Ach, hätt’ ich doch ...

Hinter dem Ärger über verpasste Gelegenheiten verbirgt sich die Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen. Ein Dossier über die Macht der Reue und die Kraft der Vergebung.

Hinter jedem Selbstzweifel, hinter jedem Ärger über eine verpasste Gelegenheit verbirgt sich die Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen. Vorausgesetzt, man lernt daraus – vor allem auch, sich selbst zu verzeihen. Ein Dossier über die Macht der Reue und die Kraft der Vergebung.

Text Daniela Schuster Artwork Hedi Lusser/ hedilusser.com

Bin verschnupft. Mal ­wieder. Doch angeblich besteht kein Grund zur Sorge: Neurowissenschaftlich betrachtet bin ich wohlauf. Sich kränken gilt laut US-Psychologe Neal Roese nämlich als Zeichen einer einwandfreien geistigen Gesundheit. „Mit Hilfe negativer Emotionen signalisiert uns unser psychologisches Immunsystem, wann und in welchem Maße wir für ein aktuelles Verhalten Korrekturen vornehmen müssen“, sagt der Experte. Angesichts meiner momentan recht veritablen Verstimmung kann ich wohl davon ausgehen, dass mein innerer Abwehrmechanismus seinen Job verdammt ernst nimmt: Kaum hatte ich mich nämlich an den Schreibtisch gesetzt, um diesen Artikel zu schreiben, bereute ich schon zutiefst, nicht schon früher damit angefangen zu haben.

„Hätt’ ich nur“, „Wär’ ich bloß“, „Würd’ ich nicht“ – Fakt ist, dass mein Liebster zum dritten Mal in dieser Woche allein zu Abend essen muss. Und ob meine Lieblingsfreundin mich nach dieser neuerlichen Absage jemals wieder fragen wird, ob ich mit ihr ins Kino gehe, ist auch fraglich. Deshalb fällt es mir – geistige Gesundheit schön und gut – auch recht schwer, meiner ziemlich aus dem Lot geratenen Work-Love-Balance etwas Positives abzugewinnen. Oder besser: meiner Verstimmung darüber. Doch genau das sollte ich, bekräftigt Neal Roese. Denn „Reue und Zweifel blockieren nicht etwa, sondern bergen immenses Potenzial für unsere persönliche Entwicklung und Entfaltung. Sie sind ein wichtiger Schritt, um unsere Zukunft zu gestalten. Diese vermeintlich negativen Gefühle erinnern uns nämlich daran, dass wir etwas hätten besser machen können.“

Fragt sich nur: Was? Keine Verab­redungen mehr treffen? Redaktionelle Deadlines ignorieren? Das Wochenende vor dem Redaktionsschluss durcharbeiten? Oder nach 15 Jahren on the job einsehen, dass L(i)eben und Beruf nur vereinbar sind, wenn ich Letzteren wechsle? Die Antwort lautet: nichts davon. Denn die Dinge sind nun einmal, wie sie sind, weil ich bin, wie ich bin – und nicht umgekehrt. Statt bei meinen Taten muss ich also wohl oder übel beim Täter ansetzen. Keine leichte Übung, meine eigene Schwäche anzunehmen und mir selbst einzugestehen, dass nicht die fiese Medienbranche, sondern allein ich, die ewige Ja-Sagerin, für durcharbeitete Nächte verantwortlich bin.

Der nächste Schritt ist loszulassen, indem wir anerkennen, dass wir uns in der gegebenen Situation gar nicht anders verhalten konnten“, sagt die deutsche Psychoanalytikerin Luise Reddemann. „Dieses Sich-selbst-Verzeihen beinhaltet auch das Versprechen an uns selbst, uns zu ändern.“ Praktischerweise hält unser Hirn laut Neal Roese hilfreiche Wegweiser in Richtung positive Veränderung parat, wenn auch ein wenig umständlich verpackt – in allseits bekannte Ach-hätt’- ich-dochs. Diese vom Hirn spontan produzierten Gedanken sind so was wie Gegenweltentwürfe – oder besser: ein Gegen-Ich-Entwurf – unseres Geistes. Es liegt also bei mir, diese Botschaften für mein Handeln produktiv zu machen.

Wie Sie Zweifel an der Vergangenheit in Chancen verwandeln, lesen Sie in der Jänner-Ausgabe der WIENERIN.

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