Achmed, bei uns darfst Du die Wahrheit sagen!

Gedankensplitter: Alle reden von Toleranz und Integration. Aber was passiert wirklich, wenn Flüchtlingskinder in eine Schulklasse kommen? Eine Geschichte, die das Leben schrieb.

„Weißt Du“, sagt meine Freundin K., ihres Zeichens Lehrerin und eine der reflektiertesten Menschen, die ich kenne: „ Du wirst dich jetzt wundern, das aus meinem Mund zu hören, aber leicht ist das echt nicht mit den Flüchtlingskindern.“

K. unterrichtet die dritte und die vierte Klasse einer kleinen Volksschule in Niederösterreich. Seit wenigen Monaten bringen vier kleine Flüchtlinge Unruhe in die gewachsene Klassengemeinschaft.

Vier kleine Flüchtlinge bringen Unruhe

Achmed aus Afghanistan, der in Österreich als unbegleitetes Kind gilt, tatsächlich aber seinem 16jährigen Bruder gehorcht. Einem Teenager, der nach dem Tod des Vaters viel zu schnell erwachsen werden musste und jetzt per Smartphone entscheiden soll, ob die Schwestern daheim in Afghanistan verheiratet werden sollen, oder nicht.

Lya und Ashtar aus dem Irak, zwei Mädchen, die dabei waren, als ihre Eltern von der Polizei in Ungarn in einem Lager brutal verprügelt wurden. Die eine ist seither aggressiv, die anderen so angepasst, dass man sie fast nicht wahr nimmt.

Faris aus Syrien, dessen Eltern sich für die Flucht nur die Schlauchbootfahrt bei schlechtem Wetter leisten konnten.

Schreckliche Erlebnisse, die man keinem Kind zumuten möchte.

Kinder aus einer anderen Zeit

Aber es sind nicht nur die verletzten Kinderseelen, die die Integration schwer machen. Das Problem ist, dass diese Kinder wirken, wie aus einer anderen Zeit gefallen.

Letztens hat Achmed einen anderen Buben beim Fußball getreten. K. hat das genau gesehen. Als sie ihn darauf angesprochen hat, hat er gelogen. „Ich war das nicht, ich hab das nicht getan!“

K. ist eine gute Pädagogin. Sie weiß, Achmed lügt nicht, weil er ein schlechter Mensch ist. Er lügt, weil er Angst vor Strafe hat. Strafe, die in seiner Welt normal ist. Wo Prügel drohen, versuchen Kinder immer sich rauszureden... und nicht nur Kinder.

Das war bei uns in den 50er und 60er Jahren nicht anders. Sogar K., die selbst streng erzogen wurde, kann sich noch an verzweifelte Notlügen aus Kindermündern erinnern.

Aber für die niederösterreichischen Kinder, denen im Kindergarten und in der Volsschule mühsam beigebracht wurde, für sich selber und ihre Taten einzustehen, ist das schwierig zu verstehen.

Zeit, die Lügengespinste zu entwirren

Jetzt verbringt K. viel Zeit damit, Lügengegespinste zu entwirren und Täter und Opfer zu beruhigen. Das stört den Unterricht und ist anstrengend für die Treter und die Getretenen. Und selbst die geduldigste Lehrerin wünscht die Beteiligten manchmal auf den Mond oder zurück in die Wüste.

Und dann gibt es doch wieder Momente, die Hoffnung geben.

Denn unlängst hat eine Neunjährige Achmed zur Seite genommen und ihm ganz plausibel von Kind zu Kind erklärt, was Sache ist:

"Achmed, bei uns darf man die Wahrheit sagen!"

Es ist nicht sicher, ob Achmed sich das sofort trauen wird.

Es ist aber sicher, dass dieses Mädchen einen Riesenschritt in Sachen Mitgefühl, Problemlösung und soziales Lernen gemacht hat. Und auch das zählt.

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