Afghanistan: "Eine Kugel hatte beide - Mutter und ungeborenes Kind - durchbohrt."

Schwere Zusammenstöße und Kämpfe erschüttern seit 11. Oktober die Region in und um die Stadt Lashkar Gah. Im Provinzkrankenhaus Boost arbeit Marianna Cortesi, sie ist Ärztin von Ärzte ohne Grenzen gibt mit der WIENERIN den Verwundeten nun eine Stimme.

Marianna Cortesi

Erfahrungsbericht von Marianna Cortesi, Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen im Krankenhaus Boost in der Provinz Helmand – Afghanistan.
Anmerkung: Die Namen wurden geändert, um die Patientinnen zu anonymisieren.

"Von den 52 kriegsverletzten Patientinnen und Patienten, die zwischen 11. und 14. Oktober zu uns kamen - alle mit Erfahrungen, die so verheerend waren wie ihre Verletzungen - baten mich vor allem zwei, ihre Geschichte zu erzählen. Abgesehen von der medizinischen Versorgung, die sie erhielten, fühle ich mich dafür verantwortlich, dass ihre Stimmen gehört werden.

Ich war heute morgen bei Safia. Ihre Stärke und Widerstandskraft waren immer noch da, aber ich wusste, dass ihr schmerzender und jetzt flacher Bauch sie ein Leben lang an das im Mutterleib erschossene Baby erinnern würde. Und an ihr unbeschreibliches Leid über den Verlust dieses Kindes, das sie sich so sehr gewünscht hatte.

Safia war im siebten Monat schwanger und hatte seit vier Jahren gehofft, schwanger zu werden. Sie war so glücklich über ihre Schwangerschaft, und seit sie es wusste, hat ihre ganze Familie gut auf sie aufgepasst. Alle hatten sich auf die Geburt gefreut. Sie war schon so nahe, dass alle schon Babykleider vorbereitet hatten.

Am Sonntag stand Safia vor ihrem Haus und unterhielt sich. Seit dem Vortag hatten die Menschen in Safias Dorf den Lärm der Kämpfe näher rücken gehört. Und an diesem Tag war er schon zu nahe. Plötzlich spürte Safia einen Schmerz. Eine verirrte Kugel hatte beide - Mutter und ungeborenes Kind - durchbohrt. Sie wollte zum Krankenhaus eilen, bevor es zu spät war. Aber Schnelligkeit ist in Lashkar Gah nicht leicht, und die Familie musste wegen der Kämpfe einen anderen und längeren Weg zum Traumakrankenhaus nehmen.

Nach stundenlanger Anreise wurde Safia dann von der ersten Gesundheitseinrichtung, die sie erreichte, in das von Ärzte ohne Grenzen unterstützte Provinzkrankenhaus Boost überwiesen. Und genau aus diesem Grund kreuzten sich die Wege von Safia und mir. Nach einem lebensrettenden Kaiserschnitt ist sie jetzt stabil. Aber ohne Kind.

Am Montag kehrte die Familie in ihr Dorf zurück, um das Baby zu beerdigen. Safia blieb bei uns auf der Intensivstation. Doch als sich die Familie für die Zeremonie versammelte, musste sie vor Schüssen fliehen und machte sich auf den Weg zurück ins Krankenhaus, um hier auf Safias Entlassung zu warten.

Safias Trauer auf der Station setzt mir sehr zu - weder im Mutterleib noch im Grab hatte ihr Erstgeborenes Ruhe.

Ich war heute Morgen auch bei Zina - auf der chirurgischen Station für Frauen. Ihre Brust war verbunden. Sie wurde von einer verirrten Kugel getroffen, die ihr acht Monate altes Baby nur knapp verfehlte. Sie war gerade dabei, es zu stillen. Während Zina das Krankenhaus aufsuchte, musste sie ihr Baby zu Hause bei ihrem ältesten Kind lassen, das selbst noch klein ist. Ich denke daran, wie das sein muss, zu Hause allein gelassen, um sich um ein Baby zu kümmern, während die Mutter wegen einer Schusswunde im Krankenhaus behandelt wird.

Als ich aufstand, um zu gehen, fragte sie mich: 'Wann kann ich nach Hause? Ich muss mein Baby füttern.'"

 

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