Advent, Advent

Unlängst habe ich ein kleines Kind zum Weinen gebracht. Die Ursprungsschuld daran trägt allerdings die Mutter. Zu glauben, einen Adventkalender in meinem Büro lagern zu können, ohne dass etwas Schreckliches passiert, grenzt an Debilität.

Sie und ihr Fortpflanz fanden mich schokoladeverschmiert und mit erweiterten Pupillen vor, wie ich das Teil gerade auseinandernahm wie ein Tiger seine Beute. Ich knurrte und schnappte nach den beiden, das Kind bekam große Kulleraugen und fing an zu weinen, die Mutter starrte mich hasserfüllt an.

Nun, das Leben ist kein Rosengarten, gerade nicht im Advent, auch ich musste das lernen. Ich war immer ein - sagen wir - rundliches Kind und obwohl meine Eltern nicht müde wurden, mir das ganze Jahr über allerlei Hochkalorisches in den Rachen zu stopfen, überkam sie beim ersten Schneefall ein seltsamer Sinneswandel, sprich: Der mit Schokolade gefüllte Kalender wurde ab meinem 7. Lebensjahr durch einen mit lustigen Bildchen ersetzt. Was habe ich getobt! Was habe ich geschrien! Wer bitte braucht den Schrott? Spielende Kätzchen vor dem Weihnachtsbaum, apfelwangige Omas, die bunte Socken stricken. Pah! Ich wollte Schokolade! Fette, süße Schoko. Und nicht etwa nur ein Stück, jeden Tag ein Fenster und so. Ich wollte alles. Auf einmal. Also nahm ich den blöden Bilderkalender in meine feisten Fäustchen und riss Fenster 24 auf. Eine Todsünde, wie jeder weiß. Dafür kann man unter Umständen sogar in die Hölle kommen. Meine Mutter schien das zu ahnen und wollte mir die ewige Verdammnis ersparen, vielleicht aber auch sich selbst den Anblick ihres Kindes, wie es den Kopf um 180 Grad verdreht und sie dabei auf Altaramäisch verflucht. Sie eilte tags darauf in den nächsten Laden und kaufte einen neuen Adventkalender, und zwar einen zum Selberbefüllen.

Jeden Tag der 24 schönsten im Jahr eine neue, kleine, vollkommen individuelle Überraschung. Schokolade also. Nachdem Beißsperre und Bettfesseln entfernt worden waren, konnte ich mich rasch mit dem Neuzugang anfreunden. Ich wartete, bis es Nacht wurde. Und nahm mir ein Fenster nach dem anderen vor. Der Inhalt war reichlich und ich überzeugt, dass meine Eltern mich doch liebten. Dummerweise überkam mich der Schlaf in der Küche, man fand mich selig lächelnd in den Überresten des ausgeweideten Kalenders. Im Jahr darauf kamen wir dann ganz ohne aus. Meine Eltern schickten mich nur auffallend oft zu Freunden. Zum Spielen, wie sie sagten. Und ihr ahnt, was ich dort gemacht habe. Der Grinch war ein Bettnässer im Vergleich zu mir. Ich kann die Schreie noch heute hören. Auch meine.
Und jetzt komme ich. Und hole mir eure. Die stille Nacht wird nie wieder so laut sein ...

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