie ihre Mähne Grau trägt, kommen die Aufträge zuhauf herein. Weshalb ihre natürliche Haarfarbe von ihrer Agentur sogar extra beworben wird: als „Salt‘n‘Pepper".


Sogar für junge Sportswear macht die neue Liga der Topmodels inzwischen Werbung. So wie etwa die 62-jährige Amerikanerin Jacky O'Shaughnessy, TyP: Frau zum Pferdestehlen. Für das Label American Apparel, bekannt für seine provokanten Werbefeldzüge, reckte sie ihre Beine in die Höhe. Beidenswert makellos und und straff natürlich, so will es die Branche. Graue Haare? Gern! Aber der Body sollte doch bitte nicht zu viel über das Alter verraten.

Da geht noch was

Was die Arbeit mit den älteren Models dann überhaupt noch von der mit den Jungen unterscheidet? „Eine ältere Frau kann man nicht mehr formen", sagt Agenturchef Linow. Und Zineta Blank, Gründerin der Agentur Visage, die sich ans Revers heftet, Carmen Dell'Orefice in Europa groß gemacht zu haben, fügt hinzu, dass auch die Jobs gut koordiniert sein wollen: Denn „wenn man ein älteres Model durch die Welt jagt, ist es nach einem halben Jahr ausgebrannt."

Die umtriebige Linda Rodin würde das wahrscheinlich nicht ganz so unterschreiben. Die New Yorkerin war in ihrem Leben bereits Moderedakteurin und gefragte Stylistin.

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Heute vertreibt sie neben ihren Modeljobs noch Schönheitsöle und seit 2008 führt sie zudem auf Ari Seth Cohens‘ Blog Advanced Styleregelmäßig ihre Garderobe spazieren - zusammen mit ihrem Pudel. „Wenn mich jemand bucht, dann nicht bloß als älteres Model, das in bestimmten Klamotten gut aussieht. Sie wollen mich, weil ich jemand bin, bei dem man sich vorstellen kann, dass da gleich noch eine ganze Menge passiert."

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